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HAUSBESUCH
Schule, Training, Chillen

Im Internat des Nachwuchs-Leistungszentrums des VfL Wolfsburg dürfen Talente von der Bundesliga träumen. Harte Arbeit für die Teenager, die dafür auf eine normale Jugend verzichten.
Von Erik Brandt-Höge.

 

Nachwuchs VfL Wolfsburg
Chillen: Die Jugendlichen haben einen straffen Tag, es bleibt nur wenig Zeit zum Ausruhen
Foto Michael Peter/VfL Wolfsburg

 

Keine fünf Busminuten entfernt von der „Volkswagen Arena“, dem Zuhause der Profis des VfL Wolfsburg, hat der Klub vor zweieinhalb Jahren seine neue Jugendschmiede aufgebaut. Ein Nachwuchs-Leistungszentrum mit integriertem Internat, nahe gelegener Partnerschule und drei Rasenplätzen sowie einem beheizbaren Kunstrasenplatz direkt vor der Tür. Bis zu 29 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren können hier untergebracht werden – und das nicht ganz unkomfortabel.

Die Beschreibung der für die Nachwuchsspieler gestalteten Räumlichkeiten liest sich wie ein Urlaubsangebot aus dem Reisekatalog: großzügig ausgestattete Appartements mit bis zu 24 Quadratmetern Wohnfläche, alle mit nach Süden ausgerichteten Balkonen beziehungsweise Dachterrassen. Zudem gibt es ein sprudelndes Entspannungsbecken und eine Sauna sowie einen Erholungsraum mit Fernseher, Ledersesseln und Kickertisch. Luxus fast wie bei den Profis, ein echtes Teenie-Paradies - möchte man denken. Doch unter den Jugendzimmern, die im ersten Stock aneinandergereiht sind, ist alles auf harte Arbeit eingestellt. Im Erdgeschoss befinden sich die Kabinen, Kraft- und Konferenzräume. Und kaum ein paar Schritte nach draußen gesetzt, stehen die Internatsschüler schon auf einem der Fußballfelder, auf denen sie mit ihren jeweiligen VfL-Teams trainieren, oft zweimal am Tag.

„Die Jungs haben schon eine straffe Woche“, sagt der Leiter des NLZ, Jens Todt, drei Länderspiele, Profi beim TSV Havelse, SC Freiburg, Werder Bremen und VfB Stuttgart. „Die vielen Trainingseinheiten, die Schule, die weiten Reisen zu den Spielen – das ist richtig heftig. Man muss viel aufgeben, für den Traum, Profi zu werden.“

So wie Viktor, 15, und Fabio, 16, die beide seit anderthalb Jahren im Internat wohnen. Ähnlich wie ihre Mitschüler wurden sie von Talentscouts gesichtet, zum Probetraining eingeladen und nach guten Leistungen ihren Heimatvereinen abgeworben. „Ich habe in der U14 des TuS Lingen in der Bezirksliga gespielt und wollte gerne zu einem größeren Verein“, erzählt Viktor. „Da kam der VfL genau richtig, hier passt einfach alles.“ Und Fabio, der aus Hameln nach Wolfsburg kam, hatte gleich mehrere Angebote von verschiedenen Vereinen, „aber gerade, weil der VfL ein neues Internat bietet, hatte ich am meisten Lust, hierher zu kommen.“ Die beiden erhielten wie alle Jugendspieler Verträge beim Klub, welche die Talente in der Regel zwei bis drei Jahre an den Verein binden. Dieser übernimmt ihre Ausbildungskosten und stellt ihnen ein „Taschengeld“ zur Verfügung, wie Todt es nennt. Manche bekämen sogar ein recht ordentliches, aber kein Jugendspieler verdiene Reichtümer.

Viel Zeit zum Geldausgeben hätten die Kids sowieso nicht. Denn wenn sie nicht gerade auf dem Platz stehen, sitzen sie in der Schule. Die vom Internat aus schnell zu Fuß erreichbare Eichendorffschule - Haupt- und Realschule sowie Gymnasium für insgesamt 900 Schülerinnen und Schüler -, trägt den Titel „Eliteschule des Fußballs“. Klingt hochtrabend, bedeutet aber nicht mehr, als dass sie es ermöglicht, den Unterricht und die Prüfungen der jungen Spieler flexibel zu terminieren und zweimal die Woche auch ein Vormittagstraining stattfinden zu lassen. Die fehlenden Stunden müssen sie später nachholen.

Nachwuchs VfL WolfsburgTagespensum: Manfred Mattes, Trainer der U17, geht mit seinen Jungs den Trainingsplan durch
Foto Michael Peter/VfL Wolfsburg

 

Zusätzlich gibt es eine dreiköpfige Pädagogengruppe im Internat, die sich täglich für die Jugendlichen bis zehn Uhr Abends bereit hält. Einer der Pädagogen ist Burkhard Schriever, der sich wundert, „wie viel Energie die Jugendlichen haben. Der Trainingsaufwand ist dem der Profis ja recht ähnlich, und trotzdem spielen sie nach der Schule und den Trainingseinheiten draußen weiter Fußball. Und für Mädchen finden sie zwischendurch natürlich auch immer noch Zeit.“ Zusammen mit seinen Kolleginnen Christine Grunert und Carolin Kuhn hat er eine Lernzeit für die Jungen eingerichtet, jeden Tag zwei Stunden, in denen die Jungen Unterstützung bei Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitungen und Nachhilfe bekommen. „Man sackt schon ein bisschen ab, durch den ganzen Stress“, meint Fabio. „Jetzt haben wir acht- bis zehnmal die Woche Training. Daneben auch noch die Schule hinzukriegen, ist schon stressig.“ Außerdem kümmern sich die Pädagogen noch um Dinge, die auch angehende Fußballprofis beschäftigen. „Wir erfahren sehr viel von den Spielern“, sagt Kuhn. „Sie kommen nicht nur wegen schulischen Dingen zu uns, sondern auch mal wegen Liebeskummer. Burkhard ist eine Art Papa für sie, Christine so was wie eine Mama, und ich wie eine Schwester.“

Schließlich müssen die Jugendspieler für ihre Ausbildung ihr gewohntes Umfeld verlassen, wozu auch ihre Familien gehören. Fabio: „Die Jungs in unserem Alter, die nicht hier auf dem Internat sind und für den VfL Fußball spielen, denken wahrscheinlich genauso wie wir über sie: Die haben was, was wir nicht haben. Die denken bestimmt, dass es so ohne Eltern richtig cool ist. Aber die Familie und Freunde sind es ja, die wir hier am meisten vermissen.“

 

Nachwuchszentrum VfL Wolfsburg
Das W im Fenster: Wolfsburgs Nachwuchsleistungszentrum von innen Foto Erik Brandt-Höge

 

Der Traum, den Fabio, Viktor und ihre Zimmernachbarn im Fußballinternat träumen scheint dennoch groß genug, um dafür bereitwillig ein Stück normale Jugend gegen Schufterei auf zwei Bühnen einzutauschen. Während Gleichaltrige erst in ihrer Freizeit richtig aktiv werden und die Abende auf Partys verbringen wollen, hat jemand wie Viktor am Ende des Tages nicht mehr viel vor: „Nach dem Training ist man kaputt und möchte einfach nur chillen.“ Womöglich vor dem Fernseher, wenn ein Spiel der Profis des VfL Wolfsburg übertragen wird, und er in Ruhe ein bisschen weiterträumen kann.



Zwei Jungtiere im Fußballgeschäft: Fabio und Viktor. Foto Erik Brandt-Höge



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