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Schach und fussball
Durch die Mitte kontern
Immer wieder spricht man vom Fußball als „Rasenschach“. Etliche Profikicker widmen sich auch dem königlichen Spiel. Und vielleicht ist es möglich, aus dem Stil eines Fußballers am Brett Rückschlüsse auf seine Performance auf dem Rasen zu ziehen. Unser Autor René Gralla muss es wissen. Er hat gegen drei Profis gespielt.

schach
Fußballer und Schach: Viele Kicker kommen bevorzugt über die Außen
Foto Patrice Lange


Erster Proband der improvisierten Feldstudie ist Felix Magath, der schon vor bald 30 Jahren damit begonnen hat, als Ausgleich zur täglichen Beinarbeit die Feinheiten des Schachs zu studieren. Phasenweise ließ er sich sogar vom Trainer des hanseatischen Bundesligaklubs HSK, Gisbert Jacoby, coachen. Folglich liegt Magath weit über dem Niveau des durchschnittlichen Amateurs. Das merkt der Autor, als er den Mann zu einem Testmatch trifft. Magath verteidigt mit Schwarz. In den ersten Spielminuten tasten sich beide Mannschaften ab, die gestaffelten Abwehrketten stehen in der Mitte. Ein guter Plan, was Schach angeht: Wegen der drangvollen Enge des Operationsgebietes – 64 Felder für 32 Figuren – kann derjenige, der das Zentrum erobert hat, unmittelbar im Anschluss links oder rechts verwandeln.

Eine Faustregel, die Magath erst beachtet und wenig später vergisst. Denn als ein weißer Läufer des Autors im 15. Zug einen Fehler macht, hätte Magath durch die Mitte kontern müssen. Stattdessen schaltet er um auf Flankenstrategie, tändelt am rechten und am linken Flügel und wieder retour, verheddert sich und kriegt ein Riesending reingeknallt. Im 56. Zug gibt er auf.

„Ich habe aus dem Schach praktisch die Theorie für den Fußball abgeleitet“, hat Magath einmal gesagt. Sollte der Wahl-Münchner das ernst meinen, müsste er auch seine Bayern über die Seiten stürmen lassen. Da könnte Marco Bode, Jahrgang 1969, eher auf dem Stand der aktuellen Theorie sein, die DFB-Chefscout Urs Siegenthaler bündig formuliert: „Das Spiel über die Außenflügel können wir vergessen.“ Nach dem Vorbild der Brasilianer werde im „modernen Fußball durch die Mitte nach vorne gepasst“ – was ziemlich exakt der Profistrategie im Schach entspricht.

Jetzt also der Bremer Marco Bode, der selbst etablierte Großmeister bei Promiduellen in Schwierigkeiten bringt, während einer Fünf-Minuten-Blitzpartie gegen den Autor. Von der ersten Sekunde an drückt Bode mit Weiß auf das Tempo, die schwarze Abwehr im Zentrum wankt – bis er plötzlich fast am Boden liegt. Was ist geschehen? Unmotiviert will Bode die Schwarzen an der linken Flanke umdribbeln, rennt sich aber fest. Nun klafft ein Loch in der rückwärtigen Verteidigung. Die Schwarzen erspähen die Lücke, Volley, rums – und sofortiger Knock-out, hätte der Autor nicht im Zeitnotstress verdaddelt und Bode nach Zugwiederholung ins Remis entkommen lassen. Was an der überraschenden Zwischenbilanz nichts ändert: Auch bei Marco Bode geht alles über die Flügel.

Höhepunkt der Testreihe: eine Begegnung mit dem HSV-Japaner Naohiro Takahara, 26, unter verschärften Bedingungen. Wir messen uns im Shogi, der speziellen japanischen Schachversion. Und die ist besonders trickreich: Bei den einfarbigen Steinen markiert eine Spitze die Zugrichtung und definiert zugleich, ob es eine weiße oder schwarze Einheit ist. Außerdem dürfen Steine, die der Gegner verloren hat, auf der eigenen Seite wieder eingesetzt werden.

Anpfiff, Takahara legt los, rackert, wie wir es von ihm gewohnt sind, wechselt im Minutentakt die Seiten – freilich auch mit dem gewohnt mageren Ergebnis: Sein Team muss Schritt für Schritt zurückweichen, kassiert einen Treffer, bis Takahara die Notbremse zieht: Er murmelt, dass sein Trainer wartet, steht auf vom Tisch und verschwindet. Fazit: Fußballer spielen auf dem Schachbrett meist wacker über Links oder Rechtsaußen – koste es, was es wolle.


An der Flanke alles verdaddelt

Weiß: R. Gralla
Schwarz: F. Magath


1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6
– Die so genannte „Spanische Partie“ mit 3…. a6, der „Morphy-Verteidigung“. – 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 0-0(?) – Eine Ungenauigkeit, die nach 7.Lxc6 bxc6 8.Sxe5 … einen Bauern kosten könnte. – 7.c3 … - Geschmacksfrage: Weiß verzichtet auf frühen Materialgewinn. – 7…. b5 8.Lb3 d6 9.d4 … - Besser: 9.h3 … - 9…. Lg4 10.d5 Sa5 11.Sbd2 Sh5 – Ein erster Flankenausfall nach Linksaußen von Magath: Sieht stark aus, tut aber nichts zur Sache. 12.h3 Lxf3 13.Sxf3 Sf6 – Und retour: Die Exkursion nach h5 hat nichts eingebracht. 14.Lc2 c6 15.Lg5? … - Weiß revanchiert sich – und möchte auch mal an einem Flügel herumstochern. – 15…. Tc8? – Auf das falsche Flügelspiel 15.Lg5? … reagiert Magath mit Verlegung wichtiger Kräfte nach rechts; stattdessen hätte er sofort im Zentrum losschlagen müssen – 15…. Sxd5! - , und Weiß hätte nur mit Mühe den Materialverlust kurzfristig verhindern können (16.exd5 Lxg5 17.Sxg5 Dxg5 18.dxc6 Tfd8 19.Le4 …). Auf Dauer wäre der in die Irre gelaufene weiße c-Bauer aber nicht zu retten gewesen. 16.Lxf6 Lxf6 17.Ld3 cxd5 18.exd5 Lg5 – Noch eine Showeinlage auf der linken schwarzen Flanke: So verdirbt Magath allmählich seine Position. – 19.Sxg5 Dxg5 20.a4 … - Flankenspiel, das ausnahmsweise richtig ist: Weiß rollt Magaths rechten Flügel auf. – 20…. Sc4 21.b3 Sb6 22.axb5 axb5 23.Lxb5 Txc3 24.Ta6 Tb8 25.Da1 Tcc8 26.Lc6 Dd2 27.Da5 Dxa5 28.Txa5 Td8 29.Tea1 Sc8 30.Tb1 Tb4 31.Ta4 Txa4 32.bxa4 … - Ein gefährlicher Freibauer, der unaufhaltsam Richtung a8 marschiert, wo er in eine Dame umgetauscht werden kann. – 32…. Sa7 33.a5 Kf8 34.a6 Tc8 35.Tb7 Sxc6 – Alternative: 35…. Ta8 36.Td7 Sxc6 37.dxc6 Txa6 38.c7 … (Freibauer Nr. 1 ist eliminiert, aber nun geht der c-Kollege vor) 38…. Ke8 39.Td8+ und c8=D (Umtausch des Bauern in eine Dame) – 36.dxc6 Txc6 37.a7 Ta6 38.Tb8+ Ke7 39.a8=D … - Die Pille im Netz von Magath: Weiß holt sich für den Bauern eine Dame. – 39…. Txa8 – Magath muss für diese Dame einen Turm opfern, sonst wäre es noch schneller aus. – 40.Txa8 … Weiß hat jetzt eine schwere Einheit mehr; Magath kann den Rückstand nicht mehr aufholen und kapituliert 16 Züge später: 56…. Aufgabe 1:0

zuege01
11. Spielzug: Magath besetzt den Flügel


zuege02
15. Spielzug: Er verlagert seine Kräfte ...


zuege03
18. Spielzug: ... und verdirbt seine Position



Der Text ist in RUND #3_10_2005 erschienen.


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