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PORTRÄT THOMAS SCHAAF
Der Autonome des Fußballs
Zum Abschied von Thomas Schaaf beim SV Werder: Dieser Mann ist leise, er kämpft nicht, sondern lässt die Gegner ins Leere laufen. Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf ist autonom – das können im Fußballgeschäft nur wenige von sich sagen. Von Roger Repplinger

Thomas Schaaf

Seit 1972 beim SV Werder Bremen: Thomas Schaaf
Foto Benne Ochs


Nach dem Spiel zwischen dem Hamburger SV und dem SV Werder Bremen sitzt Thomas Schaaf auf dem Podium und lächelt. Bremen hat 1:2 (0:2) verloren. Schaaf kann auf verschiedene Arten lächeln. Dies Lächeln ist das unsichtbarste.

Ein Journalist hat Bruno Labbadia, den Trainer des HSV gefragt, ob er nicht auch findet, dass Eljero Elia in diesem Spiel eine herausragende Leistung gezeigt habe. Die Frage stellt Labbadia vor das Problem, die Leistung eines einzelnen Spielers zu würdigen. Das tun Trainer wie Labbadia und Schaaf nicht, weil sie Fußball als Mannschaftssport begreifen, weil sie, wenn sie den einen Spieler öffentlich loben, konsequenterweise den anderen öffentlich kritisieren müssen.

Solche Fragen bringen Trainer in die Bredouille. Andere in die Bredouille zu bringen ist erlaubt im Journalismus. Schaaf hört genau hin, wie sich der Kollege aus der Falle befreit. Labbadia sagt: "Die ganze Mannschaft hat gut gespielt und Eljero hat schon oft gut gespielt. Wir wissen, was er kann." So ähnlich hat Schaaf über Diego, Johan Micoud, Andreas Herzog gesprochen, so spricht er über Mesut Özil und Marko Marin.

Schaaf muss so unsichtbar wie möglich lächeln, weil ihm die Journalisten, wäre sein Lächeln offensichtlicher, die Frage stellen würden, warum er lächelt. Er, Schaaf, der doch nie lächelt.

Thomas Schaaf, 48 Jahre alt, gilt als kauzig, schrullig, dröge, maulfaul, stur, Staub trocken, störrisch, unter kühlt und humorlos. Er ist widerborstig, und das auf eine zähe Art. Er lässt sich nicht aufs Spiel
der Medien ein, auf das Geben und Nehmen. Er haut keine Sprüche raus und keine Spieler in die Pfanne wie Felix Magath das mit Albert Streit getan hat. Er reibt sich nicht, wie Ralf Rangnick, an Fans und Journalisten. Er geht nicht, wie Jürgen Klinsmann, mit dem Pathos der großen Veränderung
an die Dinge heran. Schaaf ist leise, er kämpft nicht, sondern lässt die Gegner ins Leere laufen. Er hält sie auf Distanz. Klaus Allofs, Werders Geschäftsführer im Bereich Fußball, übernimmt, weil der Trainer das nicht macht, den Part des Verbindlichen.

Schaaf verweigert sich nicht komplett. Er will seine Dinge "schon rüberbringen", wie er das nennt. Er will erklären, warum dies passiert ist und jenes. Er ist keiner, der die Journalisten beißt, wie Huub Stevens, oder verstummt, wie Ernst Happel. Könnte sich allerdings in die Happel-Richtung entwickeln, wenn bei Schaaf der Eindruck zunimmt, dass sich niemand mehr für Argumente interessiert. Nur noch der Krawall zählt.


Schaaf ist ein Hindernis. Jedenfalls sehen das die in der Branche so, die von der schnellen Durchlaufzeit der Trainer profitieren. Vom Hoch und Runter, Rein und Raus. Die Trainer hin- und wegschreiben, hin- und wegreden, hin- und wegfilmen. Es arbeitet sich so viel leichter, wenn die
Trainer kommen und gehen. Neue Gesichter, neue Geschichten, die Branche, die von Neuigkeiten lebt, sieht sich bei Schaaf vor die Aufgabe gestellt, mit dem Gegenteil zu recht zu kommen. Das gelingt nicht jedem. Was sollen sie über Schaaf noch schreiben, der seit 10. Mai 1999 Cheftrainer bei
Werder ist und nun seinen Vertrag verlängert hat? Bis 2012. Ist doch alles geschrieben.

Die Reporter im Fernsehen heben die Stimme, wenn sie sagen, dass Schaaf seit 1972 bei Werder ist. Als Spieler war er mit Werder 1988 und 1993 Deutscher Meister, und holte 1991 und 1994 den DFB-Pokal. Den Europapokal der Pokalsieger gewann Werder am 6. Mai 1992 im Estádio da Luz in Lissabon gegen den AS Monaco, Trainer Arsène Wenger, mit 2:0 nach Toren von Klaus Allofs (44.) und Wynton Rufer (55.). Trainer Otto Rehhagel wechselte Schaaf in der 80. Minute für Thomas Wolter ein. Rehhagel war mehr als 14 Jahre bei Werder, und damit länger bei einem Club als jeder andere Trainer der Liga. Schaaf könnte ihn überholen, interessiert ihn aber nicht.

Als Trainer wurde Schaaf 2004 Deutscher Meister und Pokalsieger, und 1999 sowie 2009 Pokalsieger. Er pflegt im Triumph nicht abzuheben und bei Niederlagen nicht zu versinken.

Statt über Niederlagen regt er sich eher darüber auf, wie nach ein paar Niederlagen alles, was jahrelang geklappt hat, in Frage gestellt wird.


Schaafs Eigenschaften: Treue, Ausgeglichenheit, Nüchternheit, Ruhe, gelten als unmoralisch. Diese Sichtweise sagt mehr über uns aus, die Journalisten, als über ihn. Ständig geißeln Journalisten die
"Söldnermentalität" von Spielern und Trainern. Aber wenn dann mal einer bleibt, und nicht gehen will, weil es keinen Grund gibt, dann zeigt sich, wie schwer das auszuhalten ist. Die
"Söldnermentalität" ist die Mentalität der Journalisten, die von den öffentlich-rechtlichen Sendern zu den Privaten hüpfen, wenn es dort mehr Kohle gibt.

Im Sommer war Schaaf zu Gast in Ina Müllers Fernsehsendung "Inas Nacht", die beim NDR läuft. Er bringt den DFB-Pokal mit und als Müller sich darüber freut: "Ist das toll", fragt Schaaf:
"Bin ich der Erste, der hier was mitbringt?" Und dann knurrt er: "Ich nehm' den wieder mit."

Sein Humor ist trocken. Als Ina Müller in den Pokal guckt, sagt sie: "Was hattet ihr denn da drin, der is' ja ganz dreckig?" Und Schaaf: "Ja, für den Garten brauchen wir den auch." Als Müller den Pott herzt und sagt: "Nächstes Jahr kommst du zu uns mein Kleiner", grinst Schaaf dreckig und fragt: "Wohin, zu St. Pauli?"

Irgendwann zitiert Müller aus der "Bunten"; zitiert, was Schaaf auf die Frage nach dem, was ihm wirklich wichtig ist, antwortet: "Dass mein Haar gut liegt, ich trage es schließlich offen." Alles brüllt, nur Schaaf nicht. Der zuckt nicht mit den Mundwinkeln. Als Ina Müller auf die Idee kommt: "Wir könnten auch ein bisschen was singen" schüttelt Schaaf den Kopf. Auch Pfeifchen und Saxophon
spielt er nicht und mit der grün-weißen Nasenflöte freundet er sich nicht an.

Die 14 Gäste in der Kneipe lachen sich scheckig. Sie müssen singen, zusammen mit dem 20-köpfigen Wilhelmsburger Shantychor "Tampentrekker", der aus Platzgründen draußen steht, vor den geöffneten Kneipenfenstern.

Die Einladung lief über Astrid, Thomas Schaafs Frau. Sie haben sich in der Schule kennen gelernt, Schaaf kam mit fünf Jahren aus Mannheim nach Bremen, der Vater Fußballer und Dachdecker. Astrid und Thomas sind seit über 20 Jahren zusammen. Astrid Schaaf ist Krankenschwester und hat
Lachfalten um die Augen. Sie haben eine Tochter, die ist 18.

Vor dieser Saison, nach Diegos Wechsel zu Juventus Turin, hieß es: Diesmal schaffen es die Bremer nicht. Das hatte es in den vergangenen Jahren vor jeder Saison geheißen. Denn vor jeder Saison verlieren sie einen Schlüsselspieler. Das ist das Geschäftskonzept des SV Werder. Diesmal,
davon waren alle Experten überzeugt, stürzen sie ab. Mit Spielern wie Sebastian Boenisch, Sebastian Prödl und Philipp Bargfrede. Schaaf hält länger als andere Trainer an Spielern fest, von denen er überzeugt ist. Die Werder-Fans raufen sich die Haare, die Journalisten schütteln den Kopf. Und dann, peu √† peu, wird der Spieler besser. Klappt nicht immer: Mit Außenverteidiger Duško Tošić hatte Schaaf Geduld, doch der kam nicht. Auch in dieser Saison sind die Bremer nicht abgestürzt:
"Viele haben der Mannschaft das nicht zugetraut", sagt Schaaf noch ruhiger als sonst.

Schaafs Arbeitsweise kostet ihn was. Die Schublade, in die sie ihn gesteckt haben, ist nicht wirklich schön. Aber sie bringt ihm auch was: Autonomie. Er ist sein eigener Herr. Herr seiner Entscheidungen. Von außen diktiert ihm keiner was. Das kann kaum einer von sich sagen in dieser Branche. Das ist ein Erfolg. Dieser Erfolg wird nicht gewürdigt, so wie die anderen Erfolge Werders nicht gewürdigt werden. Andere brüllen lauter.


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