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THEMENWOCHE: NAZIS IM SPIEL
Ganz normale Jungs

Der VfB Zeitz spielt in der Kreisoberliga Sachsen-Anhalts. In einer Wahlsimulation für Jugendliche erhielt die DVU in Zeitz 32,7 Prozent. Ein Besuch beim Stadtderby VfB gegen Motor Zeitz.



Wenn man Lother Pietzsch in 06721 Osterfeld besucht, trifft man einen heimlichen Regenten der 1400 Einwohner. Früher hat er die VEB Keramik mit 110 Beschäftigten geleitet, war Dozent am Seminar für Marxismus-Leninismus, einer aus der Nomenklatur der Provinz. Einer, der sich um die Menschen und ihre Bedürfnisse gekümmert hat, „einfach nur Zahlen und Vorgaben zu erfüllen, kam mir falsch vor“, sagt er. Osterfeld, Grenna, Zeitz, der Südzipfel des Chemiedreiecks Halle – Leuna – Bitterfeld. Hier lief die industrielle Produktion, Haarshampoo, Benzin, Zucker oder eben Ofenkacheln. Die erste Kunststoffkegelbahn der DDR wurde in Osterfeld eingeweiht. 1963 war das. Die Landschaft ist lieblich, man stellt sich die Sommer idyllisch vor. Osterfeld schmiegt sich mit kleinen Häusern und rumpeligen Gassen in die Hügel, hinter dem Rathaus bereiten sie einen Weihnachtsmarkt vor.

War das Leben hier schön zu DDR-Zeiten, Herr Pietzsch? „Dreckig wars. Wir wundern uns noch, dass hier Gras wächst.“ Die Region war ein Sinnbild der Industrieproduktion ohne Rücksicht auf die Umwelt oder die Menschen, die darin lebten. Das hat sich geändert, heute scheint die Natur einigermaßen intakt. Aber heute schwanken die Arbeitslosenzahlen vom Merseburger Arbeitsamt auch um zwanzig Prozent. Um ganze 46 Prozent sank die Zahl der Beschäftigen in den zehn Jahren nach 1990 in Sachsen-Anhalt, als Resultat der bundesweit schnellsten Abwanderung der Jungen und Gebildeten, überaltert die Region. Auch Zeitz steuert auf eine Sackgasse aus Überalterung, Beschäftigungsmangel und Abwanderung.

„Nein“, Lothar Pietzsch schüttelt den Kopf, mit Rechtsextremismus habe man zum Glück noch keine Probleme gehabt. „Drei Mal Holz“, er klopft mit der Linken auf den Wohnzimmertisch. Ein paar Unruhestifter, nun gut, die gebe es überall. Und die Glatzköpfe beim VfB Zeitz? Ganz normale Jungs seien das gewesen, „die wollten in die Öffentlichkeit kommen“. Das habe sich in den letzten beiden Jahren „ganz positiv entwickelt.“ Vor ein paar Jahren, nun gut, da habe es einige gegeben, die seien sehr hart eingestiegen. Aber alles in allem, nein, Rassismus käme hier nicht vor. Vielleicht ein paar Schmierereien, „aber das hat mit Fußball nichts zu tun.“

Am Nachmittag schickt der VfB Zeitz den Lokalrivalen Motor mit 5:1 nach Hause. Ein ansehnliches Spiel in der Kreisoberliga, die Heimmannschaft spielt schneller und kombiniert bissiger gegen den erschreckend schwachen Gegner. Der VfB hat ein deutlich jüngeres Team – am ballsichersten ist die Nummer 10, er sieht aus, als spiele er noch in der A-Jugend. Später geht er mit einem verwaschenen Hemd durch das Vereinsheim. Vorne drauf steht „Deutschland“. Den Kopf hat er frisch rasiert.

In der zweiten Halbzeit geht ein Vereinsverantwortlicher mit einem roten Eimer an den Zuschauern vorbei, er sammelt Müll ein. Allerlei Flaschen trägt er zusammen, vor allem Schnaps und bunten Fusel – die Bierflaschen werden verteidigt, darauf gibt es Pfand. Hinter der Bank der Heimmannschaft stehen Jugendliche, einzelne recht abgetragene Londsdale-Jacken, einige frisch rasierte Köpfe, Schneetarnhosen. Der fremde Reporter wird gemustert, man könne doch noch jemanden „aufklatschen“ murmelt ein größerer mit silbernen Ohrringen vernehmlich. „Disziplin“ rufen andere.

Der Dialekt ist schwer verständlich, dass sie übers Trinken reden, versteht man dennoch. In der Nacht zuvor hat ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen vor die Bank gekotzt. Sie kann aber wieder Bier trinken. Gottlob. Die meisten Jüngeren hier wirken schwer angetrunken. Ein vielleicht Fünfunddreißigjähriger mit Bart redet in sein Telefon, es klingt als beende er das Gespräch mit „Heil Hitler“. Dabei schaut er den Reporter an, als warte er auf eine Antwort.

Das sei halt die Mode der Jugend, sagt Thomas Braun, Trainer und guter Geist des Vereins. Praktisch zudem seien Glatzkopf oder die kurzen Haare, „einmal mit der Hand drüber und man ist gekämmt.“ Nein, von Problemen mit Rechten habe er noch nichts gehört. „Hier wird Fußball gespielt, da bleibt Politik draußen. Ob hier jemand rechts oder links ist, auf dem Platz gibt es keine Ideologie.“ Thomas Braun ist eigentlich Maschinenanlageningenieur, 1958 in Zeitz geboren, hier gelernt und angestellt und entlassen. Seit einem Jahr hat er einen Ein-Euro-Job im Verein. Er zieht an seiner Zigarette, streicht Asche vom Resopaltisch. „Was man hier anders machen müsste? Der Staat muss einmal durchgreifen“, sagt er. Zu viel Langeweile hätten die Jugendlichen, zu viel erlauben dürften sie sich, ohne dass sie bestraft würden. Stattdessen komme der Staat doch nur mit dem Psychiater – es klingt, als würde Thomas Braun gleich sagen wollen, dass alles zu verweichlicht sei. „Demokratie, Pressefreiheit, alles gut und schön, aber so?“ Thomas Braun stutzt und kratzt sich im Gesicht. „Nein, so geht es nicht. Es muss sich grundsätzlich was ändern. Es geht doch nur noch ums Geld.“

Der Diskurs des Rechtsextremismus organisiert sich entlang völkischen Semantiken und sozialen Bruchlinien gleichermaßen. Scheinbar bietet er so eine positive Vision. Rechte Parolen docken an das vermeintliche Fehlen von Autoritäten und Werte an und spielen so mit rechtskonservativen Urthemen. Unter der Hand wird man deutlicher, es geht gegen die Unvölkischen und Bonzen. Die rechten Lieblingsthemen der Geschichtsverklärung mischten sich seit Ende der 1990er Jahre mit Sozialromantik zum übergreifenden Prinzip des „Nationalen Sozialismus“. Viele Gruppen verbinden damit auch die straffe Organisation der Glücksvorstellung deutscher Sekundärtugendprediger: Ordnung, Disziplin, Sauberkeit. Während die Antifas als ordnungslose Drogenkonsumenten dargestellt werden, präsentieren sich die Kameraden als die netten Nachbarn – eine Botschaft, die insbesondere in Ostdeutschland gerne gehört wird. Fußball ist dabei oft genug das Feld, wo unter den Zuschauern Nachwuchs rekrutiert wird. Jugendliche erleben auf den Rängen, was ihnen in der Gesellschaft fehlt – Gemeinschaft, Zusammenhalt, Zugehörigkeit. Und neben dem Bier gibt es immer auch einen Feind – die gegnerische Mannschaft oder das gegnerische Denkmuster.

Am Abend versammeln sich ein paar Jugendliche im Zeitzer Jugendzentrum. Hier im „Haus der Jugend“ seien sie jeden Abend. Es gibt ja auch sonst nichts. Ja, es gebe ziemlich viele Rechte hier. Und vielleicht seien die auch beim VfB, da habe man schon einmal etwas gehört. Auch das Haus der Jugend soll ein ideologiefreier Raum sein. Noch einer. Arbeitslos sind die meisten hier, oder sie arbeiten viel für wenig Geld. 1600 brutto für weit über 70 Wochenstunden verdient einer, der Lastwagen fährt. Sein Nachbar hat sich für lange Zeit beim Bund verpflichtet. Wieder ein anderer ist Textilfachverkäufer. Seit wann arbeitslos? „Seit 1999, seit ich ausgelernt habe.“

Was man tun müsse? „Alle Politiker entlassen“, sagt der von der Bundeswehr. „Da taugt keiner was.“ Und dann? Der Junge grinst ein wenig unsicher. Er ist knapp über zwanzig, raspelkurzes Haar, eine schwarze Bomberjacke und schlechte Zähne. Er hat ein Kind, so schnell will er aus der Region nicht weg. „Keine Ahnung. Aber schlimmer kann es nicht kommen.“ Die anderen Pflichten bei. Sie fühlen sich ausgenutzt von den Arbeitgebern und von den Politikern verarscht. Warum sie da nicht bei der DVU seien, die argumentiere doch ähnlich? „Nur Parolen. Die bringen überhaupt nichts. Aber mit vielen Dingen haben sie gar nicht unrecht.“

Offensichtlich ist der Rechtsextremismus trotzdem nicht ganz unbeliebt. In Sachsen-Anhalt und Thüringen tritt bei Wahlen die DVU in Absprache mit der NPD an, die dafür Mecklenburg und Brandenburg bekommen hat. In einer Wahlsimulation „U 18“, bei der Jugendliche unter diesem Alter aufgefordert wurden, ihre Stimmen abzugeben, erlangte die DVU im Burgenlandkreis 19,63 Prozent. In Zeitz erhielt die Partei 32,74 Prozent der Zweitstimmen und wurde mit Abstand stärkste Fraktion.Text: Lennart Laberenz



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