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SPANIEN
Der Fall „Tetra Brik“
In Spanien kennt jeder die Geschichte vom Fan, der die Asche seines verstorbenen Vaters zu den Spielen von Betis Sevilla in der Milchtüte mitbringt. Existiert der Sohn wirklich, oder sind die Medien dem schwarzen Humor des Mehrheitsaktionärs von Betis, Manuel Ruiz de Lopera, aufgesessen? Eine Spurensuche in Sevilla. Von Matthias Greulich

Fan von Betis Sevilla
Die fanatischsten Anhänger in Spanien: Ein Bético vor dem Stadion Ruíz de Lopera
Foto Sebastian Vollmert



Zurück vom Wochenendausflug: Die Polizistin knöpft sich ihr hellblaues Uniformhemd zu so schnell es geht. Für das Abschiedsfoto präsentiert sie den Gummiknüppel. Das befreundete Paar, das sie vor dem Stadion abgesetzt hat, kann sich kaum halten vor Lachen, während der Mann auf den Auslöser drückt. „Jetzt muss ich aber wirklich los.“ Es ist Sonntagnachmittag, die Sonne scheint so hell, wie sie in Europa nur in Andalusien scheinen kann. Die Polizistin winkt und läuft in Richtung Stadion. Vor dem Eingangstor sind schon die Kollegen postiert – die ersten Fans in grün-weißen Trikots stimmen sich auf das Spiel ein.

Wenn man Manuel Ruiz de Lopera glauben will, ist dort eine Geschichte passiert, die so unglaublich klingt, dass sie ebenfalls aus einem Film von Pedro Almodóvar stammen könnte. Lopera, Mehrheitsaktionär und bis 2006 Präsident von Betis Sevilla, hatte damit in einer Fernsehshow mit dem populären Journalisten Carlos Herrera seinen großen Auftritt. Die „Geschichte vom Tetra Brik“ kennt jeder in Spanien, den der Fußball nicht völlig kalt lässt. Und das sind fast alle, in diesem Land, das seinen „Fútbol“ so sehr liebt.

„Ich habe“, so Lopera, „die Erlaubnis, diese Geschichte zu erzählen.“ Ein Betis-Fan sei sehr betrübt zu ihm gekommen. „Don Manuel, mein Vater ist gestorben.“ „Das tut mir leid. Wie kann ich dir helfen?“ „Ich muss seinen letzten Willen erfüllen.“

Real Betis Balompié ist mit einer Meisterschaft, 1935, und zwei Pokalsiegen, 1977 und 2005, sportlich keine große Nummer im Land des Europameisters. Jedenfalls wenn man die Konkurrenz aus Madrid und Barcelona zum Maßstab nimmt. Selbst der Lokalrivale FC Sevilla hat als Uefa-Cup-Sieger 2006 und 2007 momentan größere Strahlkraft. Doch die Leidenschaft, mit der die Béticos seit der Gründung 1907 an dem Arbeiterverein hängen, wird als die heftigste in Spanien beschrieben. „Betis, das ist Gefühl. Und in Andalusien sind die Emotionen stärker als im Rest des Landes – erst recht als in Barcelona“, sagt José, der Spitzbart und lange Haare trägt, und auf seiner grünen Vespa häufig zum Trainingsgelände fährt, um die Profis üben zu sehen. Vor zwei Jahren, bei einer Reportage über das Derby in Sevilla, erzählte er mir vom Bürgerkrieg. „Viele Béticos gingen ins Exil. Einer, der später Politiker wurde, gefährdete sein Leben und das seiner Familie, weil er jeden Montag anrief, um zu erfahren, wie Betis gespielt hatte.“ Eher beiläufig berichtet er von dem Jungen, der die Asche seines Vaters ins Stadion bringt, weil man niemals aufhören kann, für Betis zu sein. Diesen Jungen will ich finden, und reise zwei Jahre später erneut nach Sevilla.

Die Suche beginnt vor dem Stadion. Juan ist ein Bético, dessen Haare mit den Jahren grau geworden sind. Er zählt einige Originale auf, die zu treffen lohnt: Die beiden „Großmütter von Betis“, eine dick die andere gertenschlank, die Dicke allerdings vor einigen Jahren verstorben. Den umtriebigen „Chupe“, was Schnuller bedeutet, der in einer kleinen Wohnung im Stadion lebt. Aber den „Tetra Brik“ hat Juan mit eigenen Augen noch nicht gesehen. „Frag die Offiziellen vom Club“, sagt er, seine Kumpels wollen weiter zum Zelt, wo eine Biermarke Fans zum Video-Casting bittet: Eure Träume von Betis.

Im Pressebüro wissen sie, dass da ein „Guiri“, so der meist freundlich gemeinte Name für Ausländer, kommt. Lopera ist nicht zu sprechen Der 64-Jährige erholt sich von einer erfolgreich verlaufenen Operation der Halslymphknoten. Ich gehe am Spielfeldrand entlang. Dort stehen die ersten Radioreporter, die ihre Kollegen in den Sprecherkabinen später mit Zusatzinformationen über das Geschehen rund um die Ersatzbank versorgen werden. Betis Pressechef Manuel Reyes führt mich zu einigen Angestellten des Klubs, die wissen könnten, wo der „Sohn mit dem Tetra Brik“ zu finden ist. Der drahtige Mittvierziger, der die Ersatzbank von einer Plane befreit, deutet auf den ersten Rang. „Er sitzt da“ er deutet nach links in Höhe des Sechzehners, „oder da“, er zeigt mit dem Finger nach rechts. „Aber in dieser Höhe, Kumpel.“

„Mein Vater ist hier“, sagte der Junge und zeigte ein Glas, in dem zuvor eingemachte Pfirsiche gewesen waren. „Ich habe ihm versprochen, ihn zu jedem Spiel ins Stadion mitzunehmen. Aber die Polizei lässt mich nicht mit seiner Asche im Glas hinein.“

Also gehe ich erst nach links, um dann rechts durch die Reihen nach Vater und Sohn zu schauen. Wo ich hingehe kauen die Zuschauer Sonnenblumenkerne oder wickeln ihre mitgebrachten Brote aus. Eine Milchtüte hat hier keiner. Ich will mir von oben einen Überblick verschaffen. Im zweiten Rang sitzen rund dreißig Jugendspieler im grünen Trainingsanzug. Ihr Betreuer zeigt auf die unterste Ebene. „Der sitzt da, über dem Eingang.“ Als ich dort ankomme, beginnt es zu regnen. Wer keinen Regenschirm dabeihat, eilt unter das Tribünendach. Die schlechtesten Voraussetzungen, um den „Tetra Brik“ zu finden. Immerhin geht der Sohn mit einem Fanclub auch auf Auswärtsfahrten, was den Personenkreis stark einschränkt. In Spanien begleiten längst nicht so viele Anhänger ihre Mannschaften, wie in anderen Ligen Europas. Ich muss herausfinden, in welcher Peña, welchem Fanclub, er Mitglied ist.

Lopera schlug vor, die Urne in einem Schrank im Inneren des Stadions zu verwahren. Der Sohn akzeptierte, und holte das Glas vor jedem Spiel aus einem Büro des Vereins, um so die Einlasskontrolle zu umgehen. Solange, bis ein Angestellter des Klubs die Nerven verlor. „Der Mann rief mich an einem Dienstag an. Don Manuel, jetzt ist Schluss: Ich halte es ‚Äödamit’ nicht mehr aus. Mit der Urne im Schrank kann ich nicht mehr arbeiten.“ Es musste eine andere Lösung gefunden werden, jetzt kam die Milchtüte ins Spiel.

In einem Hotel in der Innenstadt ist für den nächsten Tag ein Treffen der Peñas von Betis angekündigt. Nichts deutet darauf hin, dass in dem sterilen Sitzungssaal heute eine Revolution geplant ist. Einige schwerhörige ältere Herren mit Strickjacken haben sich ganz nach vorne gesetzt. Die Jüngeren weiter hinten tragen Trikots. Ich frage einen im Trikot nach dem „Tetra Brik“. Er führt mich zu Paco, der alle kennt, die richtige Béticos sind. Paco nickt, er beugt sich näher zu mir, um meine langsam vorgetragene Geschichte verstehen zu können. Er ähnelt dem ehemaligen Ministerpräsidenten Felipe González, von dem es heißt, er sympathisiere mit Betis, seitdem er einen Steinwurf vom Stadion entfernt zur Schule ging. „Den Sohn wirst du nicht finden, „sagt Paco betrübt, „den habe ich noch nie gesehen.“ Lopera rede viel, wenn der Tag lang ist.

Über die Beurteilung ihres ehemaligen Präsidenten sind sich die Fans von Betis schon lange nicht mehr einig. „Lopera hau ab“, sagen die einen, für die anderen hat das Wort Don Manuels wie stets Gesetzeskraft, seitdem er den Klub 1992 mit Milliarden von Peseten vor der sicheren Pleite bewahrte. Schon zu Lebzeiten steht seine Büste in einer Loge des Stadions, das er auf eine Kapazität von 55.000 Plätzen ausbauen ließ und das selbstverständlich seinen Namen trägt. Nun will sich Lopera überraschend zurückziehen. Will sein Aktienpaket für 70 Millionen Euro an die zuvor noch nie in Erscheinung getretene „BSport“-Gruppe verkaufen. Der Grund für die Eile, so wird gemutmaßt, könnte etwas mit der Justiz zu tun haben. Untersuchungsrichterin Mercedes Ayala ermittelt seit einigen Monaten, um Licht in die undurchsichtigen Geschäftsbeziehungen Loperas mit Betis zu bringen.

Paco und die anderen haben keine Aktien. Sie sind machtlos und müssen zuschauen, wie der Club an Unbekannte verkauft wird. Mit der Vereinsführung haben sie versucht zu verhandeln, um wenigstens eine einheitliche Vertretung der Fanclubs zu etablieren. Doch im Präsidium wollten sie nur mit handverlesenen Fanvertretern sprechen. „Wir werden uns nicht auseinanderdividieren lassen“, sagt Paco. Jetzt gründen sie ihre eigene Organisation – eine starke Opposition mit über 60 Fanclubs. Neben uns klingelt ein Handy. Der Klingelton „Al final de la palmera“, die offizielle Hymne zum 100-Jährigen Bestehen im vorigen Sommer, als der Abstieg in die Segunda División erst am letzten Spieltag verhindert werden konnte. Paco muss auf das Podium. „Lopera benimmt sich wie ein Geschäftsmann, der ein Unternehmen führt“, sagt er. „Doch das Kapital des Clubs sind wir.“ Für die Lokalzeitung „Correo de Andalucía“ sind die 60 Fanclubvertreter, die ihren eigenen Dachverband gründen, „Rebellen“. In Sevilla muss man sich erst an Fans gewöhnen, die aufbegehren, an Boykottaktionen wie andernorts ist nicht zu denken. „Wir sind selber schuld, dass alles so gekommen ist. Vielleicht waren wir lange zu konservativ“, sagt Paco, und im Saal nicken sie ernst.


„Ich weiß einen Weg, wie die Polizei dich nicht aufhalten kann. Wie wäre es, wenn du eine Milchtüte mit ins Stadion nimmst?“ Der Junge nickte. Lopera: „Jedes Mal, wenn Betis ein Tor schießt, schaut er zu mir hoch auf die Tribüne – und umarmt seinen Vater.“ Der „Sohn mit dem Tetra Brik“ sei auch auf Auswärtsfahrten dabei. Dann winkt er Don Manuel auf der Ehrentribüne stets freundlich zu.


Eine Kollegin ruft an. Sie kann sich erinnern, dass nach Loperas Fernsehauftritt mehrere Reporterteams im „Fall Tetra Brik“ Spuren sammelten. Einer von ihnen ist Emilio Castro, Fotokorrespondent der Tageszeitung „La Vanguardia“ aus Barcelona, der in Südspanien, Portugal und Marokko unterwegs ist. Ich besuche ihn in seiner Wohnung in einer Vorstadt Sevillas. Am Telefon hat er mir beschrieben, an welcher Bushaltestelle ich aussteigen muss, dort werde er mich abholen. Die Fahrt dauert zwanzig Minuten. Rechts der Autobahn kampieren Roma, ein Feuer lodert. Es ist die Zeit der Siesta und Emilio kauft etwas Bier ein. Immer wieder schauen wir uns in seinem Büro den Youtube-Film des Aufrtitts von Lopera bei Herrera im November 1995 auf dem Mäusebildschirm an. „Überleg mal: Eine Milchtüte – das konnte man nicht erfinden. Nicht einmal Lopera, der ein guter Geschichtenerzähler ist.“ Emilio klickt auf die Wiederholungstaste. Hinter ihm, im Regal, stehen die alten analogen Kameras, die damals nicht zum Einsatz kamen. Gibt es eine Spur? Der Sohn sei medienscheu und werde abgeschirmt: Kein Journalist in Spanien habe ihn je zu Gesicht bekommen. Über einen Monat haben die Reporter von „La Vangardia“ in Sevilla jeden Stein umgedreht. Das Resultat: „Nada“ so Emilio. „Wir sind auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.“ Sehr unsevillanisch das Ganze, findet er, denn die Welt ist hier überschaubar geblieben. Man hat zumindest eine Nichte, einen Schwager oder einen Bekannten, der etwas wissen müsste. Eine wunderbare Geschichte sei es dennoch, sagt Emilio, schenkt noch ein wenig Bier nach, und ich beginne langsam zu verstehen.



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