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INTERVIEW
"Wir müssen besonders schlau sein"
Als Sportberater von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fliegt er um die Welt: Willi Lemke, Aufsichtsratsvorsitzender von Werder Bremen, hält sich inzwischen aus dem Tagesgeschäft beim Bundesligisten heraus. Interview Ralf Lorenzen und Roger Repplinger.

Willi Lemke

Vielbeschäftigt: Willi Lemke, Aufsichtsratsvorsitzender von Werder Bremen und Sonderberater der UN
Foto Pixathlon


Herr Lemke, wie weit sind Sie als Aufsichtsratsvorsitzender von Werder Bremen noch am täglichen Geschäft dran?
Willi Lemke: Überhaupt nicht. Das gibt nur Unruhe und die braucht man im Bundesligageschäft nicht. Wir lassen die sportliche Leitung in Ruhe arbeiten, auch in schlechten Phasen. Das hat uns über Jahrzehnte Erfolg beschert.

Wie ist dieser Erfolg zu erklären?
Willi Lemke: Wir haben Kontinuität und jeder weiß, was er zu tun hat. In den achtziger Jahren hatte Otto Rehhagel vier Sterne auf der Schulterklappe, ich drei. Heute arbeiten Klaus Allofs und Thomas Schaaf, obwohl Klaus formal der Vorgesetzte ist, auf Augenhöhe. Die Aufgaben sind klar verteilt.

Jahrelang war nur Bayern München wirtschaftlich für Werder unerreichbar. Nun sind Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen dazu gekommen. Wird die Lücke größer?
Willi Lemke: Die Lücke ist größer geworden. Wer Erfolg hat, bekommt durch die Champions League die finanziellen Möglichkeiten, weiter erfolgreich zu sein. Ich kann nichts dagegen sagen, wir sind Nutznießer der Situation. Klar ist: Die Kluft zwischen den erfolgreichen, die auch wirtschaftlich erfolgreich sind, und den weniger erfolgreichen, wächst. Für Vereine, die nicht die wirtschaftlichen Voraussetzungen haben, wird es schwieriger. Trotzdem kommen Underdogs nach oben.

Wie Hoffenheim.
Willi Lemke: Ja. Ich habe niemals einen so guten Aufsteiger wie die TSG Hoffenheim in der vergangenen Saison hier im Weserstadion gesehen. Da habe ich gedacht: Siehste, geht doch noch, natürlich mit dem entsprechenden Pulver. Werder Bremen ist solide geführt, steht wirtschaftlich gut da. Deshalb bin ich auch nicht aufgeregt, wenn wir mal Sechster sind. Wir arbeiten ruhig weiter, lassen uns nicht von einer schlechten Presse ablenken. Klaus Allofs, Thomas Schaaf und die Mannschaft haben unser Vertrauen.

Ist Hoffenheim nicht eine neue Form der Konkurrenz?
Willi Lemke: Eine besondere. Aber auch Wolfsburg ist eine besondere Konkurrenz. VW hat jetzt Freude daran, die sind Meister geworden, jetzt ist es leichter, Herrn Winterkorn davon zu überzeugen, noch mal ein paar Millionen locker zu machen. Das war auch bei Leverkusen so, auch die hatten eine Ausnahmestellung. Wenn da ein Loch war, wurde es gestopft, und gut ist. Diesen Luxus hatten wir nie. Wir müssen immer schauen, dass wir mit den Einnahmen die Ausgaben begleichen können.

Das machen nicht alle.

Willi Lemke: Nein. Dass uns die Möglichkeit fehlt, das Geld raus zu pfeffern, macht uns stark. Bremen ist ja keine Metropole, nicht mit Hamburg, Berlin vergleichbar, selbst Städte wie Frankfurt und Hannover haben Standortvorteile, wenn man die Zuschauerströme sieht. Was Wirtschaft und Zuschauer anbelangt haben wir keine optimalen Bedingungen. Wir müssen besonders schlau sein, um dies zu kompensieren. Das gelingt uns.

Werder hat ja mit der Gründung der GmbH & Co. KG die Möglichkeit, Investoren Anteile zu verkaufen. Warum passiert das nicht?
Willi Lemke: Weil wir unsere Eigenständigkeit bewahren wollen. Wir wollen nicht abhängig werden von Menschen, Firmen, Organisationen. Wir wollen ein Mitglieder geführter Verein sein, wir wollen, dass die Mitglieder das Sagen haben. Das ist ein hoher Wert bei Werder Bremen, ähnlich wie die Tatsache, dass das Bremer Weserstadion immer noch Bremer Weserstadion heißt. Darauf sind alle handelnden Personen sehr stolz, sonst wird’s beliebig.

Da sind sie konservativ.
Willi Lemke: Das widerspricht meinem Verständnis von Tradition und Fußball. Wir müssen auch keine Anteile verkaufen, um Riesentransfers zu stemmen, denn man kann Tafelsilber nur einmal verkaufen, dann ist es weg. Werder Bremen, die Werder Bremen GmbH & Co. KG gehört Werder Bremen, uns allen, den Mitgliedern.

Da gibt es Einigkeit im Aufsichtsrat?

Willi Lemke: Ja. Es kann eine Situation entstehen, in der wir reagieren müssen, aber wir wollen das alle nicht. Wir wollen die Strukturen der Kapitalgesellschaft so halten, wie sie sind, dafür kämpfen Aufsichtsrat, Geschäftsführung und Präsidium. Und im Moment stehen wir glänzend da.
Besonderer Glanz umgibt Sie, seit sie ehrenamtlicher Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden bei den Vereinten Nationen sind.

Welche Idee steckt hinter diesem Amt?
Willi Lemke: Dieses Mandat hat drei Bereiche. Zum einen repräsentiere ich den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, bei großen Sportveranstaltungen und Konferenzen, wie jetzt bei den Olympischen und Paralympischen Winterspielen in Vancouver.

Welche Bereiche umfasst Ihr Mandat noch?
Willi Lemke: Ich setze mich dafür ein, das Verständnis zu stärken, den Sport als Instrument für Entwicklung und Frieden zu nutzen. Viele Regierungen sagen: Sport ist Luxus und keine staatliche Aufgabe. Da ist die UN anderer Auffassung. Ebenfalls koordiniere ich die Tätigkeiten innerhalb der Vereinten Nationen und agiere als Schnittstelle zwischen den UN, den Mitgliedsstaaten, der Zivilgesellschaft, den internationalen Sportverbänden, den Medien und der Privatwirtschaft. Es ist meine Aufgabe, verschiedene Partner und Akteure zusammenzuführen. Dafür habe ich mittlerweile ein sensationelles Netzwerk aufbauen können. Für die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika zum Beispiel versuche ich, zwischen den einzelnen UN-Agenturen zu koordinieren, um deren Aktivitäten abzustimmen und Synergien zu nutzen. In einigen Entwicklungsprojekten werden leider manchmal Fehler gemacht, auch weil sie oft von oben aufgesetzt sind. Aber es gibt auch viele gelungene Beispiele. Von denen müssen wir lernen, sie weiterverfolgen und die positiven Erfahrungen austauschen.


Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Willi Lemke: Ich habe in Bouaké an der Elfenbeinküste, mitten im Rebellengebiet, ein Judo-Projekt mit 200 jungen Teilnehmern besucht, darunter viele Mädchen und Frauen. Mit Hilfe des deutschen Außenministeriums konnten wir 200 vor Ort hergestellte Judoanzüge dorthin schicken. Als ich das Projekt besucht habe, wurde ich ins UN-Camp eingeladen. Der Kommandeur, ein Pakistani, zeigte mir stolz eine Ecke, wo sie einen Bolzplatz bauen wollten, unter anderem für Spiele gegen die Rebellenarmee. Da habe ich ihn gefragt, ob es nicht besser wäre, im Dorf einen Bolzplatz zu bauen, wo die Jungs des Dorfs rumgammeln und sich verleiten lassen, Knarren oder Drogen in die Hand zu nehmen. Ich habe dem Generalsekretär von der Idee erzählt, mit UN-Soldaten solche Projekte zu machen. Am 24. Dezember 2009 wurde der Bolzplatz im Dorf offiziell eingeweiht, eine pakistanische Armeeband spielte dazu. Die UN-Friedensmission in Abidjan hat mir mitgeteilt, dass sie versuchen, weiter in den Bau von Sportstätten zu investieren.

Ecken Sie mit Ihrer direkten Art manchmal an?
Willi Lemke: Nein, ich habe es leicht, weil ich etwas bewege. Wenn ich Jugendcamps besuche, bin ich nicht auf der Ehrentribüne, sondern auf dem Feld. Mir ist es wichtig, Vorbilder zu fördern. Normalerweise fördern wir in Europa nur Leute mit Hochschulabschluss, aber niemand hat ein Programm für arme Leute ohne Ausbildung, die aus dem Nichts eine wunderbare Sozialisation hin kriegen. Im letzten Jahr habe ich Peter Ndolo, der im Mathare-Slum von Nairobi aufwuchs, ein Praktikum bei Radio Bremen vermittelt. Jetzt zeigt er den Jungen und Mädchen zu Hause, wie man fotografiert und Interviews macht. Mein Ziel ist es, jedes Jahr 200 junge Afrikaner aus armen Familien mit Hilfe vieler NGOs nach Europa zu vermitteln. Die sollen später die jetzige Politikergeneration ablösen, die sich oft die eigenen Taschen voll stopft.

Wird es den Landespolitiker Willi Lemke noch einmal geben?
Willi Lemke: Mit Sicherheit nicht. Auch wenn ich durch die vielen Reisen manchmal erschöpft bin – ich bin in meinem jetzigen Job glücklich, bin überall willkommen und muss mich nicht mit Haushaltslöchern herum ärgern.

Im Moment warnen einige, auch ihr langjähriger Widersacher Uli Hoeneß, vor den Gefahren bei der Fußball-WM in Südafrika. Sind Sie da gefragt?
Willi Lemke: Die FIFA ist so stark, die braucht keine Unterstützung. Und dennoch glaube ich, dass es wichtig ist, deutlich zu machen: Es geht da um weitaus mehr als Fußball. Südafrika ist ein Leuchtturm für Afrika und Afrika braucht ein Erfolgserlebnis. Natürlich gibt es Kriminalität, aber die gibt es auch in amerikanischen Großstädten. Ich freue mich auf die Weltmeisterschaft. Die wird bunt und schön. Ich kann nur allen raten, hinzufahren und die Gastfreundschaft zu genießen. Niemand braucht Angst haben, überfallen zu werden, wenn er sich an die Regeln hält.


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