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MENSCHENHANDEL
„Das ist moderne Sklaverei “
Die traurige Odyssee des Kameruners Boris Ngouo sorgt in Frankreich für Aufsehen. Der damals 22-Jährige beschreibt in seinem Buch „Terrain miné“ (Vermintes Gelände), wie ein Netzwerk dubioser Spielerberater afrikanische Talente mit dem Versprechen auf eine große Karriere nach Europa lockt. Interview Joachim Barbier.

Boris Ngouo

"Moderne Sklaverei": Boris Ngouo hat das Buch "Terrain miné" geschrieben
Foto Axl Jansen und Nicole Hardt


RUND: Herr Ngouo, was hat Ihr Buch bewirkt?
Boris Ngouo: Ich bin da absolut gespalten. Einerseits haben es das Buch und die Arbeit der Organisation Culture Foot Solidaire, die in Frankreich gestrandeten jungen afrikanischen Fußballern hilft, ermöglicht, die Behörden zu alarmieren. Vor einigen Monaten hat man uns in der Nationalversammlung empfangen, wo sich die Parlamentarier die Berichte derjenigen angehört haben, die diesen Weg hinter sich haben, darunter auch meinen. Sie bereiten nun ein Gesetz vor, um das Betätigungsfeld der Agenten einzugrenzen und den Machenschaften gewisser Leute ein Ende zu setzen. Andererseits war dieses Phänomen noch nie so ausgeprägt wie jetzt. Trotz aller vorbeugenden Maßnahmen wird es immer schlimmer.

RUND: Denken Sie, dass das Fernsehen, insbesondere das europäische, in Afrika zu diesem Verlangen nach einem Exil um jeden Preis beitragen kann?
Boris Ngouo: Der Einfluss ist beachtlich. Vor 20 Jahren gab es in einigen Ländern des Kontinents noch kein Fernsehen. Man hat vom europäischen Fußball gehört, ihn aber niemals gesehen. Heute sehen die Afrikaner per Satellit oder Kabel häufiger die europäischen Sender als ihr eigenes nationales Fernsehen. Und was wird da gezeigt? Volle Stadien, perfekte Plätze, afrikanische Spieler, die dank phantastischer Gehälter alle Attribute des gesellschaftlichen Erfolgs aufweisen. Und neben dieser Traumfabrik gibt es die Realität des afrikanischen Fußballs: buckelige Plätze, veraltete, sogar nichtexistente Strukturen, Amateurhaftigkeit. Wie soll denn ein junger Afrikaner, der davon träumt, Profispieler zu werden, seine Zukunft auch nur einen Moment lang in seinem eigenen Land sehen?

RUND: Man hat das Gefühl, dass dieses Phänomen eine gewisse Ähnlichkeit mit Reality Shows vom Typ „Deutschland sucht den Superstar“ aufweist. In Afrika scheint Fußball der kürzeste Weg zu Erfolg, Berühmtheit, Geld und gesellschaftlicher Anerkennung zu sein.
Boris Ngouo: Absolut. Das funktioniert wie ein Köder. Allerdings kann ein junger Europäer einfach nach Hause zurückkehren, wenn er es nicht schafft, Karriere zu machen. Er profitiert von einem Umfeld, in dem ihm die gesellschaftlichen Strukturen eine Rückkehr ermöglichen. Ein minderjähriger Afrikaner, der scheitert, ist allein, 6000 Kilometer von zu Hause entfernt, häufig im Untergrund, ohne Papiere. Er steht vor einer Mauer, einer vollkommen verworrenen Situation, aus der er sich nicht selbst befreien kann.

RUND: Welche Verantwortung haben die europäischen Vereine?
Boris Ngouo: Die Vereine berücksichtigen selten, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen haben. Die Schäden bei den Jugendlichen sind enorm. Für mich ist das eine Art moderner Sklaverei. Die Anwerber, die Vermittler bringen ihnen die Jugendlichen, die Familie und Umfeld verlassen haben. Man nimmt sie und wirft sie weg! Für einen jungen Afrikaner, der über Jahre des Trainings hinweg von Thierry Henry geträumt hat und dann aus einem Trainingszentrum geworfen wird, ist es schwer sich zu sagen: „Okay, dann werde ich mich eben für einen anderen Job bewerben.“ Dieser Jugendliche wird also zur leichten Beute für jeden beliebigen Vermittler, der ihm das Blaue vom Himmel herunter verspricht. In Frankreich werden sie von einem Klub zum nächsten geschleppt und scheitern dann. Ich glaube also, dass die Klubs mitschuldig sind.

RUND: Warum gibt es keinerlei Zweifel bei all den Jugendlichen, die das Land verlassen wollen?

Boris Ngouo: In Afrika stehen die Jugendlichen unter enormem familiärem Druck, sie sind dazu bestimmt wegzugehen, umso mehr, als sie vom leichten Erfolg überzeugt sind. Sie sagen sich: „Wir werden uns körperlich durchsetzen und dadurch Erfolg haben. Die Jungen in Europa können nicht spielen. Okay, technisch sind sie nicht schlecht, aber sie sind lahm. Wir sind besser als die!“ Es ist unmöglich, all diesen Jugendlichen zu erklären, dass es hier noch viele andere junge Talente gibt. Sie haben einen Überlegenheitskomplex, glauben, dass sie sich auf den Weg machen, einen Vertrag ergattern und dann problemlos eine Unterkunft finden können dank jemandem, den sie auf der Straße getroffen haben: Ein Lächeln reicht, das geht automatisch.

RUND: Wie konnte dieser Mythos entstehen?
Boris Ngouo: Letztlich hat der Erfolg einiger weniger gereicht. George Weah beispielsweise war einer der Ersten. Bevor er beim AC Mailand der beste Stürmer der Welt wurde, hat er bei Tonnerre de Yaoundé gespielt. Dann kam die Generation von M’Boma und Song, die sportlich erfolgreich waren, und jetzt der Starrummel um Fußballspieler wie Eto’o. Wenn diese wenigen Spieler nach Afrika zurückkehren, bringen sie alle Attribute ihres sportlichen, vor allem aber ihres gesellschaftlichen Erfolgs mit: teure Klamotten und Autos. Das ist der große Unterschied zur Generation von Roger Milla. Die haben noch zum Vergnügen gespielt, und am Anfang haben sie kein Geld mit dem Fußball verdient. Der Erfolg von Samuel Eto’o in Barcelona wirkt wie ein Sog. Er könnte drei Millionen Kinder dazu bringen, das Land zu verlassen.

RUND: Dabei wird vergessen, dass der Erfolg nicht nur an den fußballerischen Qualitäten hängt.
Ein Junge aus Kamerun, der nach Europa geht, ist verpflichtet, Erfolg zu haben. Daher ist auch in der Regel das Erste, was er bei seiner Ankunft hier macht, sich ein Trikot eines Profiklubs mit seinem Namen auf dem Rücken zu kaufen. In dem lässt er sich vor einem hübschen Stadion in einem Pariser Vorort fotografieren und schickt das Foto dann seiner Familie, um zu beweisen, dass es schon losgeht mit dem Traum. Der Erfolg ist eine Pflicht. Eine lähmende Pflicht. Denn zu versagen bedeutet, die Familie, den Clan zu verraten. Solltest du es jemals wagen, nach Hause zurückzukehren, wird man dich wie einen Nichtsnutz behandeln: Gesellschaftlich existierst du nicht mehr. Mit einem solchen sozialen und wirtschaftlichen Druck spielt der junge Kameruner, der nach Europa geht, nicht mehr Fußball, wie es noch ein Milla konnte.

RUND: Jetzt soll Ihr Buch verfilmt werden?
Ja, die Rechte wurden verkauft. Im Moment wird gerade das Drehbuch auf der Grundlage des Buches geschrieben. Mehr weiß ich nicht, aber ja, meine Geschichte wird ins Kino kommen.


Boris Ngouo


"Moderne Sklaverei": Boris Ngouo hat das Buch "Terrain miné" geschrieben
Foto Axl Jansen und Nicole Hardt

Boris Ngouo verließ mit 16 Jahren und dem Kopf voller Fußballträume seine Heimat Kamerun. In seinem Buch Terrain miné erzählt er seine Odyssee durch Europa. Es sorgt in Frankreich nach wie vor für Wirbel. Der 22-Jährige lebt inzwischen in Paris, seit Oktober 2004 hat er die Fußballschuhe nicht wieder angezogen.

Der älteste Sohn eines Bauunternehmers, der sich für seinen Sprössling eher eine akademische Laufbahn gewünscht hätte, macht mit seinem Talent im Umgang mit dem Ball schnell auf sich aufmerksam. Mit 14 Jahren tritt er in die berühmte Kadji Sport Academy in Douala ein, aus der auch Samuel Eto’o hervorgegangen ist. Danach kommt er an die Fußballschule Future Soccer, wo Ngouo viele Versprechungen für eine Profikarriere in Europa gemacht werden.

Sein Leidensweg begann in Deutschland: Ein kamerunischer Vermittler lässt den gerade 16-Jährigen nach Berlin zu Hertha BSC fliegen. Dort rät man ihm trotz guter Tests, sich beim Verbandsligisten SV Lichtenberg 47 abzuhärten. Bei jedem Fehlpass brüllt das Publikum: „Du dreckiger Neger!“ Eines Tages wird er von sechs Skinheads angegriffen und kommt nur wie durch ein Wunder davon. Ein Vertrag mit Arminia Bielefeld platzt, weil ein anderer Berater eine überzogene Provision verlangt.

In Frankreich macht er Testspiele bei den Zweitligisten Amiens und Guingamp. Die Transaktionen scheitern, Schuld hat ein Vermittler, der eine zu hohe Provision verlangt. Er fliegt nach Madrid, einen noch ungewissen Vertrag bei Rayo Vallecano vor Augen. Noch ein Fehlschlag. Dennoch geht er zur Ciudad Deportiva, dem Trainingszentrum von Real Madrid, wo er einigen Galaktischen über den Weg läuft. Zurück in Frankreich, spielt er dank Luis Fernandez, den er beim Radio kennen gelernt hat, bei Red Star in Paris. Er bekommt nur Auflaufprämien für jedes absolvierte Spiel und hat neben seinen Aktivitäten als Fußballer noch einen Vollzeitjob als kaufmännischer Angestellter: Handyverkauf an der Haustür.

2003 haben es von 750 afrikanischen Spielern in Europa nur 35 zu einem Profivertrag gebracht. Wie so viele andere, hat Boris Ngouo nie die Gelegenheit bekommen, auf dieser „Liste der 35“ aufzutauchen.


Das Interview ist in RUND #10_05_2006 erschienen.





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