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ENGLAND
Teil 2: Sozialisten am Rand von Sherwood Forest
Sie waren die Könige Europas, heute freuen sie sich über den Wiederaufstieg in die zweite Liha. Lesen Sie im zweiten Teil unseres Textes über Nottingham Forest, warum der Klub so abstürzte und wie ihm der „Fan des Jahrhunderts“ aus Deutschland die Treue hält. Von Elmar Neveling.



Peter Shilton
Peter Shilton zeigt Faust und Pokal: Mit dem Nottingham Forest FC gewann der Keeper 1980 den Europapokal der Landesmeister, Peter Hidien und der HSV verloren 0:1 im Finale von Madrid Foto Pixathlon



Bereits kurz nach dem Europapokalsieg gegen den Hamburger SV begann der Niedergang: Bereits in der ersten Runde des Europapokals 1980/81 erwies sich der Armeeklub Sofia als zu stark für den Titelverteidiger.

Als Taylor den Klub 1982 verließ und später als Chefcoach bei Derby County anheuerte, war dies nicht nur eine Zäsur im freundschaftlichen Verhältnis des zuvor kongenialen Trainerduos. Auch für Nottingham bedeutete Taylors Rücktritt einen herben Verlust. Clough betreute den Klub zwar noch weitere elf Jahre, konnte jedoch nicht mehr an die erfolgreichen Vorjahre anknüpfen. Zwei Titel im sportlich zweitrangigen Ligapokal 1989 und 1990 sind die bis heute letzten neuen Einträge auf dem Vereinsbriefkopf. Ohnehin konnte zumindest der erste Erfolg keine nachhaltige Freude auslösen, war doch das Jahr 1989 überschattet von der schlimmsten Stadionkatastrophe Großbritanniens. Im Halbfinale des FA-Cups (vergleichbar mit dem DFB-Pokal) trafen Nottingham und Liverpool im Hillsborough-Stadium von Sheffield aufeinander. Aufgrund einer Überfüllung des Stadions ließen 96 Zuschauer ihr Leben, mehr als 700 wurden verletzt.

Nachdem Clough auf dem schmalen Grat zwischen Wortwitz und Eskapaden mehrfach ausrutschte und sich die Folgen jahrelangen übermäßigen Alkoholkonsums bemerkbar machten („Ich weiß, dass die meisten Leute sagen, ich hätte mehr Wasser in meine Drinks tun sollen; sie haben absolut Recht“), trat er im Frühjahr 1993 nach achtzehnjähriger Amtszeit von seinem Posten zurück – nach 907 Spielen mit Forest, davon 411 Siege. Gleichzeitig bedeutete dies auch das Ende seiner Trainerlaufbahn. Als Demonstration seiner besonderen Popularität geriet Cloughs Verabschiedung: Im abschließenden Heimspiel gegen Sheffield United stieg Forest zwar erstmals seit 1972 wieder ab, doch Fans beider Teams erwiesen dem Trainer aus Berufung mit stehenden Ovationen die Ehre.

In der zweiten Liga übernahm der frühere Verteidiger Frank Clark den Trainerposten, der im 1979er Landesmeisterfinale seinen Beitrag zu Nottinghams Abwehrbollwerk geleistet hatte. Auch ihm gelang nach dem direkten Wiederaufstieg mit Platz drei in Liga eins ein fantastischer Erfolg. Der Einzug ins UEFA-Cup-Viertelfinale 1995/96 wurde dann zum vorläufig letzten Höhepunkt des Vereins. Auch wenn es dort gegen den späteren Cupsieger Bayern München in Hin- und Rückspiel eine herbe 2:7-Klatsche setzte. In der Saison darauf wurde Clark geschasst, Auf- und Abstiege sollten sich anschließend abwechseln.

Ein anderer schwerer Schlag traf Forest im September 2004. Nachdem ihm erst Anfang 2003 eine neue Leber transplantiert worden war, verstarb Clough im Jahr darauf. Noch wenige Monate zuvor hatten sich Nottinghams Ehemalige zum 25-jährigen Jubiläum des Europacupsieges von 1979 getroffen. „Picasso“ Robertson, Siegtorschütze im 1980er Finale gegen den HSV, berichtete später von einem ehrfurchtsvollen Schweigen, als Clough den Raum betrat.

Im neuen Jahrtausend fand sich der Klub nicht mehr zurecht. Die Schulden wuchsen, der Abstieg in die dritte Liga markierte 2005 den Tiefpunkt. Immerhin: Die Fans lassen Forest nicht hängen, 18.000 von ihnen gehen regelmäßig in den knapp 30.000 Zuschauer fassenden City Ground. Ein typisch englisches reines Fußballstadion, in dem die Fans dicht am Spielfeld sitzen. Ein Stadion, das unmittelbar an den Fluss Trent angrenzt, in dem einst so manch siegestrunkener Forest-Fan seinen Rausch abgekühlt hat.

Mit dabei ist auch ein Fan aus Deutschland: Eberhard Kleinrensing aus Duisburg. Seit dem Sommer 1978, als ihn die Liebe auf den ersten Blick traf und Forest 2:0 gegen den FC Liverpool gewann. Seitdem verpasst Eberhard „Ebby“ Kleinrensing kaum ein Spiel von Forest. Jedes zweite Wochenende reist er aus dem Ruhrgebiet nach Nottingham und rollt seine acht Meter lange Zaunfahne aus: „Nottingham Ebby from MSV Duisburg“.

Zum 40. Geburtstag brachten sie ihm im ein Ständchen aus Tausenden Kehlen. Nottinghams Anhänger wählten ihn, den Deutschen, zum Fan des Jahrhunderts. Auf dem Weg zum Stadion wird er unentwegt angesprochen und fotografiert. Auch außerhalb des Fußballs fand Ebby inzwischen seine große Liebe. Obwohl, wirklich außerhalb war es gar nicht. Denn die Verlobung mit seiner Heike feierte er im Oktober 2000 gleich standesgemäß – vor 20.000 Zeugen im City Ground.

Klicken Sie hier, um Teil 1 des Textes über Nottingham Forest zu lesen.


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