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INTERVIEW
„Real ist nicht arrogant“
Schauspieler Oscar Ortega Sánchez erklärt uns das Prinzip Real Madrid. Interview Matthias Greulich und Eberhard Spohd

Oscar Ortega Sanchez

Liebt spanischen Fußball und Real Madrid: Oscar Ortega Sanchez Foto Dirk Messner


RUND: Herr Sanchez, wie wichtig ist Ihnen Fußball?

Oscar Ortega Sánchez: Solange ich denken kann, hat mich Fußball fasziniert. Als kleiner Knirps, noch bevor ich zur Schule ging, habe ich jede Sekunde genutzt, um Fußball zu spielen. Ich habe bis zum Alter von 20 jeden Tag Fußball gespielt. Ich bin bei Mannheim aufgewachsen, und alle Schulpausen, die fünf Minuten im Schulhof, waren ein Fußballspiel mit einem Tennisball.

RUND: Ist das das Erste, was sie mit Fußball verbinden?
Oscar Ortega Sánchez: Meine erste Erinnerung ist eine Übertragung im Radio, ein Länderspiel von Spanien. Ich war fünf Jahre alt und wir hatten noch keinen Fernseher. Der Empfang war schlecht, mein Vater hat sich furchtbar aufgeregt. Das Spiel muss wohl sehr spannend gewesen sein. Wir hatten ein altes Telefunken-Gerät, und der Empfang wurde und wurde nicht besser. Da nimmt er das Ding, packt es, macht das Fenster auf und haut es aus dem zweiten Stock auf den Gehweg. Es zerspringt in tausend Teile. So wütend war er. Da habe ich gedacht: Das muss wirklich wichtig sein, wenn er sich so aufregt.

RUND: Wie ist die Berichterstattung in Spanien?
Oscar Ortega Sánchez: Bei einer Reportage im spanischen Fußball geht die Post ab. Es geht wahnsinnig ins Detail. Charakteristisch ist, dass es mehrere Fachleute gibt, nicht nur einen Sprecher, der die Namen der Spieler aufzählt. Da gibt es den Hauptmoderator, der sich mit einem Fachmann über das Spiel unterhält. Sie sind aber nicht dafür zuständig, das Spiel zu beschreiben, das wird alle paar Minuten dazwischen geschnitten. Dann gibt es einen kurzen, rasenden Bericht, was da gerade auf dem Platz abgeht, dann wird zurückgeschaltet. Die Übertragung ist interaktiver. Dadurch bekommt es etwas Umfangreicheres. Es geht nicht nur um das reine aktuelle Spielgeschehen, sondern auch um die Hintergründe. Da wird sich über Taktik, Trainer und Spieler gestritten.

RUND: Mit welcher Mannschaft haben Sie mitgefiebert?
Oscar Ortega Sánchez: Mit Real Madrid. Das hat über meinen Vater angefangen, der sich natürlich sehr für die spanischen Mannschaften interessierte. Ich würde mich auch nicht als Fan im eigentlichen Sinn bezeichnen, als jemand, der bedingungslos zu seinem Klub steht, weil er da schon immer hingegangen ist. Es ist ein distanzierteres Verhältnis. Ich habe eher so etwas wie eine große Achtung, die in eine Liebe hineingeht, die sich entwickelt hat. Die Tradition des Vereins, die Philosophie, gefällt mir sehr gut. Aber auch die Haltung der Madrilenen zu ihrem Verein, die einerseits eine fanatische, aber auch eine distanzierte Seite hat.

RUND: Sind die Spieler heute noch so königlich wie di Stefano und Puszkas?
Oscar Ortega Sánchez: Die Spieler wissen, dass sie bei den Königlichen sind. Edler Charakter klingt ein bisschen pathetisch, so ist es aber. Dass man versucht, fair zu spielen. Dass man den Gegner nicht demütigt. Dass man selbst beim Torjubel bedenkt, dass es eine Etikette gibt. Leute, die am Zaun hochklettern und daran rumzerren, die das Trikot ausziehen oder sonst wie ausflippen, das ist nicht der Style von Madrid. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich verstanden, worum es Real geht. Die versuchen, eine Kunst auszuüben. Das kann im Sinne des fußballerischen Erfolgs funktionieren oder auch nicht. Aber das Bemühen ist immer da. Natürlich ist es wichtig, ob die Mannschaft gewinnt, aber es ist nicht das Wichtigste. Ein Sieg, der mühsam und mit Glück errungen wird, ist für die Madrilenen kein Sieg. Ein Sieg muss schön herausgespielt werden, die Mannschaft dominieren, sie muss den Ball laufen lassen.

RUND: Gibt es Gemeinsamkeiten mit dem Stierkampf?
Oscar Ortega Sánchez: Es gibt viele Parallelen. Zum einen ist die Fachkompetenz, die der Aficionado beim Stierkampf und beim Fußball hat, sehr vergleichbar. Und bei beiden müssen so viele Komponenten zusammenkommen, um einen wirklich großen Moment zu erzeugen. Auch beim Stierkampf gibt es oft einzelne Momente, die bewegend und großartig sind. Vielleicht ist sogar die letzte Phase, wenn der Torero den Stier töten muss, vergleichbar mit einem Torschuss. Das ist der große, entscheidende Moment. Wenn der Stierkampf, schön, anmutig, gekonnt und kontrolliert war, dann war es trotzdem kein großer Kampf, wenn das Töten nicht perfekt vollzogen wurde. Man muss viele Stierkämpfe sehen, um einen guten zu sehen. Aficionados machen das. Sie gehen dahin und wissen: Wahrscheinlich wird es kein guter. Aber sie gehen trotzdem zum nächsten, in der Hoffnung, den großen zu sehen, aber auch wegen der Angst, den großen zu verpassen. Es gibt nichts Schrecklicheres als einen schlechten Stierkampf. Ein schlechtes Fußballspiel ist schlimm, und ich habe schon viele gesehen. Aber es ist nicht so schlimm wie ein schlechter Stierkampf.

RUND: Wird der Fußball in Spanien anders angeschaut als hier zu Lande?
Oscar Ortega Sánchez: Ich glaube, es gibt wenige Bereiche, die sich so stark unterscheiden in den beiden Ländern wie Fußball. Auch in deutschen Stadien gibt es ein fachkundiges Publikum. Aber die Wertigkeit ist eine andere. In Deutschland geht es nur darum, ob man gewinnt. Und wenn man gewonnen hat ist man glücklich, wenn nicht, dann nicht. Alles das, was mich an Fußball fasziniert, ist ja verpönt und wird lächerlich gemacht. Man darf gar nicht von Spielkunst reden, da wird man belächelt. Das geht von der obersten Spitze bis in die letzte Bezirksliga: Schönspielerei ist ein Schimpfwort, brotlose Kunst heißt es. Alles was Fußball groß macht, wird in Deutschland zumindest belächelt, wenn nicht gar verachtet.

RUND: Was meinen Sie damit genau?
Oscar Ortega Sánchez: Es heißt immer wieder, Real spielt arrogant. Das ist eine Fehlinterpretation. Das hat nichts mit Arroganz zu tun. Das ist die Suche nach Kreativität, nach Inspiration. Dieses Bemühen steckt dahinter. Dazu gehört natürlich, dass man den Ball mit der Hacke weitergibt. Dafür bekommt der Spieler in Deutschland vom Trainer auf die Fresse. Es ist aber so, dass die Hacke zum Fuß dazugehört, und es gibt Spieler, die mehr Gefühl in der Hacke haben als manch ein deutscher Fußballer im Innenrist. Warum soll er sie dann nicht einsetzen? Abgesehen davon macht es Spaß. Alles was schön ist, kann auch Spaß machen. Das muss doch kein Widerspruch sein.

RUND: Wurde Ihnen die Schönspielerei in Mannheim ausgetrieben?
Oscar Ortega Sánchez: Als ich sieben oder acht war, habe ich überlegt, ob ich in einen Fußballverein gehe. Ich war allerdings mit sechs Jahren schon im Ringverein und habe es später immerhin in die Zweite Liga geschafft. Das war meine eigentliche Sportart. Aber ich war so fußballfanatisch, dass ich gedacht habe, ich könne in beiden Vereinen aktiv sein. Dann bin ich in den Vorortklub SSV Vogelstang gegangen. Beim ersten Mal war ich begeistert: ein großes Fußballfeld mit Rasen. Aber davon haben wir überhaupt nichts gesehen. Der Trainer hat uns auf die Aschenbahn gestellt, dann mussten wir im Entengang um das Spielfeld laufen. Endlos. Und dann war irgendwann das Training vorbei. Das ergibt doch keinen Sinn. Wie soll man da Lust bekommen auf Fußball? Wie soll man da das Spiel verstehen? Wie soll man da den Ball lieben lernen? Da bin ich nicht mehr hingegangen.

RUND: Gehen Sie zu Bundesligaspielen ins Stadion?
Oscar Ortega Sánchez: Ich bin nicht so ein unbedingter Stadiongeher. Zum Beispiel Borussia Dortmund, ein faszinierendes Stadion. Alle zwei Wochen kommen da 80.000 Leute hin. Eine wahnsinnige Atmosphäre, zweifellos. Aber was bekomme ich da zu sehen? Borussia spielt aus der Abwehr heraus mit langen Bällen auf Koller. Das ist die einzige Spielvariante, und das 40-, 50-mal im Spiel, hoch und lang auf Koller. Das muss ich mir nicht angucken. Das schaue ich mir fünf Minuten in der Zusammenfassung an und sehe, ob er einen von den 40 Bällen verwertet hat. Ich habe nicht diese Liebe zu einem Klub.

RUND: Bei der WM 2002 sollen Sie sehr enttäuscht gewesen sein, als Spanien aus dem Turnier flog.
Oscar Ortega Sánchez: Da haben sie in der Vorrunde sehr guten Fußball gezeigt, sehr offensiv, sehr gradlinig. Es klingt ja immer so, als ob man ein schlechter Verlierer wäre, wenn man sich über den Schiedsrichter beschwert. Ein Schiedsrichter kann nicht schuld sein. Nur in dem Fall: Zwei Abseitstore nicht anerkannt, obwohl es kein Abseits war, ein aus dem Spiel heraus erzieltes Tor nicht anerkannt, weil der Ball angeblich vorher im Aus war. Das war ein Wahnsinn. Da war ich wirklich am Boden zerstört. Nach diesem Spiel, nach dem Ausscheiden gegen Südkorea im Elfmeterschießen, da wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Das war einer der schlimmsten Momente, die ich je erlebt habe. Ich habe zwei Sekunden darüber nachgedacht, ob ich vor ein Auto laufe.




Oscar Ortega Sanchez

„So absurd die Geschichte, so echt sind die Fans“: Oscar Ortega Sanchez Foto Dirk Messner

Der Schauspieler Oscar Ortega Sánchez hatte schon Rollen in Filmen wie „Bunte Hunde“ von Lars Becker oder in Fatih Akins furiosem „Kurz und schmerzlos“, bevor er 1999 in Tomy Wigands „Fußball ist unser Leben“ mitwirkte. Noch Wochen nach dem Filmstart riefen die Schalke-Fans im Parkstadion seinen Namen: „Dios – Mios – Fußballgott!“ Dios hat zwar nie wirklich auf Schalke gespielt, war aber die stärkste Figur in der Komödie, die in Gelsenkirchen gedreht wurde. Der heute 43-Jährige verkörperte Pablo Antonio Di Ospeo, genannt Dios, der vor lauter Koks vergisst, Tore zu schießen.

Für den Fußball-Aficionado waren es unvergessliche Erlebnisse, denn es wurde auch während eines Bundesligaspiels von Schalke gedreht: „Ich durfte mit auf die Trainerbank, und Rudi Assauer hat ein wenig mitgespielt. Dass ich mich am Spielfeldrand warmlaufe, war improvisiert. Wir hatten mehrere Kameras aufgebaut, um so viel Material wie möglich zu bekommen. Dann gab es einen Freistoß 20 Meter vor dem Tor hinter der Fankurve. Ich hatte es im Urin, dass das ein Tor wird. Ich habe mir zwei Komparsen geschnappt und dem Kameramann Bescheid gesagt, dass gleich ein Tor fällt. Die beiden Komparsen nehmen mich auf die Schulter, ich baue mich auf vor der Fankurve auf. Ich stehe mit hochgerissenen Armen vor der Kurve. Die haben alle gedacht, dass ich bekloppt sei, was will der denn, den kennen wir gar nicht. Der Freistoß wird ausgeführt, es fällt das Tor, und auf einmal fangen Tausende an zu jubeln, und ich stehe vor denen, als ob ich das Tor geschossen hätte. So etwas kannst du nicht inszenieren. Du kannst keine 20.000 Statisten da hinstellen.“

Bei der Ballarbeit ließ sich der Dios-Darsteller ebenfalls nicht doubeln. „Das war auch nicht so wahnsinnig schwierig.“ Bis auf einen Flugkopfball im Anschluss an eine Ecke. „Es regnete in Strömen. Der Ball wurde immer schwerer, mein Schädel schmerzte, nachdem die Szene nach einem ganzen Nachmittag im Kasten war.“ Einigen Kritikern kam der Film von Tomy Wigand reichlich klischeehaft vor, als er 1999 in die Kinos kam. Vielleicht lag es daran, dass die Rollen der Schalke-Fans, die Dios entführen, um ihn wieder in Form zu bringen, mit Ralf Richter und Uwe Ochsenknecht prominent besetzt waren. Oscar Ortega Sánchez und seine Kollegen waren für Milieustudien in vielen Fankneipen rund um den Schalker-Markt eingekehrt. „Wenn man den Film sieht, denkt man vielleicht, das sei übertrieben. Zwei Tage Gelsenkirchen und man weiß Bescheid. So absurd der Verlauf der Geschichte ist, so echt sind die Fans.“

Für seine Rolle als Pablo Antonio Di Ospeo wurde Sanchez für den Deutschen Filmpreis 2000 nominiert.

Der Text ist in RUND #11_05 erschienen.


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