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Rassismus verliert immer       
Herthas Jordan Torunarigha wird auf Schalke rassistisch beleidigt. Die Pressestimmen – gesammelt von indirekter-freistoss.de

 


Jordan Torunarigha
Rassistisch beleidigt: Jordan Torunarigha, Hertha BSC Berlin. Foto Pixathlon

 

Im DFB-Pokalspiel zwischen Schalke 04 und Hertha BSC überschatten rassistische Beleidigungen aus der Schalker Fankurve das Spielgeschehen. Julian Graeber (Tagesspiegel) nimmt sich Schiedsrichter Harm Osmers zur Brust: „Der Fußball stellt sich gerne öffentlich in den Mittelpunkt und sagt jeglicher Diskriminierung auf Plakaten sowie in Videos den Kampf an. In der Praxis passiert aber viel zu wenig. Dass ein Schiedsrichter über rassistische Beleidigungen informiert wird und diesen Hinweis – wie Herthas Niklas Stark sagt – nur „zur Kenntnis nimmt“, ist unverantwortlich. Osmers hat den Vorfall vermutlich nicht selbst mitbekommen, wie die meisten anderen Spieler und auch große Teile der Zuschauer nicht. Niemand erwartet vom Schiedsrichter, dass er das Spiel in solch einem Fall sofort abbricht, eine Reaktion hätte es aber geben müssen.“

Marcus Bark (Spiegel Online) schließt sich an: „Schiedsrichter Osmers habe laut Sippel zunächst keine Beleidigungen mitbekommen. Als er schließlich vor der Verlängerung – also rund 20 Minuten nach dem Vorfall – auf die Aktion aufmerksam gemacht wurde, sei es für Stufe eins, die Stadiondurchsage, zu spät gewesen. Das sagte Sippel im Gespräch mit sportschau.de. Demnach sei da „der Kontext nicht mehr herzustellen gewesen“, so Sippel. Eine eigenartige Argumentation. Rassistische Übergriffe haben schließlich keine Halbwertszeit von 20 Minuten.“

Mehr zivilisatorische Notwendigkeit als Fortschritt

Claudio Catuogno (SZ) kommentiert wie folgt: Dass Torunarigha am Ende einer hitzigen Partie die rote Karte sah, was wiederum die ausgeschiedenen Berliner aufwühlte, verlieh dem Vorfall eine Aufmerksamkeit, die die Gruppe der Pöbler größer erscheinen lässt, als sie war. Relativieren muss man deshalb nichts. Dass vieles, was noch vor zwanzig Jahren zum Stadionalltag gehörte – Rassismus, Homophobie, Sexismus –, heute nicht mehr hingenommen wird, ist ja mehr zivilisatorische Notwenigkeit als Fortschritt.“

Holger Luhmann (sport1.de) zeigt mit dem Finger in Richtung VIP-Tribüne: „Trainer Wagner und auch Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider haben sich nach dem Spiel für das vermeintlich schlimme Verhalten einiger Zuschauer entschuldigt. Das ist wichtig, aber auch das Mindeste. Dennoch steckt der Klub in einem Dilemma. Es ist eben nicht gerade glaubwürdig, wenn Fans nach rassistischen Beleidigungen womöglich mit einer drastischen Stadionsperre belegt werden, der eigene Aufsichtsratsboss aber verhältnismäßig milde sanktioniert wird.“

Stefan Nestler (dw.com) klopft mit fragendem Blick an die Hertha-Kabinentür: „Schiedsrichter Osmers hätte schon vor dem Platzverweis ein klares Zeichen setzen können und auch müssen, dass rassistische Ausfälle wie jene gegen Torunarigha nicht als „Kavaliersdelikt“ hingenommen werden. Hertha BSC muss sich fragen lassen, warum die Mannschaft nicht – wie kürzlich das U16-Team des Vereins in einem ähnlichen Fall – geschlossen den Platz verlassen hat. Auch das wäre ein deutlicheres Zeichen gewesen als die Solidaritätsbekundungen für Torunarigha im Nachhall des Spiels.“

Audio-Beweis mit Mikrofonen

Wolfgang Heise (Berliner Kurier) erinnert an das Grundgesetz: „Die Unparteiischen sind voll konzentriert auf das Spielgeschehen und verlieren manchmal fatal den Blick auf das große Ganze. Referee Harm Osmers hat regelkonform engstirnig bei Jordan Torunarigha die Gelb-Rot gezogen, weil er sich unsportlich mit dem Schmeißen einer Getränkekiste verhalten hat. Unsportlich! Naja, unmenschlich und widerlich waren die Schmährufe gegen den Deutsch-Nigerianer und in Abwägung von Unsportlich und Unmenschlich und in Anbetracht des Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ darf kein Fußballspiel zum rechtsfreien Raum werden. Bei rassistischen Beleidigungen im Stadion sofort Spielabbruch. Und für den Beleg bitte den Audio-Beweis mit Mikrofonen.“

Max Dinkelaker (11Freunde) stellt sich auf die Seite der königsblauen „Normalo“-Mehrheit: „Tönnies Aussagen haben sicher nicht dabei geholfen, Rassisten und Rechten den Gang ins Stadion zu vermiesen. Aber zu behaupten, erst die Beleidigungen des Chefs hätten Rassisten den Weg in den Fanblock bereitet, ist relativierender Blödsinn. Denn das, was gestern mutmaßlich passiert ist, also Affenlaute in Richtung eines Fußballers, hat mit Schalke selber herzlich wenig zu tun. Es hätte genauso gut in Hamburg, in Münster oder in Berlin passieren können, in Dresden oder in Rostock. Eben überall in einem Land, in dem eine rechtsradikale Partei in Sonntagsfragen mittlerweile auf knapp 15 Prozent der Wählerstimmen kommt.“



 
 


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