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TAKTIK
Herr Rangnick, wie geht moderner Fußball?
Niemand konnte unserem Autor Elmar Neveling das Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund erklären, das zu viele Fragen offen ließ. Udo Lattek erzählte „von vorm Krieg“ – kann jetzt nur noch Ralf Rangnick helfen?

Ralf Rangnick
Herr Rangnick, bitte helfen Sie: Der moderne Fußball
ist nicht mehr zu verstehen, findet Autor Elmar Neveling Foto Gianni Occhipinti


Als Ralf Rangnick vor der Taktiktafel über das raumorientierte Verschieben einer Viererkette dozierte, ahnten die Zuschauer des „Aktuellen Sportstudios“, dass Fußball kein einfaches Spiel ist. Dem Fußball-Lehrer wurde im Dezember 1998 von verstörten Beobachtern das Etikett „Professor“ angeheftet, um den jetzigen Traier von Hoffenheim lächerlich zu machen. Doch blieb für viele die Frage offen: Werde ich das Spiel je wieder so ganz verstehen können? Seit dem DFB-Pokalfinale vom letzten Samstag glaube ich, den Fußball nie wirklich kapiert zu haben. Zu viele Fragen sind offen geblieben.

Da gehen die Bayern nach zwölf Minuten durch Luca „Tore, Tore, Tore“ Toni in Führung und spielen die ersten dreißig Minuten derart dominant, dass man sich an die Begegnung sechs Tage zuvor erinnert fühlt – als sich die Kontrahenten bereits in der Allianz-Arena zum Bundesliga-Pflichtspiel trafen und der FC Bayern Borussia Dortmund mit 5:0 überrollte.

Warum nur wollen die Münchener diesmal den Ball ins Tor tragen und nur noch Hacke-Spitze-eins-zwei-drei spielen? Heute, wo es um einen Titel geht? Heißt es nicht immer, die ständigen Englischen Wochen machten die Bayern-Spieler inzwischen müde? Ja, Kruzifix, warum spielen sie dann nicht zielstrebig und suchen die schnelle Entscheidung gegen völlig verunsicherte Dortmunder? Warum nicht?

Der „Kicker“ gibt Franck Ribéry die Spielnote 2,5. Dafür, dass er die Vorlage zum 1:0 liefert und Rechtsverteidiger Antonio Rukavina auch mit Fuß am Ball im Sprintduell locker stehen lässt. Doch warum zieht es den kleinen Franzosen immer dorthin, wo die meisten Borussen sind – um dann fast jeden Ball zu verlieren? Majestätisch beleidigt und abwinkend, wenn ihm sein Spielzeug von der Überzahl abgenommen wird. Will er seine Gegner vorführen? Ist das nicht eine subtile Form der Arroganz?

Dann die Dortmunder. Die Dortmunder! Dort, wo Ärmelaufkrempler wie Jürgen Kohler, Günter Kutowski oder Paul Lambert einst um jeden Zentimeter Rasen kämpften, den das Spielfeld hergab. Jahre muss das her sein. Ist es tatsächlich. Ihre Nachfolger entdecken wahrhaftig bereits nach einer halben Stunde, in der sie sich zuvor ängstlich verkriechen, dass die Bayern heute nur ein bisschen spielen wollen. Mit ihnen nämlich. Dann plötzlich verlassen die Schwarz-Gelben ihren Strafraum und fangen an, zu stürmen. Merken auf einmal: Mensch, da geht was! Weshalb nur merken sie das erst jetzt? Und warum nur verschenkt Trainer Thomas Doll Mladen Petric, einzig torgefährlicher Angreifer der Borussia in dieser Saison, im halblinken Mittelfeld? Dort, wo er seine Stärken nicht ausspielen kann. Ein Dollsches Rätsel.

Die zweite Hälfte. Nach ein, zwei eigenen Torchancen betteln die pomadigen Münchener förmlich um den Ausgleich. Lassen sich immer weiter in die Defensive drängen, anstatt den BVB vom eigenen Tor fern zu halten und selbst Druck auszuüben. Suchen kaum Zweikämpfe mit Innenverteidiger Robert Kovaƒç, der bereits „Gelb“ sah und somit zurückhaltender agieren muss.

Warum können die Dortmunder im Pokalfinale auf einmal kämpfen, wie sie es in der Bundesliga die ganze Saison über nicht getan haben? Obwohl die treuen und erfolgsentwöhnten BVB-Fans jeden noch so kleinen Einsatzwillen dankbar honorieren. „Wir sind stolz, dass sie so gekämpft haben“, höre ich nach dem Finale oft. Ich entschuldige mich für meinen Populismus, doch ist das nicht eine verdammte Selbstverständlichkeit? Dass sich Profis, die bei fantastischer Berliner Atmosphäre einen Titel gewinnen können, sich ihren Allerwertesten aufreißen? Soweit ist es also schon, dass ein wenig Kampfeswille im Pokalfinale reicht, um den BVB zu loben. Auweia.

In der Schlussphase drängt die Borussia immer mehr auf das 1:1, angetrieben von ihren fantastischen Fans im Olympiastadion, die unentwegt singen: „Unser ganzer Stolz, unser ganzes Leben.“ Hingegen die Bayern-Anhänger? Hört man nicht. Hallo, aufwachen Ihr Roten, Eure Mannschaft führt! Traurig, wenn Titel als selbstverständlich hingenommen werden. Ich kapier’s schon wieder nicht. Diese Ignoranz. Dieses gelangweilte bloße Registrieren.

Dann die 89. Minute: Dortmunds Jakub „Kuba“ B≈Çaszczykowski dringt in den Strafraum der Bayern ein. Er sucht den Zweikampf und… setzt zu einer stümperhaften Flugeinlage an. Mal ganz abgesehen von der Unsportlichkeit seiner Schwalbe, an die man sich im Fußball schon gewöhnt hat. Leider. Doch auch selten dämlich, denn die Großchance, das 1:1 zu erzielen, ist dahin. Nur gerecht, dass der vermeintliche „Polen-Figo“ später vom Platz fliegt.

Dann gelingt in der Nachspielzeit doch noch der Ausgleich. Glücklich und holprig, aber verdient. In der Verlängerung ist Dortmund überlegen, Oliver Kahn rettet gegen Florian Kringe. Fast im Gegenzug trifft wieder Toni für die Bayern – 2:1. Jetzt plötzlich kämpft Dortmund nicht mehr, obwohl noch mehr als eine Viertelstunde zu spielen ist. Nichts kommt mehr, gar nichts. Gut, nach dem Platzverweis gegen B≈Çaszczykowski spielt der BVB nur noch zu zehnt. Doch heißt es nicht immer, zehn Mann würden noch einmal zusätzliche Kräfte mobilisieren? Wohl doch nur eine Phrase.

Zurück zu Toni. Der 1,96-Meter-Mann kommt derart hölzern dahergeschlackst, dass er wohl als Rumpelfüßler gälte, würde er nicht mit technischer Perfektion aus zweieinhalb Chancen drei Tore machen. Wie er das macht, bleibt sein Geheimnis. Trotz seiner Körperlänge ist Toni nicht auffallend kopfballstark, noch ist er besonders antrittsschnell. Doch allein sein zweiter Treffer vom Samstag: Wie er erst über den Ball zu fallen scheint, um ihn dann genau dort zu platzieren, wo er für BVB-Keeper Marc Ziegler unerreichbar ist – phänomenal. Eine gewollte Aktion, „bei der sich andere die Beine brechen würden“ (ein glückseliger Uli Hoeneß).

Zu unverständlicher Letzt noch Knut Kircher. Jede noch so kleine Aktion wird von ihm unterbrochen, bis das Spiel endgültig seinen Fluss verliert. Die Vorteilsregel ist dem Pfeifenmann offenbar gänzlich unbekannt. Als hingegen Florian Kringe von Mark „die Grätsche“ van Bommel rüde umgesenst wird, lässt er weiterspielen. Verstehe das einer. Auch Udo Lattek, der so gerne „von vor’m Krieg erzählt“ (Zitat WDR-Reporter Manni Breuckmann) konnte mir das im sonntäglichen DSF-Doppelpass nicht recht erläutern und hat wie immer die gleichen ollen Kammellen erzählt.

Wenn schon nicht die graue Eminenz der Trainergilde, wer dann kann mir den Fußball verständlich machen? Eines muss ich allerdings vorab gestehen: Ich bin ein Bayern-Fan aus Dortmund. Das an sich ist schon nicht zu verstehen. Herr Rangnick, bitte erklären Sie’s mir!



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