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Interview
„Intimrasur ist Mode“
Die Haut der Leistungssportler muss viel aushalten. Der Berliner Dermatologe Dr. Thomas Stavermann über Fußpilzrisiko, Alkoholgehalt von Duschlotionen und dem sportlichen Wert der Ganzkörperrasur. Interview Peter Ahrens


Dr. Thomas Stavermann
„Eigentlich kann eine Haut so etwas nicht tolerieren“: Der Berliner Dermatologe Dr. Thomas Stavermann
Foto Matthias Koslik





Dr. Thomas Stavermann: An sich hätte ich fürs Interview ja ein Schalke-Trikot anziehen müssen.
RUND: Das Trikot des Vereins, bei dem 80 Prozent der Spieler Fußpilz haben, wie eine Studie der Hautkliniken Bochum und Recklinghausen ergab.
Dr. Thomas Stavermann: Das traf nicht nur die Schalker, die Dortmunder auch.

RUND: Fußpilz scheint ein echtes Problem für die Fußballer zu sein.
Dr. Thomas Stavermann: Sicher. Das sind Infektionen, gefördert durch Duschen oder starkes Schwitzen in Schuhen. Dadurch weicht die Haut auf – ein ideales Milieu für Pilze. Wir stellen zudem fest, dass Fußballer verstärkt Nagelpilz haben. Wenn die Nägel durch dauernde sportliche Belastung gestört werden, lässt der Schutz vor Außeneinflüssen nach. Dann können sich Pilze in der Nagelplatte vermehren.

RUND: Ex-Hertha-Profi Alex Alves musste gar mal wegen Fußpilzes unters Messer. Hat ihm allerdings nur Spott eingebracht.
Dr. Thomas Stavermann: Zu Unrecht. Wenn Sie einen echten Nagelpilz haben und die Nagelplatte ins Bett einwächst, haben Sie eine dauerhafte Infektion. Vernünftig Fußball spielen geht dann nicht mehr.

RUND: Und da können die megamodernen Schuhe nichts dran ändern?
Dr. Thomas Stavermann: Nein, wie sollten sie? Bedenken Sie, dass Fußballer acht Stunden am Tag in diesen Schuhen herumlaufen. Da können auch Hightechsocken dagegen nicht an. Wenn man Lederschuhe ohne Socken trägt wie Sie, dann ist das übrigens auch nicht gut.

RUND: Hmm. Gehen wir mal weg von den Füßen. Was ist mit dem ständigen Duschen? Nach jedem Training, täglich.
Dr. Thomas Stavermann: Eigentlich kann eine Haut so etwas nicht tolerieren. Aber die Profis haben mittlerweile entsprechende Beratung. Darüber, welche Duschlotionen sie verwenden sollen. Mit möglichst geringem Alkohol- und Duftstoffgehalt. Alkohol greift den Fettfilm der Haut an.

RUND: Was hat es damit auf sich, dass viele Profis sich heutzutage die Beine und womöglich noch woanders rasieren? Manche glauben, dass sie damit eine Zehntel schneller sind. Intimrasur - bringt das was?
Dr. Thomas Stavermann: Blödsinn. Einen sportlichen Wert oder gar einen Spurtvorteil gibt es nicht. Das ist einfach ein Trend: Junge Männer rasieren sich heute gern die Körperhaare. Auch mit Hygiene hat das nichts zu tun. Wenn Fußballer sagen, sie tun das aus sportlichen Gründen, dann ist das nur eine Alibibehauptung. Das hat in Wirklichkeit wohl mehr mit den Wünschen der Freundin zu tun als mit sportlichen Motiven. Nichts als eine Mode, die von jungen Frauen auf junge Männer übergeschwappt ist.

RUND: Schadet das Rasieren der Haut sogar?
Dr. Thomas Stavermann: Haare haben stets Schutzfunktion, auch das Schamhaar. Jede Rasur ist erst einmal eine Reizung der Haut. Und die Gefahr von kleinen Verletzungen und Eindringen von Infektionen in die Haut, gerade wenn man viel schwitzt, wächst. Bei einer anderen Mode der Profis wird diese Schutzfunktion, ob bewusst oder nicht, interessanterweise total ernst genommen. Wenn sich Ballack oder Pizarro die Haare gelen, dann bedeutet das auch einen Schutz der Haare vor Sonnenbelastung. Diese Kahlkopfmode unter Fußballprofis dagegen – die werden in 20 bis 30 Jahren sonnenbedingte Schädigungen haben.

RUND: Das Ozonloch als Thema im Profifußball?
Dr. Thomas Stavermann: Die Sonnenbelastung in den Sommermonaten ist erheblich. Die Spieler werden schon sehen, was sie davon haben, wenn sie jetzt kahlköpfig durch die Gegend flitzen. Was wir jetzt aus Australien im Tennis kennen, dass Schiedsrichter nur mit Kopfbedeckungen arbeiten dürfen, wird auch Fußballer bald betreffen. Gerade bei diesen Transfers, wenn ein Blassgesicht aus Skandinavien in Italien spielt.

RUND: Kamerun ist ja mal in diesen engen Einteilern aufgelaufen. Müssten Fußballer aus medizinischer Sicht nicht am besten im Ganzkörpertrikot spielen?
Dr. Thomas Stavermann: Im Sommer sollten sie unbedingt mehr anhaben. Bei Fußballern würde ich Kleidung nie verringern.

RUND: FIFA-Chef Blatter hat für knappere Kleidung im Frauenfußball plädiert.
Dr. Thomas Stavermann:
Sexismus pur. Blatter, Beckenbauer – die tun sich da besonders hervor.

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Das Interview ist in RUND #4_11-2005 erschienen


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