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„Das hat mich wirklich peinlich berührt“
Interview: Die Expertin für das Medienphänomen Spielerfrauen, Christine Eisenbeis, hat die Zukunft des Hypes gesehen – in England. Dort werden Spielerfrauen WAGs (Wives and Girlfriends) genannt. Die Nachfolgerinnen von Victoria Beckham verdienen Millionen und lehren Beobachter das fremdschämen.


Wives and Girlfriends
Wives and Girlfriends bei der WM 2006: Shoppingtouren in Baden Baden,
rechts runzelt Victoria Beckham auf der Tribüne die Stirn über die Darbietungen der Ehemänner Foto Hoch Zwei


Frau Eisenbeis, Nachdem die Beckhams nun in Los Angeles leben: Wer hat Victoria Beckham als Königin der Spielerfrauen beerbt?

Christine Eisenbeis: Coleen McLoughlin, die Frau von Wayne Rooney bricht derzeit alle Rekorde. Sie ist 22 und hat schon einen Millionenvertrag mit Nike, dazu Verträge mit verschiedenen Modelabels. McLoughlin moderiert eine eigene Fernsehshow, sie hat sich einen Bestseller über ihr Leben schreiben lassen. Und ihre Body-Workout-DVD verkauft sich ebenfalls prächtig.

Lange galt das Klischee des „blonden Manndecker Dummchens“, wie die Zeitschrift „Park Avenue“ schrieb. Entspricht sie dem negativen Image, das viele Spielerfrauen haben?
Christine Eisenbeis: Ich denke schon. Ein Beispiel: In einem Interview in ihrem eigenen Buch wird sie gefragt, welche Partei sie wählt. Ihre Antwort: „Ich habe noch nie gewählt. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was die verschiedenen Parteien überhaupt bedeuten.“ Wir reden von einer Stilikone, die scheinbar in ganz England von anderen Mädchen angehimmelt wird. So etwas kann man sich in Deutschland und der Schweiz nicht vorstellen. Noch nicht. Und das ist ja auch gut so.

Seitdem die Gefährtinnen der Nationalspieler bei der Weltmeisterschaft 2006 durch Shopping-Exzesse im noblen Baden Baden unangenehm auffielen, heißen sie in England nur noch WAGs, die Abkürzung für Wives and Girlfriends (Ehefrauen und Freundinnen). Macht man sich in England immer noch lustig über die WAGs?
Christine Eisenbeis: Allerdings. Es gibt sogar ein Buch „The WAG’s Diary“ von der Sportjournalistin Alison Kervin. Aus der Sicht einer Spielerfrau im Stil eines Bridget-Jones-Tagebuchs geschrieben. Wenn man das liest, lernt man, sich fremdzuschämen. Das hat mich wirklich peinlich berührt. Die Erzählerin wird als Dummchen dargestellt, das man irgendwie doch gerne haben muss. Natürlich ist sie blond und fährt einen riesigen Landrover, mit dem sie nicht einparken kann. Ihr Auto wird abgeschleppt, und sie schafft es nicht, den Wagen abzuholen. Das scheint das Bild zu sein, das in England von einer Spielerfrau vorherrscht. Das ist dramatisch.

Was haben diese Frauen vorher gemacht?
Christine Eisenbeis: In England gibt es unheimlich viele Spielerfrauen, die sich Model nennen. Also die bekannten Mädchen von Seite drei, die sich oben ohne fotografieren lassen. Einigen haben eine richtige „Fußballer-Karriere“. Deren Ex- und Ex-Ex-Freunde waren auch schon Fußballer. Darunter sind auch Soap-Stars. Das muss man sich so vorstellen, als würden sich die Top 3 bei „Germany’s next Top Models“ oder Soapsternchen aus „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ nur noch mit Fußballspielern treffen. Das ist extrem.

Nun waren die WAGs notgedrungen mit ihren Männern im Sommerurlaub, anstatt bei der Euro auf Shoppingtour zu gehen. Wurden Frau Rooney und Co. würdig vertreten?
Christine Eisenbeis: Die Russinnen haben sich große Mühe gegeben, die durch das Fehlen der Engländerinnen entstandene Lücke zu schließen. Anna Selmak, die Frau des russischen Kapitän Sergey hat berichtet, dass ein Großteil der Frauen sehr viel Geld für Shopping ausgegeben hat und sie alle dicke Autos fahren. Sie meinte: Wenn die Engländerinnen in Baden-Baden während der WM eineinhalb Millionen ausgegeben hätten, hätten die russischen Spielerfrauen das in Österreich bestimmt noch übertroffen.

Welche Spielerfrauen sind noch aufgefallen?
Christine Eisenbeis: International gibt es einige Top-Models, die mit Spielern liiert sind und die bei vielen Shootings zu sehen waren. Sylvie van der Vaart sieht natürlich unverschämt gut aus, aber auch Marta Cecchetto, die Freundin von Luca Toni, Alena Seredova (Freundin von Gianluigi Buffon), Eva Gonzalez (Iker Casillas), Helena Ibrahimovic und Claude Makeleles Freundin Noemi Lenoir spielen in der Top-Liga.

Täuscht der Eindruck, dass die Spielerfrauen bei der Euro das große Thema waren?
Christine Eisenbeis: Nein, es wurde unheimlich viel über die Spielerfrauen berichtet, so viel wie noch nie. Man hat die Frauen auf der VIP-Tribüne im Stadion gezeigt. Die Holländerinnen haben nach dem Spiel ihre Kinder zu den Spielern aufs Spielfeld gereicht. Das hatte etwas von einem Familienfest und nichts von der „Hühnerstange“, wie die Tribüne abfällig genannt wurde. Mich hat das an Szenen aus der Leichtathletik erinnert, wo amerikanische Athleten ihre Kids auf die Laufbahn geholt haben. Das fand ich positiv.

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Das komplette Interview ist in der September-Ausgabe des Schweizer Sportmagazins erschienen.

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