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SASCHA GÖPEL
„Fußball gehört zu den Arbeitern“
Sönke Wortmann gab ihm die Rolle als Helmut Rahn im „Wunder von Bern“. In Teil 2 des RUND-Interviews redet Sascha Göpel, der in der Jugend für Rot-Weiß Essen spielte, über Klinsmanns Kabinenansprachen und Jens Lehmann vom Lokalrivalen Schwarz-Weiß. Interview Matthias Greulich und Rainer Schäfer

Sascha Göpel
Working Ckass Hero: Sascha Göpel als
Helmut Rahn im Film „Das Wunder von Bern“

RUND: Die WM ist noch nicht einmal zwei Jahre vorbei, und wird auch durch Sönke Wortmanns „Sommermärchen“ verklärt. Woher rührt dieses Bedürfnis?
Sascha Göpel: Fußball hat auch viel mit Kunst zu tun, ist unglaublich intelligent, ist aber gleichzeitig auch unglaublich emotional und körperlich. Die Leute können mit einsteigen. So sollte es ja im besten Falle auch bei einem guten Film sein und auch einem guten Theaterstück. Mir geht es bei einem Theaterstück oft so, dass man mitarbeiten muss als Publikum. Du sitzt dann da und denkst: Oh, Mann, das macht mich fertig, ich habe keinen Bock mehr jetzt. Und du gehst raus und denkst, das war ein sehr guter Abend, ich muss da aber noch mal drüber schlafen. Und dann schläfst du eine Woche drüber, und nach einer Woche nimmst du diesen Abend als Hammer wahr.

RUND: Geht Ihnen das beim Fußball auch so?

Sascha Göpel: Ja. Wenn man wie ich regelmäßig zu Hannover 96 geht, muss man stark leidensfähig sein. Da gehst du neunmal hin und denkst: Das ist noch nicht mal Scheiße, aber es ist im Moment gar nichts, die kommen nicht aus dem Quark, irgendwas stimmt nicht! Und dann kommt ein Knaller. Dann kommen einfach fünf Dinger gegen Hertha. Und das setzt Energien frei. Fußball löst Emotionen frei, die sonst nicht so leicht zu haben sind.

RUND: Im „Sommermärchen“ geht es manchmal sehr schlicht zu, trotzdem hat es ein großes Verklärungspotenzial.
Sascha Göpel: Ich habe bis 17 leistungsmäßig Fußball gespielt, Verbandsauswahl, DFB-Stützpunkttraining gemacht. Für mich war das nicht so überraschend. Die Gespräche und die Stimmung in der Kabine sind fast die gleiche, ob Jugend oder Nationalmannschaft. Das kannst du einfach nur abfilmen. Ich glaube, alle Fußballer, die im Kino saßen, haben gesagt: „Genau so ist das.“ Ich habe die ganze Zeit nur gedacht: Geil! Das ist da genau so, wie es früher bei uns war, nur die gehen jetzt gleich rauf und spielen gegen Polen!

RUND: In den Feuilletons wurden die Kabinenansprachen von Jürgen Klinsmann kritisiert.
Sascha Göpel: Das finde ich lächerlich. Wenn du ein bisschen Gefühl dafür hast, dann merkst du doch, dass es nicht immer um den Inhalt, um die Texte geht. Das ist ja beim Theater genauso. Manchmal gibt es Figuren auf der Bühne, die haben eine Magie, die bringen was mit, die bringen Energien mit, das knallt dir direkt ins Herz. Das macht Bang, das ist da! Da hörst du gar nicht mehr darauf, was gesagt wird. In so einer Situation hätte Klinsmann auch Kauderwelsch, in einer Fantasiesprache reden können. Mit seinem Duktus, mit seiner Energie hat Klinsmann die Jungs mitgerissen. Wer sich oft in einer Fußballkabine umgezogen hat, der weiß, wie das funktioniert. Deswegen berührt mich das immer. Klar kann man darüber Witze machen, wenn Klinsmann seine Mannschaftsansprache in breitestem Schwäbisch hält. Aber als Spieler sitzt du da und denkst, okay, alles klar. Ich gehe da gleich raus gegen Polen oder noch krasser gegen Argentinien. Einfach so. Und was war das für ein Spiel!

RUND: Jens Lehmann aus Ihrer Heimatstadt Essen war auch dabei.
Sascha Göpel: Kompliment an Lehmann für diese WM, aber er kommt wie Oliver Bierhoff von Schwarz-Weiß Essen. Das Verhältnis zu Rot-Weiß Essen ist schwierig in der Stadt. Die Roten nehmen die Schwarzen nicht ernst. Schwarz-Weiß ist immer der Lackschuhverein gewesen und Rot-Weiß im Essener Norden immer der Arbeiterverein. Schwarz-Weiß konnte gar nicht besser sein als die Roten, weil Fußball gehört zu den Arbeitern. Fußball und Bierchen, das gehört dazu, das war bei Helmut Rahn so, das ist bei mir so. Das gehört im richtigen Teil von Essen einfach dazu.

RUND: Sie waren als Talent von Rot-Weiß immer auf der richtigen Seite.
Sascha Göpel: Wilfried Schenk war damals Hauptsponsor, der hat sein Geld gemacht mit Gemüse- und Obst. Import, Export, Essener Unternehmen auf dem Großmarkt. Er hat meinen Freund Mark und mich als Aushilfen eingestellt. Wir beide wollten unbedingt einen Motorroller haben und von dem bescheidenen Geld, was man bei Rot-Weiß gekriegt hat als Spieler, konnte man sich den nicht kaufen. Mein Vater hat gesagt, ich unterstütze dich beim Führerschein, aber mit dem Roller musst du mal sehen. Dann durften wir netterweise bei Schenk auf dem Großmarkt morgens um sechs Früchtekisten stapeln für zehn Mark die Stunde damals. Das war ein Schweinejob, richtig scheiße. Krass, der Hauptsponsor von Rot-Weiß, der die ganze Zeit etwas von der wichtigen Jugendarbeit im Verein erzählt, der gibt uns dann zehn Mark Stundenlohn. Ich hätte in der Kneipe damals zwölf gekriegt. Und da komme ich den ersten Tag rein und wer ist da – wer kommt da aus dem Büro und arbeitet unten im Lager als Vorarbeiter? Ingo Pickenäcker.

RUND: Für Laien: das Essener Fußballidol Pickenäcker.
Sascha Göpel: Klar, der Pickenäcker hat noch gespielt, ich war damals 16! Vielleicht ist diese Verklärung auch ganz gut, sie federt die Realität ein bisschen ab. Viele Kicker haben Schwierigkeiten, sich im normalen Leben wieder zurechtzufinden. Jürgen Wegmann fällt mir da als erstes ein. Der hat ja auch bei den Roten gespielt. Der hat irgendwann eine Schiedsrichterausbildung gemacht und in Essen und Umgebung Bezirksligaspiele gepfiffen. Den habe ich als kleinen Jungen bei Bayern München im Fernsehen gesehen und gedacht: Ey, was ist das für ein krasser Stürmer! Aber der war natürlich auch nur die Kobra, weil der nicht eine Minute darüber nachgedacht hat. Der war 100 Prozent Instinkt. Typisch Ruhrpott.

RUND: Pickenäcker hat lange so eine Poppertolle getragen.

Sascha Göpel: Ja. Das war noch die Carsten-Pröpper-Zeit, da war er noch ganz jung. Torwart Frank Kurth war natürlich der coolste. Ich erinnere mich an die große Aufstiegssaison, als die Roten in die Regionalliga aufgestiegen sind. Da war ich in der B-Jugend, das müsste 1994/95 gewesen sein. Ich weiß auf jeden Fall, dass die Hafenstraße unfassbar voll war beim entscheidenden Spiel um den Aufstieg. Da war der Christian Dondera dabei und dieser Olli Greiner. Olli hat immer Übersteiger gemacht, nur ungefähr halb so schnell wie Cristiano Ronaldo. Aber er hat sie genauso oft gemacht. Und trotzdem sind alle immer drauf reingefallen, und das war natürlich ganz groß. Das ganze Stadion hat bei jedem Übersteiger immer „hey hey“ geschrieen. Das habe ich heute noch im Ohr.

RUND: Wenn Sie eine Traumelf zusammenstellen sollten mit RWE-Spielern ...

Sascha Göpel: ... dann ist natürlich Helmut Rahn dabei. Penny Islacker auf alle Fälle, der hatte auch eine Kneipe. August Gottschalk, der Kapitän der Meisterelf 1955. Das waren Working-Class-Heros. Frank Mill, Dieter Bast, Didi Klinger und der weißblonde Fürhoff. Pickenäcker spielt Abwehr mit Willi Landgraf, Frank Kurt fand ich immer geil, hätte auch irgendwann mal Erste Liga verdient gehabt, weil er ein guter Torwart war. Wir hatten immer gute Torhüter wie Fritz Herkenrath und Sascha Kirschstein. Carsten Pröpper gehört dazu, auch Arie van Lent noch, der bei Rot-Weiß seine Karriere beendet hat. Und Christian Dondera muss auch rein, der hatte was von Altin Lala, von der Spielanlage her. Altin Lala werde ich bei 96 niemals wegdenken können. Er ist total wichtig.

Sascha Göpel
Entspannen beim Fußball: Sascha Göpel geht gerne
zu den Heimspielen von Hannover 96 Foto Anna-Lisa Mauriello


RUND: Was halten Sie von Jiri Stajner, dem Enfant terrible von Hannover 96?

Sascha Göpel: Mit Stajner habe ich so meine Probleme. Ich war jetzt mit meinem Vater ab und zu mal im Stadion, und der hat immer gesagt: „Warte mal ab, lass mal, lass mal, der kommt gleich.“ Und dann macht er plötzlich etwas Unerwartetes, wie das Siegtor damals gegen Gladbach vorletzte Saison. Was mich bei Stajner so ein bisschen stört: Ich stehe eher auf die eleganten Spieler. Ich war immer ein Zidane-Fan. Bei Stajner sieht es manchmal so ein bisschen holprig aus. Und der ist entweder top oder flop. Aber so generell – wir brauchen einen besseren Sturm, ich bleibe dabei.

RUND: Würden Sie gerne den älteren Helmut Rahn spielen?
Sascha Göpel: Der einzige, der an diesen Stoff ran dürfte, ist Sönke Wortmann. Beim „Wunder von Bern“ haben wir versucht, Kontakt aufzunehmen mit Helmut Rahn. Ich konnte mit Rahns Kumpels aus der Kneipe sprechen, die aber alle immer gesagt haben: „Hör mal, der Helmut ist nicht mehr gut zurecht, lass dat mal lieber.“ Und dann haben wir ihm noch mal einen Brief schreiben wollen, und da haben aber alle davon abgeraten. Und seine Frau hat ihn auch komplett abgeschirmt. Er war einfach krank am Ende. Ich glaube, sie will nicht, dass das Ende dieses Fußballhelden verfilmt und öffentlich gemacht wird. Wenn sie das nicht will, sollte man das akzeptieren. Ich glaube, Rahn hätte das auch nicht gewollt. Er hat sich total zurückgezogen.

RUND: Wenn Sönke Wortmann diesen Stoff trotzdem verfilmen würde, wäre es dann eine Rolle für Sie?
Sascha Göpel: Natürlich! Der Boss in alten Jahren, das ist ja ein totales Charakterfach, also, wenn das so käme, dann würde ich mir auch einen Bauch zulegen, kein Ding!

Klicken Sie hier, um den ersten Teil des Interviews mit Sascha Göpel zu lesen: "Hey Boss, alles klar?"

Lesen Sie auch ein Porträt der Familie Islacker, deren Großvater Penny mit Rot-Weiß Essen Deutscher Meister wurde

Sascha Göpel
Rasanter Aufstieg: Aus dem Schüler Göpel wurde
über Nacht „der Boss“ Foto Anna-Lisa Mauriello


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