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MYTHOS MILLERNTOR
Von der Meckerecke in die Welt
Die Geschichte des St. Pauli-Stadions lückenlos erzählt: René Martens’ lesenswertes Buch „Niemand siegt am Millerntor“ ist auch die Geschichte der emotionalsten Spiele, die Fans des FC St. Pauli dort erlebten.

Millerntorstadion
Das Millerntor im Herbst 2006: Vor dem Umbau fotografierte
Susanne Katzenberg das Stadion mit der alten Südtribüne



Das Hufeisen ist jetzt ein Patchwork-Stadion. Die beiden Geraden präsentieren sich wie gehabt, in der Nordkurve haben sie eine provisorische Sitztribüne gebaut, die neue Südtribüne wurde zum Saisonstart eingeweiht. Das Millerntorstadion, ewige Heimat des FC St. Pauli, ist eine Spielstätte im Übergang. Das Millerntor bleibt ein von Mythen aufgeladener Ort, dem der Autor René Martens ein einzigartiges Buch gewidmet hat.

Eins schon mal vorab: Im Unterschied zu Martens’ in regelmäßigen Abständen aktualisierter St. Pauli-Vereinsgeschichte „Wunder gibt es immer wieder“ macht die neue Stadionreihe aus dem Werkstatt-Verlag auch optisch etwas her. Im größeren, bildbandartigen Format kommen die Fotos sehr viel besser zur Geltung. Ein Glücksfall sind die Farbbilder, die Susanne Katzenberg vor und während des Umbaus gemacht hat und die Nachkriegsfotos des Sportfotografen Otto Metelmann.

„Niemand siegt am Millerntor“ erzählt zunächst die eher unbekannte Geschichte des alten Stadions, das von 1946 bis 1961 einige hundert Meter weiter östlich stand. Spielberichte bestanden in der frühen Nachkriegszeit aus akribischen Spielprotokollen – der Vorläufer des Livetickers im damaligen Informationsmedium Nummer eins. Das „neue“ Millerntor war erst einmal eine 1,5 Millionen Mark teure Fehlplanung: Die Stadt Hamburg hatte „vergessen“ eine Drainage einzubauen. Der Platz stand bei Regen unter Wasser, zudem waren die Grassoden nicht richtig angewachsen. Erst als sich St. Pauli-Verteidiger Heinz Deininger am 4. Mai 1962 in einem „Karnickelloch“ schwer verletzte, hatte die Stadt ein Einsehen und sanierte den Neubau.

Die Zeit der Mythen begann Mitte der 80er-Jahre, als von der Gegengerade zum ersten Mal der „Millerntor-Roar“ zu hören war. Es ist alles im Buch versammelt, was ein Besucher am Millerntor erleben konnte: Gregor Gysi bei seinem Besuch im Fanladen und auf den Stehtraversen, St. Pauli-Willi, der mit seiner Tröte in der Halbzeitpause hinter das gegnerische Tor wechselte, Samples aus der Fanzine-Kultur sowie der besten Stadionsongs, und eine Würdigung der legendären Meckerecke. Das kleine Stück Stadion, wo sich individualistische Fans bis zuletzt den Choreographien und Stadiongesängen verweigerten, lag zwischen Südkurve und Gegengerade und wurde ebenso wie das Clubheim im Zuge des Tribünenbaus abgerissen. Der Autor dieses Textes sah dort die wohl emotionalste Partien der vergangenen Jahre: das 1:1 gegen Rot-Weiß Oberhausen im Mai 2000. Viele schwören, dass sich die Nachricht vom rettenden Ergebnis aus Karlsruhe, wo der Abstieg der Stuttgarter Kickers durch ein spätes Gegentor besiegelt wurde, von einem Radiohörer aus der Meckerecke über das ganze Stadion verteilte. Die „36 Schlüsselspiele“, die Martens zusammengestellt hat, decken die wichtigsten Erlebnisse eines St. Pauli-Fans am Millerntor ab.
(Klicken Sie hier, um einen Auszug der entscheidenen Spiele der 80er und 90-er Jahre aus dem besprochenen Buch zu lesen)

Die Neuzeit ist auch auf St. Pauli vom Aufkommen der Ultra-Bewegung gekennzeichnet, deren Mitglieder sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs wehren. Die letzten Baustellen rund um die Spielstätte des Hamburger Zweitligisten sind in der Fanszene immer noch ein Thema: Der erfolgreiche Abwehrkampf der Fans gegen den Verkauf der Namensrechte, gegen die vorerst gescheiterte Einführung der Stadionwährung „Millerntaler“ und der Streit zwischen Aufsichtsrat und Präsidium um die Baufinanzierung der Südtribüne.

Eine sentimentale Zeitreise ist „Niemand siegt am Millerntor“ erfreulicherweise nicht geworden. Aber man merkt dem akribisch recherchierten Buch die fast vierjährige Vorbereitungszeit an. Der Themenmix ist abwechslungsreich, denn fast alles, was die Fans am FC St. Pauli fasziniert, lässt sich anhand der Geschichte der Spielstätte erzählen. Spätestens seit es in diversen Liveübertragungen im DFB-Pokal als eine der letzten Kultstätten des Fußballs in Szene gesetzt wurde, ist das Millerntor statt der mittelbekannten Profis zum eigentlichen Star des Vereins geworden. „Eines ist sicher“, schreibt Martens, „so ein Patchwork-Stadion hat sonst niemand.“
Matthias Greulich


René Martens: „Niemand siegt am Millerntor“, 164 Seiten, 24,90 Euro


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