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EUROPAPOKAL
„Kommt endlich raus, ihr Feiglinge!“
Otto Rehhagel hatte ein Weiterkommen nach dem 0:3 beim DDR-Meister schon ausgeschlossen – doch es sollte anders kommen. Platz 4 der packendsten Europacupspiele deutscher Klubs: Das Spiel Werder Bremen gegen den BFC Dynamo Berlin. Von Elmar Neveling

Fans von Werder Bremen

Wunder an der Weser: Unter Werder-Fans wird sich immer noch erzählt, wie die Bremer im Rückspiel den BFC Dynamo Berlin ausschalteten Foto Hoch Zwei


Platz 4: Werders Psycho-Tricks bremsen Dynamo

Werder Bremen – Dynamo Berlin 5:0
Europacup der Landesmeister 1988/89, erste Runde

Im Herbst 1988 duellieren sich im Europacup der Landesmeister nicht nur zwei Fußballklubs. Ost gegen West, Kommunismus trifft Kapitalismus – die Partie zwischen DDR-Serienmeister Dynamo Berlin und BRD-Titelträger Werder Bremen wird zum Spielball der Politik.

Unter gütiger Mithilfe von Torwart „Pannen-Olli“ Reck hatten sich die Norddeutschen bei Dynamo eine deftige Klatsche gefangen. Thomas Doll und Andreas Thom vernaschten die Werder-Abwehr ein ums andere Mal, zusammen mit dem dritten Torschützen Frank Pastor besiegelten sie die 0:3-Niederlage. Bremens Trainer Otto Rehhagel hakt das Weiterkommen bereits ab: „Es geht nur noch um die Ehre.“ Anders sieht das sein Stürmer Manni Burgsmüller, mit fast 40 Lenzen und mehr als 20 Profijahren. Kurz vor Anpfiff des Rückspiels trommelt er an die Gästekabine und brüllt: „Kommt endlich raus, ihr Feiglinge! Damit wir euch fertig machen können!“

Auch während des Spiels texten die Bremer ihre Gegenspieler unaufhörlich zu – und beeindrucken die Berliner damit tatsächlich. „Wie merkten, dass es wirkte“, sagte Werders Günter Hermann später einmal. Überhaupt Hermann: Der Mittelfeldspieler erweist sich als Prophet, als er vor Spielbeginn ganz nüchtern feststellte: „Ihr kriegt heute einen Fünfer.“

Doch Werders Spieler palavern nicht nur, sie lassen Taten folgen: Michael Kutzop per Elfmeter, Hermann selbst mit einem fantastischen Volleyschuss Marke „Tor des Monats“ und Kalle Riedle per Abstauber gleichen bereits nach gut einer Stunde zum 3:3 aus. Kabinentrommler Burgsmüller und Thomas Schaaf, heute Coach der Grün-Weißen, vollenden in den letzten zehn Minuten zu Hermanns Ankündigung: Fünf Stück für Dynamo – nach dem 6:2 vom Vorjahr gegen Spartak Moskau (nach 1:4 im Hinspiel) ist das zweite „Wunder von der Weser“ perfekt.

Unakademisch fällt das Fazit von Dynamo-Trainer Jürgen Bogs aus: „Das war hier die totale Scheiße." Sein Stürmer Andreas Thom, später mehrere Jahre in der Bundsliga aktiv, pflichtet ihm bei: „Es war das Schlimmste, was ich je im Fußball erlebt habe.“ Rehhagel hingegen hatte es schon vorher gewusst: „Ich habe immer gesagt, dass im Fußball alles möglich ist."

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