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Presseschau
Entzaubert in Sevilla          
Kann Jogi Löw nach dem Debakel gegen Spanien noch Bundestrainer bleiben? Der Weltmeister von 2014 hat nur noch wenige Fürsprecher. Die Pressestimmen – gesammelt von indirekter-freistoss.de

 

Jogi Löw
Nicht mehr hinsehen: Jogi Löw, hier bei der EM 2016 in Frankreich. Foto Pixathlon

 

0:6 gegen Spanien. Hat die Nationalef mit Bundestrainer Joachim Löw noch eine Zukunft?  Béla Réthy (zdf.de) schießt gegen den Bundestrainer: „Die Monate bis es im Frühjahr weitergeht, verbringt man am besten mit der Suche nach einem neuen Boss. Der Bundestrainer wird mit dem Ballast nicht mehr umgehen können. Wenn eine Mannschaft so viel Leblosigkeit ausstrahlt, hat der Trainer die Verantwortung. In der Außenwirkung vor dem Bildschirm scheint Joachim Löw resigniert zu haben.“

Oliver Fritsch (Zeit Online) schlägt die Hände vors Gesicht: „Diese Niederlage würde nicht mal Donald Trump zum Sieg erklären. Das herabwürdigende 0:6 von Sevilla trägt historische Züge. Höher verlor eine deutsche Nationalmannschaft zuletzt 1909. Höher verlor ein Bundestrainer sogar noch nie, denn zu Zeiten des Kaisers (Wilhelm, nicht Franz) gab es diesen Job noch gar nicht. Damals, vor mehr als hundert Jahren – Jogi Löw war noch nicht im Amt –, bestimmte noch der Mannschaftskapitän die Taktik. So hätte es das DFB-Team am Dienstagabend vielleicht auch machen sollen. Denn Löws Plan ging schief, schiefer, am schiefsten.“

Enthüllung und Entlarvung

Philipp Selldorf (SZ) ist gespannt: „Wie lange Joachim Löw noch den Titel Bundestrainer tragen darf, wird das Thema der nächsten Tage sein. Im ersten Reflex haben ihn die mitgereisten DFB-Vertreter Fritz Keller und Oliver Bierhoff im Amt bestätigt. Aber die Frage ist, ob sie nicht im Zuge der unvermeidlich aufkommenden öffentlichen Trainerdebatte zu neuen Ansichten gelangen werden. In Sevilla ist ja mehr als eine heftige Niederlage passiert, es ist der Eindruck einer Enthüllung und Entlarvung entstanden.“

Peter Ahrens (spiegel.de) haut auf den „Druck erhöhen“-Buzzer: „November bis März, das ist normalerweise die Zeit, in der Joachim Löw sich ausruht, sich zurücknimmt, Energie sammelt. Jetzt jedoch muss er diese vier Monate richtig hart arbeiten, vor allem an sich. Möglicherweise so hart, wie er es bisher nie getan hat. Er muss der Öffentlichkeit glaubhaft einen Plan für das EM-Turnier vermitteln, personell, konzeptionell. Diese Chance hat er noch. Es ist seine letzte.“

Michael Rosentritt (Tagesspiegel) weist den Weg: „Wo fängt man an, und wo hört man auf? Es ist offensichtlich, dass Joachim Löw nicht das Optimum aus dieser durchaus spannenden Mannschaft herauszuholen vermag. Und so schwebt über dem Debakel von Sevilla auch eine gewisse Tragik. Es ist die Tragik all jener, die nicht spüren, wann es Zeit zu gehen ist. Den idealen Zeitpunkt, um durch das große Tor zu gehen, hat Löw verpasst. Jetzt bleibt ihm nur die Hintertür.“

Ein Jahr zum Vergessen

Jan Christian Müller (FR) holt aus: „Der DFB hat ein Jahr zum Vergessen erlebt. Ein Jahr der bislang fruchtlosen Streitigkeiten in der Führung, garniert mit dem unseligen Besuch der Staatsanwaltschaft; ein Jahr dazu, das die Probleme im Nachwuchs aufzeigte mit einer Wucht, die immerhin von der EM-Qualifikation der U21 am Dienstag etwas gemildert wurde. Ein Jahr, das finanziell glimpflich ausging, weil die Nationalmannschaft sich brav durch die Coronapandemie manövrierte, zu brav am Ende, weshalb die Schmach von Sevilla als eines der hässlichsten Kapitel dieses Jahres in die Historie eingehen wird.“

Tim Schulze (stern.de) hat die Faxen dicke: „Eine Leistung wie gegen Spanien lässt sich nicht mehr schönreden. Abgesehen von der historischen Dimension der Klatsche zeigt sie: Löw erreicht die Mannschaft offenbar nicht mehr, saft- und kraftlos ergaben sich die Spieler gegen eine spanische Mannschaft, in der alles stimmte: Konzentration, Aggressivität, Kommunikation, Tempo, Taktik, Spielfreude – nichts davon war bei den Deutschen zu sehen. Das Spiel war eine einzige Bankrotterklärung.“

Christian Kamp (FAZ) verteilt Regenschirme und Gummistiefel: „Am Ende einer Länderspielperiode, die mit Bierhoffs Bild von der „dunklen Wolke“ begonnen hatte, das er allein auf das Atmosphärische bezog, steht das deutsche Team auch sportlich da wie ein nackter Mann im Sturm, als Schönwetterprojekt mit einem Schönwettertrainer, der in großen Linien denkt, aber – wieder einmal – keine Antwort fand auf das, was auf dem Platz passierte. Knappe zweieinhalb Jahre nach dem Vorrunden-Aus in Russland steht der Weltmeister von 2014 an einem neuen Tiefpunkt und vor quälenden Fragen.“

Jörg Tegelhütter (ndr.de) stellt sich vor den DFB-Coach: „Es stimmt, ein 0:6 gegen Spanien ist peinlich und Löw ist in der Verantwortung. Aber was, oder besser gesagt, wer kommt nach dem Rauswurf? Löw hat nach dem WM-Desaster in Russland einen neuen mutigen Weg eingeschlagen mit jungen Spielern. Die werden nächstes Jahr wahrscheinlich nicht Europameister, aber Erfolg braucht Zeit. Und bis zur EM im eigenen Land 2024 ist es ja noch ein bisschen hin.“


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