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THEMENWOCHE: NAZIS IM SPIEL
„Der Rechtsextremismus hat eine breite Akzeptanz gewonnen“

Günther Hoffmann kämpft im nordöstlichen Ende der Bundesrepublik gegen die rechtsextreme Szene. In seiner Heimat, zwischen Ostsee und Polen, erzielt die NPD Rekordwahlergebnisse, rechtsextreme Kameradschaften unterwandern Verbände, Bürgerinitiativen und Fußballvereine. Im RUND-Interview erklärt der Experte, wie es die Nazis in die Mitte der Gesellschaft schaffen.



RUND: In Ueckermünde hat die NPD bei den Landtagswahlen über 15 Prozent der Zweitstimmen bekommen. Wieso?
Günther Hoffmann: Das Ergebnis war absehbar, weil die Kameradschaften hier in der Region eine sehr weitgehende Verankerung haben. Die Entwicklung verläuft kontinuierlich. Im Jahr 2003 zum Beispiel hat die aus den Kameradschaften heraus gegründete Initiative „Schöner und sicherer leben in Ueckermünde“ über 2000 Unterschriften gegen ein Asylbewerberheim in der Stadt gesammelt, bei etwa 7500 Wahlberechtigten. Auch die Bundestagswahl hat gezeigt, dass die NPD auf einen gefestigten Wählerstamm zurückgreifen kann.

RUND: Wie wird Mecklenburg-Vorpommern innerhalb der Kameradschaftsszene wahrgenommen?
Günther Hoffmann: Die Vorgänge hier werden bundesweit und noch darüber hinaus sehr genau beobachtet – die Kameradschaften hatten sich die Gegend als Experimentierfeld ausgeschaut, der Aufbau ist ungestört vonstatten gegangen. Die Region gilt im deutschsprachigen Raum als Modellregion der Verankerung rechtsextremer Strukturen in der bürgerlichen Mitte.

RUND: Wie haben sich die Kameradschaften entwickelt?
Günther Hoffmann: Wie auch bundesweit haben sich hier Kameradschaften seit Mitte der 1990er Jahre gefestigt. Seit 2002 beobachten wir überregionale Strukturen. Die Kameradschaften haben Dachverbände gegründet, so wie hier in der Region die Pommersche Aktionsfront und im benachbarten Kreis die Mecklenburgische Aktionsfront. Damit haben Kameradschaften eine Vernetzung. Hier wird gekadert, ausgebildet, geschult. In Ueckermünde gibt es seit über sechs Jahren die Nationalgermanische Bruderschaft und die Arian Warriors. Das sind informelle Organisationen, die nach außen nicht in Erscheinung treten – dafür haben sie etwa die NPD funktionalisiert. Über sie greifen sie die Sorgen und Nöte der Bevölkerung auf und beantworten sie mit Parolen zum Schein.

RUND: Sie sprechen von Kameradschaften und NPD. Wie ist im Nordosten das Verhältnis der beiden Organisationen zueinander?
Günther Hoffmann: Wir haben hier in der Region keine echten NPD-Strukturen. Die rechtsextremen Strukturen sind aus sich heraus gewachsen, ohne parteiliche Organisationsform. Mit dem „Volksfrontbündnis" von 2004 haben die Kameradschaften den parlamentarischen Weg eingeschlagen, sie brachten regionale Verankerung und das Personal für die NPD.

RUND: Wo treffen sich die Kameradschaften?
Günther Hoffmann: Überall. Es gibt da immer wieder Garagenkomplexe die gemietet oder gekauft wurden, Wirtschaften, zu denen sie gute Beziehungen haben oder Schrebergärten. Da sie kaum noch durch Gewalt auffallen, haben sie bei den Treffen keine größeren Probleme.

RUND: Auch Fußballplätze?
Günther Hoffmann: Mit Sicherheit. In den unteren Ligen sind sie als Zuschauer präsent. Aus dem brandenburgischen Rathenow zum Beispiel ist bekannt, dass es dort immer wieder Versuche gab, eigene Mannschaften in Ligen unterzubringen. Es gibt Fußballvereine, in denen Einzelpersonen aktiv sind – mit gut organisierten Fans im Hintergrund. Hier finden sich in jedem Fußballstadion Einzelne, bis hin zu gut organisierten Grüppchen, die Nachwuchs organisieren, die agitieren. Sie sind auch immer weniger erkennbar – die gestiefelten Glatzen spielen seit etlichen Jahren überhaupt keine Rolle mehr.

RUND: Ist dieses Auftreten Teil einer Strategie?
Günther Hoffmann: Tatsächlich ist das eine größere Strategie. Den Rechtsextremen geht es darum, auch im Bürgertum ernst genommen, akzeptiert zu werden. Zum Auftreten gehört, dass sie öffentlich nicht mehr gewalttätig agieren, sondern vielmehr durch Gespräche und Argumente. In Vereinen, Verbänden und Versammlungen verbreiten sie langsam ihre Ideologie. Sie sind im Handwerksverband, in Feuerwehren oder im Fußball.


Günther Hoffmann
Foto Walczak


RUND: Wer geht denn zu den Kameradschaften?
Günther Hoffmann: Das sind vor allem junge Männer aus der Gegend, die in Lohn und Brot stehen. Sie sind etabliert und haben Familie. Man kann fast sagen, dass unter Kameradschaftlern die Arbeitslosigkeit geringer ist als in der Region, weil es ihnen auch gelungen ist, eine ökonomische Infrastruktur zu bilden. Durch sie sind die Kameradschaften hier verankert. Es ist längst nicht mehr so, dass es sich dabei um ungebildete Arbeitslose handelt. In manchen Ecken bilden die Kameradschaften die Elite der Einwohner. Sie gründen Firmen, schaffen Arbeitsplätze, unterstützen Feiern und allerlei kulturelle Aktivitäten. Gleichzeitig gibt es überhaupt kein Bewusstsein, mit was genau sich da Bürgermeister, Organisatoren von Erntedankfesten oder Ähnlichem einlassen.

RUND: Das heißt, Rechtsextreme sind nicht das Grüppchen Hooligans, auf die man mit dem Finger zeigt?
Günther Hoffmann: Nein, ganz und gar nicht. Über die Personen hat der Rechtsextremismus inzwischen eine breite Akzeptanz gewonnen. Die präsentieren sich als die netten Bürger von nebenan. Die Leute aus dem Umfeld rechtsextremistischer Organisationen sind inzwischen sehr bekannt und geachtet.

RUND: Damit ist der Rechtsextremismus in den Alltag eingesickert.
Günther Hoffmann: Korrekt. Wenn wir auf unseren Veranstaltungen fragen, ob die Leute rechtsextreme Publikationen kennen, wird das in aller Regel verneint. Dann halten wir den „Usedomer Inselboten“ hoch, und über die Hälfte kennt ihn, nur hatte niemand das als Rechtsextremismus eingestuft. Die NPD ist hier als normale Partei angesehen.

RUND: Gibt es keine zivilgesellschaftliche Reaktion?
Günther Hoffmann: Eher dürftig. Es gibt im ländlichen Bereich der neuen Bundesländer kaum ausgeprägte, verankerte, zivilgesellschaftliche Strukturen. Da haben wir ganz sicher mit den Versäumnissen nach der Wende zu kämpfen. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung und das Bewusstsein für Verantwortung und Chancen des Einzelnen wurden hier nie so richtig etabliert. Speziell zwischen 1989 und 1995 hat man versäumt, dieses transparent zu machen. Hier sagen immer noch viele, dass man ihnen nie richtig erklärt hätte, wie Demokratie funktioniert. In den Köpfen der Leute ist die alte SED-Zeit noch sehr verwurzelt.

Interview: Lennart Laberenz



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