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INTERVIEW
Verspielte Brasilianer, robuste Schweden
Sie forschte bei drei Profivereinen: In Bielefeld, Mainz und Wolfsburg ertrug die Souiologin Marion Müller Blondinenwitze und lernte, wie die Kicker über Frauenfußball denken. Interview Nicole Selmer.

Marion Müller

Feldforschung im Profifußball: Marion Müller ist Soziologin und kein Fußbbalfan Foto: pr


Frau Müller, anders als viele Sportjournalisten oder auch manche Wissenschaftler haben Sie sich dem Fußball nicht als Fan oder auch nur Sympathisantin genähert, sondern aus recht großer Distanz. Wie geht das?

Marion Müller: Die generelle ethnografische Grundhaltung gegenüber dem Feld ist offene Neugierde, selbst Unkenntnis kann nicht schaden, weil man bestimmte Sachen dann besser sieht. Über Fußball wusste ich natürlich ein bisschen was, man kann dem Thema ja nur schwer ausweichen, aber ich hatte vorher nie ein Spiel im Stadion gesehen und wusste auch nicht über die einzelnen Ligen oder die verschiedenen Wettbewerbe Bescheid.

„Betrachtet man den Fußball als etwas Fremdes, wird auf einmal einiges erklärungsbedürftig“, schreiben Sie. Was denn zum Beispiel?
Marion Müller: Das sind Dinge, die Menschen, die sich in diesem Bereich bewegen, meist nicht mehr auffallen, etwa dass ständig mit nationalen Stereotypen hantiert wird – die Verspieltheit der Brasilianer, die Robustheit der Skandinavier oder Undiszipliniertheit der Afrikaner. Oder auch, dass als selbstverständlich gilt, dass Frauenfußball weniger beachtet wird, und dass es so etwas wie Ausländerbeschränkungen gibt. Vergleicht man das mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, wird offensichtlich, wie absurd es ist. Eine Balletttänzerin würde man nicht auf diese Weise nach ihrer Nationalität charakterisieren oder sie nicht engagieren, weil sonst zu viele Nicht-EU-Ausländer im Ensemble sind.

Sie haben Feldforschung beim 1. FSV Mainz 05, Arminia Bielefeld und dem VfL Wolfsburg gemacht. War es schwierig, Zutritt zu den Vereinen zu bekommen – gerade auch als Frau?
Marion Müller: Das war in der Tat mit einigen Mühen verbunden. Dass ich als Frau diese Forschung gemacht habe, hatte Vor- und Nachteile. Zum einen bin ich sehr aufgefallen, meine Anwesenheit bedurfte immer einer Erklärung, weil es für mich gerade im Umfeld der Mannschaften keine definierte Rolle gab. Dort halten sich nun mal in der Regel keine Frauen auf. Gleichzeitig hätte man einen männlichen Forscher vielleicht auch gar nicht hineingelassen. Ich hatte den Eindruck, dass ich als relativ ungefährlich und harmlos eingestuft wurde. Als Frau und dann noch als Akademikerin wurde mir eine generelle Unwissenheit über Fußball unterstellt, quasi eine „natürliche Dummheit“. Das heißt, mir wurde alles erklärt und ich konnte alles fragen. Meine Anwesenheit hat bestimmte Effekte ausgelöst, es gab Blondinenwitze und dumme Sprüche auf meine Kosten, was oft nicht schön war, aber zugleich sehr aufschlussreich. Daran ließ sich beobachten, wie Ausschließungsprozesse der Mannschaft gegenüber Außenseitern, also mir in diesem Fall, funktionieren.

Und welche weiteren Antworten hat die Feldforschung Ihnen geliefert?
Marion Müller: Sehr deutlich wurde zum Beispiel die enorm wichtige Rolle des Körpers. Wie die Spieler über ihren Körper reden, mit ihm umgehen, welche Rituale es gibt, etwa bei Berührungen untereinander – es dreht sich fast alles darum. Das ist natürlich auch naheliegend, da es im Sport um die Beobachtung von Körpern und körperliche Leistung geht. Das wird dann wiederum schnell damit verknüpft, ob der Körper weiblich oder männlich ist, weiß oder schwarz, welche persönlichen oder eben nationalen Eigenschaften ihm zugeschrieben werden. Der Leistungsvergleich ist im Sport angelegt und immer mit einer Bewertung verbunden, und das ist ein ganz ähnliches Muster, wie es bei nationalen oder Geschlechterstereotypen zu beobachten ist. Die Funktionslogik des Sports kommt einer Verwendung von Stereotypen, also der Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften aufgrund von Geschlecht oder Nationalität, sehr entgegen. Das schlägt sich in Äußerungen von Spielern und Trainern ebenso nieder wie in den Kommentaren von Sportjournalisten.

Was halten die Spieler vom Frauenfußball?
Marion Müller: Ja, das war interessanterweise öfter Thema, hier wurde auch verglichen und zugleich darauf bestanden, dass Männer- und Frauenfußball vollkommen unvergleichbar und im Grunde zwei verschiedene Sportarten sind. Das hat mich sehr erstaunt, und wenn man sich das historisch anschaut, ist die Unvergleichbarkeit eben gar nicht selbstverständlich. Es hat einige Mühen gekostet, den Frauenfußball dahin zu bringen. Nach der Aufhebung des Verbots von Frauenfußball in Deutschland gab es zunächst Sonderregeln wie größere Tore, weichere Bälle oder eine kürzere Spielzeit, die die Unvergleichbarkeit begünstigt haben. Noch immer gültig ist die sogenannte Schutzhand-Regel, mit der Frauen ihre Brust schützen dürfen. Für Männer gibt es keine entsprechende Bestimmung. Da gilt ein Ball an die schützende Hand beim Freistoß als Handspiel.

Haben Sie nach Erscheinen Ihres Buches Rückmeldungen bekommen?
Marion Müller: Bisher nicht, nein. Ich habe es den Vereinen natürlich zugeschickt, aber die Trainer und auch die Spieler, mit denen ich gesprochen habe, sind teilweise längst woanders unter Vertrag. Daran merkt man auch, wie schnell das in diesem Geschäft zugeht. Beim VfL Wolfsburg waren in den zwei Jahren seit meiner Forschung nicht nur Manager, Trainer und viele Spieler, sondern fast das gesamte Personal im Verwaltungsbereich ausgetauscht worden. Da konnte sich praktisch niemand mehr an mein Forschungsprojekt erinnern.

Und ist aus dem Forschungsinteresse am Fußball nach Abschluss der Forschung auch ein persönliches geworden?
Marion Müller: Nein, nicht wirklich. Aber was ein toller Effekt war: Ich konnte mich auf einmal über Fußball unterhalten – mit Taxifahrern, Leuten auf der Straße, mit allen möglichen Menschen. Vorher war ich da außen vor, und dann konnte ich auf einmal mitreden, das hat großen Spaß gemacht.

Marion Müller





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