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THEMENWOCHE: NAZIS IM SPIEL
„Der Fußball wird benutzt“

Gabriel Landgraf arbeitete sechs Jahre für rechtsextreme Organisationen. Über den Fußball entstanden seine Kontakte zu den Nazis. Im RUND-Interview spricht er über die Bedeutung des Fußballs in der Szene, „nationale Fußballturniere" und die Zusammenarbeit von NPD und Kameradschaften.



RUND: Herr Landgraf, wie sind Sie in die rechtsradikale Szene gekommen?
Gabriel Landgraf: Ich bin durch den Fußball zu den Nazis gekommen. Als Jugendlicher war ich als Hertha-Fan fast immer bei den Spielen. Im Block kannte man sich untereinander. Dort bin ich das erste Mal mit Neonazis in Kontakt getreten. Zunächst faszinierte mich nur der Fußball, dann hat es sich immer weiter in die rechtsradikale Richtung entwickelt. Ich weiß noch, damals sagte ich zu meiner Mutter mal, dass ich mich beim Fußball wohler als Zuhause fühle. Es war richtig familiär. Wir sind zusammen zu Auswärtsspielen gefahren und haben Fanpartys veranstaltet.

RUND: Wie hat sich der Rassismus beim Fußball gezeigt?
Ganz offen. Wir haben schwarze Spieler mit Bananen beworfen und gerufen: „Mach den Neger kalt.“ Der Schiri wurde als Judensau beschimpft. Und im Stadion oder in der S-Bahn haben Hunderte im Chor „Sieg Heil“ gebrüllt. Eigentlich war es verboten den rechten Arm zu heben, aber bei den Spielen in der 2. Bundesliga hatten wir Narrenfreiheit. Heute sind die Kontrollen in den Bundesligen besser. Aber in den unteren Klassen sind Gesänge wie „Eine U-Bahn bauen wir, von St. Pauli bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir“ normal.

RUND: Wie sind Sie dann vom Fußballfan zum Leiter einer rechtsradikalen Kameradschaft geworden?
Über den Fußball entstanden die Kontakte zur organisierten Szene. Dann habe ich mich persönlich mehr mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt und schließlich etwa in den Jahren 1999, 2000 beschlossen, selbst aktiv zuarbeiten.

RUND: Wie sah die Arbeit aus?
In Berlin wollte ich mit meinen Kameraden ein neues Umfeld aufbauen. Wir haben überlegt, wo das was bringt. In welchem Bezirk gibt es viele Jugendliche und ein hohes Potential für unsere Ziele? Mit wem kann man eng zusammenarbeiten? Dann habe ich mit meinen Weggefährten eine Gruppierung in Berlin gegründet. Ein ehemaliger NPD-Kandidat hat für unsere Organisation die Öffentlichkeitsarbeit erledigt.

RUND: War der Fußball bei der Arbeit für die Kameradschaft bedeutsam?
Ja. Der Fußball wird in der Szene immer benutzt. Fußball verbindet. Fußball ist gesund und bringt Körper und Geist in Einklang, dass haben wir andauernd propagiert. Aber es war nicht nur Fußball. Auch Kampfsport oder Wandern haben wir als Freizeitaktivitäten angeboten.

Wir hatten einen Bolzplatz, auf dem wir wöchentlich zum Kicken einluden. Wenn da einer war, aus dem man was machen konnte, hat man ihn zum Fußball eingeladen, danach wurde noch gegrillt und Bier getrunken. So werden die 15-, 16-Jährigen geködert und rekrutiert. Zum Fußball haben wir speziell die Jugendlichen eingeladen, die noch nicht so gefestigt waren. Danach wurde aussortiert, mit wem kann man was anfangen, mit wem nicht. Beim nächsten Mal hat man den Nachwuchs dann zum Spiel ins Stadion mitgenommen oder zu einer Demo. So funktioniert das heute noch.

RUND: Welche Rolle spielten die größeren Fußballklubs?
Wenn Gerichtstermine oder öffentliche Veranstaltungen anlagen, wenn man also ein paar Hauer brauchte, ist man zu BFC Dynamo Berlin in den Fanblock und hat sich Hools geholt. Bei den Traditionsvereinen herrscht eine Hierarchie, die von rechts aufgebaut und kontrolliert wird. Die Hooligan-, Ordner- und Rocker-Szene ist sehr stark rechts. Wer sich auch heute noch als Schwarzer bei BFC oder Lok Leipzig in den Block setzt, ist lebensmüde.

RUND: Gibt es auch aktive Fußballer, die zur Szene gehören?
Vereinzelt schon. Einer unserer Kameraden spielte in der Regionalliga und hatte Talent. Er sagte dann aber, er hört lieber auf mit dem Fußball, bevor er mit einem Neger zusammenspielen muss.

RUND: Waren Sie mit Ihrer Kameradschaft in Berlin Einzelkämpfer?
Nein, das läuft deutschlandweit so. Wir haben auch Länderübergreifend gearbeitet. Eng war die Zusammenarbeit mit der Brandenburger Kameradschaft Märkischer Heimatschutz (MHS). Zusammen waren wir der Nationale Widerstand Berlin Brandenburg. Wir haben gemeinsame Aktionswochen und Veranstaltungen durchgeführt. Ende 2004 wurde ich zum Vorstandsmitglied des MHS.

RUND: Der Fußball in Brandenburg?
Der gehört genauso dazu. So genannte „nationale Fußballturniere“ der Rechten werden auch in Brandenburg ausgetragen. Wir als Kameradschaft wurden bundesweit eingeladen. Hallen oder Dorfplätze werden gemietet und dann wird gespielt.

RUND: Was ist das Ziel dahinter?
Unsere Taktik war es, gezielt in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen. In Deutschlands Freizeitligen tummeln sich viele Mannschaften der Rechten. Gerade im ländlichen Raum heißt es dann: Der Junge spielt Fußball und ist in der freiwilligen Feuerwehr aktiv – das kann kein Nazi sein. Mit ehrenamtlicher Arbeit versuchen sich NPD und Kameradschaften unantastbar zu machen. In einigen Gegenden in Nord- und Ostdeutschland bestimmen sie schon heute mit.

RUND: NPD und Kameradschaften arbeiten zusammen?
Ja, die Kameradschaftsführer und die NPD sitzen an einem Tisch. Ich habe selbst an solchen professionellen Tagungen teilgenommen. Sie planen die Volksfront von rechts. Die NPD hat in vielen Gegenden aber keinen Draht zur Jugend. Dort dominieren dann die Kameradschaften. Gewählt wird NPD und Kameradschaftsführer bekommen einen Listenplatz. Der Trend geht dahin, dass sich die Kameradschaften offiziell auflösen. So sind sie nicht so leicht zu durchschauen und können nicht verboten werden. Unter dem Deckmantel der NPD haben die Nazis mehr rechtliche Freiheiten.

Interview: Steffen Dobbert und Lennart Laberenz



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