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INTERVIEW
„Auch mal eine Breakdance-Einlage zeigen“
Holger Stanislawski hat alle überrascht. Er wurde Jahrgangsbester beim 55. Fußball-Lehrer-Lehrgang, obwohl der damalige Trainer des FC St. Pauli nur wenig Zeit zum Lernen hatte. Interview Rainer Schäfer

Holger Stanislawski

Jahrgangsbester und penibler Kaffeewart: Holger Stanislawski (39)
Foto Henning Angerer/Hoch Zwei


Glückwunsch, Herr Stanislawski. Sie haben als Bester von 24 Absolventen den 55. Fußball-Lehrer-Lehrgang bestanden.

Holger Stanislawski: Danke, wenn ich geahnt hätte, was alles auf mich zukommt, wäre ich leichter Zweiter geworden. Mein Auto wurde beklebt mit der Aufschrift: Fußball-Lehrer 2009. Hinten wurden Dosen angebunden, als ob ich geheiratet hätte. Bei meinen Profis heiße ich jetzt nur noch: Cheftrainer mit Auszeichnung. Und in Ahlen, meinem ersten Spiel mit Zertifikat, wurde ich von den gegnerischen Fans gefeiert: Als der Bus ankam, haben alle applaudiert und Glückwunsch gerufen.

War Ihnen das nicht unangenehm?
Das war schon ein komisches Gefühl, so fühlt man sich vermutlich bei der Oscar-Verleihung. Wenn man aus der Limousine steigt und über den roten Teppich geht. Die Punkte aus Ahlen wären mir lieber gewesen als der Applaus.

Beim FC St. Pauli werden alle wichtigen Ereignisse auf T-Shirts gedruckt.
Typisch wäre jetzt eines mit: Stani, Fußball-Lehrer-Gott.

Das muss wirklich nicht sein. Ich bin froh, dass die Zeit vorbei ist. Hinter uns liegen 980 Unterrichtseinheiten, ein neunwöchiges Praktikum, 43 Vorträge von Gastreferenten. Für den Fußball-Lehrer bin ich über 40.000 Kilometer gefahren, einmal um die Welt. Ich stand fast immer im Stau auf der A1, von Köln nach Hamburg, einmal vier Stunden lang. Von Bremen bis Hamburg ist durchgehend Baustelle, da kenne ich jede Unebenheit, jedes Loch. Du willst nach Hause und darfst nur Tempo 60 fahren, es ist zum Verrücktwerden.

Was haben Sie im Auto gemacht?
Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Was ist im Lehrgang los, was kannst du gebrauchen, was nicht? Was musst du noch tun? Was ist beim FC St. Pauli los? Da wird das Auto zum Büro. Ich habe viele Gespräche geführt und auch den einen oder anderen Transfer angeschoben.

Welches ist die beste Autobahn-Raststätte?
Ich kenne sie alle. Am liebsten war mir Wildeshausen. Ich bin Montag immer um 4 Uhr los in Hamburg, nach 130 Kilometer habe ich mir einen schönen großen Milchkaffee geholt. Und Brötchen, wenn sie mal welche hatten.

Haben Sie damit gerechnet, als Jahrgangs-Bester abzuschließen?

Keinen Moment. Ich hatte auch nicht die Möglichkeit, so viel zu lernen wie andere Teilnehmer, die keinen Job als Profi-Trainer hatten. Meistens lagen meine Wochenstunden im dreistelligen Bereich.

Es hat allgemein verwundert, dass Sie die Theorie so gut hingekriegt haben.
Es gab einige, die schriftlich besser waren, wie Anouschka Bernhard oder Stefan Sartori, die Zweite und Dritter wurden. Aber meine schriftlichen Arbeiten waren nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich manchmal erst in der Nacht vor der Prüfung anfangen konnte zu lernen. Vor den Endprüfungen habe ich in Köln immer bis nachts um 3 gelernt, dann zwei Stunden geschlafen, dann wieder von 5 bis 8 gelernt. Dann angezogen, los, drei Stunden Prüfung, ein bisschen geschlafen. Und dann wieder ran ans nächste Fach.

Sie sind abends nie mitgegangen, wenn die anderen ein Bier getrunken haben. Ist der Trainer des unorthodoxen FC St. Pauli in Köln zum Streber geworden?

Wie oft habe ich das gehört: Du Streber. Aber ich war einfach zu kaputt, um mit den anderen loszuziehen. Oft war ich abends gedanklich noch bei meiner Mannschaft.

Sie haben also gar nicht gelernt?
Um Gottes Willen, nein. Es gab Phasen, da bin ich abends um acht eingeschlafen auf dem Bett, in den Klamotten. Ich bin kein Typ, der drei Wochen vor einem Test anfängt zu lernen. Ich brauche immer ein bisschen Druck. 48 Stunden vor der Klausur in Sportmedizin habe ich 800 Folien ausgedruckt, auf meinem eigenen Drucker. Mein Zimmer sah aus wie ein Schlachtfeld. Dann ging es los: Ohne große Systematik, rein in die Birne. Dabei habe ich auf das fotografische Gedächtnis des Menschen und den Mut zur Lücke gesetzt.

Christian Wück, Ex-Trainer in Ahlen, hat gewettet, dass er sein Zertifikat zurück gibt, wenn Sie Lehrgangs-Primus werden.
Das soll er ruhig mal machen. Das Gesamtpaket zählt, also auch das Mündliche und die Praxis als Trainer auf dem Platz. Vielleicht haben sie mich da unterschätzt. Ich bin gerne auf dem Trainingsplatz, ich bin gerne mit Menschen zusammen. Wenn ich mit Jugendlichen trainiere, muss ich auch mal eine Breakdance-Einlage zeigen können. Ich fühle mich sicher auf dem Platz, egal ob das bei St. Pauli ist oder in Barcelona wäre. Wenn du unsicher bist, bist du nicht geeignet für den Job.

Einige der Absolventen haben während des Lehrgangs ihren Trainer-Job verloren, wie Christian Wück oder Christian Hock.
Das waren die bittersten Momente. Wenn einer als Cheftrainer entlassen wurde, während des Lehrgangs, der ihn offiziell zum Trainer ausbilden soll. Aber wir brauchen dieses Zertifikat, auch die, die schon als Trainer im Profibereich angelangt sind.

Waren Sie sich immer sicher, dass Sie diese Doppelbelastung aushalten?
Ich habe häufiger gedacht: Das packst Du nicht mehr. Ich hatte öfter die Schnauze gestrichen voll. Ich war am Limit, über Monate. Wenn da ein Fußballspiel im Fernsehen lief, habe ich sofort abgeschaltet. Man kann den Lehrgang und den Trainerjob nicht gleichzeitig und zu 100 Prozent machen. Von Montag bis Donnerstag war ich in Köln, da konnte ich öfter nicht bei der Mannschaft sein, wenn sie mich gebraucht hätte. Am Wochenende hatte ich Ligaspiele, wenn andere runterfahren konnten, stieg bei mir die Anspannung noch an. Für mich ging es nur darum, meinen Job zu behalten und meine Ausbildung vernünftig zu machen. Und nicht Bester zu werden.

Es gibt Absolventen, die behaupten, dass in die Bewertung auch Ihre Aufgabe als Kaffeewart eingeflossen wäre.
Als Kaffeewart bin ich unschlagbar. Ich habe viel Wert darauf gelegt, dass ich die Maschine in Gange und auch sauber halte. Ich war mein bester Kunde, weil ich den ganzen Tag nur Kaffee trinke. Wenn ich mal kein Trainer mehr bin, eröffne ich einen Coffee Shop. Schwarze Zahlen werde ich mit Kaffee nicht schreiben, weil ich viel zu viel davon trinke.

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