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Eine große Niederlage   
Der Rücktritt von Mesut Özil: Die Reporter analysieren, wie es soweit kommen konnte. Die Pressestimmen – gesammelt von indirekter-freistoss.de. 

 


Mesut Özil
Rücktritt: Mesut Özil bei seinem 92. und vorerst letzten Länderspiel. Foto Pixathlon

 

Mesut Özil hat sich entschieden, nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. Martin Schneider (SZ) ist besorgt: „Dieses brutale Ende zwischen Özil und der deutschen Nationalmannschaft ist nun die wahre Niederlage dieses Sommers – nicht das Vorrundenaus der deutschen Elf. Nein, die Folgen, die diese Verwerfung mit sich bringt, werden viel schwerwiegender sein, als es Pleiten gegen Mexiko und Südkorea je hätten sein können. Verschiedene Seiten werden sich nun ihren Teil der Wahrheit raussuchen und für ihre Zwecke instrumentalisieren.“

Christian Spiller (Zeit Online) schließt sich an: „Sein Rückzug ist ein fatales Symbol, in einer Zeit und in einem Land, in dem rechte Parteien immer lauter schreien und auf Marktplätzen gebrüllt wird, dass Flüchtlinge absaufen sollten. Die Folgen des Rücktritts eines Spielers, der für so viele türkischstämmige Jugendliche, und nicht nur die, ein Vorbild war, sind noch gar nicht abzuschätzen. Nur eines steht fest: Mit Özils Abgang haben die Populisten gewonnen.“

Christian Tretbar (Tagesspiegel) nimmt sich DFB-Chef Reinhard Grindel zur Brust: „Besonders schäbig wird es, wenn der ranghöchste DFB-Funktionär nach einer misslungenen WM auch noch in das populistische Horn bläst. Das ist ein Armutszeugnis, und das ist ein Rücktrittsgrund. Wer sich mit der politischen Vita des DFB-Präsidenten beschäftigt, erkennt, dass Grindel vom Modell Nationalmannschaft als Integrationsaushängeschild nicht viel halten kann. Und das vom Spitzenvertreter jenes Verbands, der historisch besonders sensibel beim Thema Rassismus sein sollte. Dass Özil den DFB-Präsidenten nun so frontal angreift, ist nachvollziehbar.“

Umgewendeter Chauvinismus

Joachim Frank (ksta.de) reagiert mit Unverständnis: „Özils Erklärung klingt einnehmend, wenn er auf die Hochachtung vor seinem familiären Erbe verweist. Er solle nie vergessen, wo er herkam, habe seine Mutter ihn gemahnt. Was aber hindert ihn, sich auch daran zu erinnern, wo er hingekommen ist? Dass von Deutschland nur der DFB und die Abrechnung mit dessen Präsidenten übrig bleiben, mag als Verweigerung gegenüber der Özil zugedachten Rolle des WM-Sündenbocks angehen. Aber als Signal an alle Deutschen, die nicht Reinhard Grindel sind, hat es etwas von umgewendetem Chauvinismus.“

Anno Hecker (FAZ) verbannt sein Özil-Trikot in den Keller: „Wer sich so haltungslos auf seine kleine Welt beruft und sich auf sie zurückzieht, verrät die Solidarität mit allen, die um Freiheit gekämpft haben – und im Land seiner Eltern darum kämpfen.“

Tilmann Mehl (Augsburger Allgemeine) wendet sich ebenfalls ab: „Mesut Özil hat einen krassen Fehler begangen. Dass er ihn nicht einsieht, ist schade. Dass er die Schuld für die verfahrene Situation ausschließlich an anderer Stelle sucht, ist mehr als nur bedauerlich. Es bedarf keiner außergewöhnlichen charakterlichen Voraussetzungen, um deutscher Nationalspieler zu sein. Auch ist kein aktives Bekenntnis zu Grundwerten notwendig. Einen De-facto-Diktator zu unterstützen, geht aber nicht.“

Jan Christian Müller (FR) verabschiedet sich: „Es gehört zu Özils persönlicher Tragik, dass ausgerechnet er zum Bolzball seiner türkischen Berater, der geglückten Wahlkampagne des Präsidenten Erdogan, des DFB bei dessen missratener Titelverteidigung und einer auch von enthemmter Bösartigkeit getriebenen Debatte auf dem Resonanzboden von Rassismus geworden ist, gegen den jeder mal treten durfte. Dabei wollte der Mesut doch immer nur gut Fußball spielen. Man darf für ihn hoffen, dass das unheilvolle Gezerre wenigstens bald ein Ende hat. Wenn auch ein wenig rühmliches.“

 
 


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