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Der Unberechenbare
Er wird den FC St. Pauli zum Saisonende verlassen: Holger Stanislawski war am Millerntor Profi, Sportdirektor und sogar schon Vizepräsident. Ein Porträt von Rainer Schäfer

Holger Stanislawski

Jaaaa: Holger Stanislawski jubelt nach dem 4:1 in Fürth, der FC St. Pauli ist zum vierten Mal in die Bundesliga aufgestiegen. 2001, beim letzten Aufstieg, stand "Stani" als Spieler auf dem Rasen. Foto Pixathlon



Er steht im Wald mit einer mächtigen Stoppuhr in der Hand, seine Augen funkeln, wenn seine Profis an ihm vorbeihuschen. Runde um Runde drehen sie im Niendorfer Gehege, dem Naherholungspark, in dem Holger Stanislawski seine Profis fit trimmt. Jetzt keuchen sie wieder vorbei, Stanislawski treibt sie an, da kann er hart sein wie Felix Magath. Während Stanislawski Zahlen von der Stoppuhr abliest, schlendern Spaziergänger vorbei. Für alle hat er einen Gruß, einen Spruch auf den Lippen. „Stani“, wie er von allen gerufen wird, könnte mit seinen schnoddrigen Sprüchen auch auf dem Fischmarkt Aal oder Kübelpflanzen verkaufen. Er kommt immer direkt herüber, ohne Filter, mit voller Wirkung. Im Fußball da bringt Stanislawski zur Perfektion, was er am besten kann: Arbeit und Spaß zu verbinden, eine eher unbekannte Variante im deutschen Profisport. Stanislawski hat damit Erfolg, innerhalb von drei Jahren führte er den FC St. Pauli aus der Regionalliga zurück in die Erste Liga. Er gilt als eine der Trainer-Entdeckungen.

Stanislawski ist schlank, drahtig, mit der grauen Wollmütze über dem kahlen Kopf und den Hip-Hop-Bartstoppeln könnte er bei jedem DJ-Battle antreten. Der Umgang zwischen Trainer und Spielern ist locker, manchmal lässig, trotzdem verhält sich sein Team sehr diszipliniert. „Ich bin der Typ liebenswerter Diktator, ich habe gerne ein gutes Arbeitsklima mit den Spielern. Dann sind sie auch bereit, über Grenzen zu gehen, auch wenn es richtig hart wird“, erklärt der 40-Jährige. Vor allem seine Saisonvorbereitung ist berüchtigt. Absolute körperliche Fitness, davon hält Stanislawski so viel wie Magath. Aber seine Profis funktionieren nicht, weil sie Angst vor dem Trainer haben und seinen Zynismus fürchten. Es ist Überzeugung, die seine Profis anspornt. Und wenn es sein muss, kann Stanislawski Strafpredigten im Tonfall eines Hafenarbeiters halten, dass selbst abgehärtete Profis weiche Knie bekommen. Aber wenn einer seiner Profis Probleme hat, ist er für ihn da, dann kann er die halbe Nacht mit ihm reden. Dann ist er der Pädagoge aus Rahlstedt, verständnisvoll, aufmerksam.

Dass Stanislawskis Eignung für den Trainerjob entdeckt wurde, ist dem Zufall geschuldet. Er arbeitete als Manager und gehörte dem Präsidium an, als der FC St. Pauli im Sommer 2006 holprig in die Regionalliga-Saison startete. Im November wurde Trainer Andreas Bergmann entlassen, Stanislawski übernahm den Job aushilfsweise. Er schaffte es sofort, das Potenzial des gut bestückten Kaders zur Entfaltung zu bringen. Der FC St. Pauli stieg im Frühjahr 2007 in die zweite Liga auf, „wenn wir das nicht geschafft hätten, wäre ich Sportchef geblieben“.

Stanislawski war nun Trainer, erfolgreich, aber ohne Lizenz. Ein Problem, dessen Lösung sich zermürbend lange hinzog. Co-Trainer Andre Trulsen wurde zum Cheftrainer befördert, während Stanislawski die Rolle des Teamchefs übernahm. Nebenbei bastelte er an seiner Lizenz als DFB-Trainer, den elf Monate dauernden Kurs zum Fußballlehrer absolvierte Stanislawski während der Spielzeit 2008/2009. Von Montag bis Donnerstag büffelte er in Köln, am Wochenende coachte er sein Team. Stanislawski stieß dabei an seine Grenzen: „Ich habe häufiger gedacht: Das packst du nicht mehr. Ich hatte öfter die Schnauze gestrichen voll. Ich war am Limit, über Monate.“ Wenn im Fernsehen ein Fußballspiel lief, wechselte Stanislawski sofort den Sender. „Man kann den Lehrgang und den Trainerjob nicht gleichzeitig und zu 100 Prozent machen“, kritisiert Stanislawski eine Regelung, die Trainern wie Markus Babbel den Job gekostet hat.

Aber St. Pauli belegte den neunten Platz, Stanislawski schloss den Kurs als Jahrgangsbester ab. „Für mich ging es nur darum, meinen Job zu behalten und meine Ausbildung vernünftig zu machen“, sagt Stanislawski. Wenn die anderen abends auf ein Bierchen weggingen, blieb er im Wohnheim. Er galt als „Streber“, dabei sagt Stanislawski, „bin ich manchmal abends im acht in den Kleidern auf dem Bett eingeschlafen“. Vor Prüfungen wühlte sich Stanislawski im Schnellverfahren durch einen Berg von Unterlagen, oft schlief er nur zwei, drei Stunden. Es war nicht die Theorie, die Stanislawski zum Jahrgangs-Besten machte. Auf dem Platz aber hat er eine Ausstrahlung, da verblassen Nationalspieler wie Thomas Häßler mit 101 Länderspielen dagegen. „Ich fühle mich sicher auf dem Platz, egal ob das bei St. Pauli ist oder in Barcelona wäre“, sagt Stanislawski. „Wenn du unsicher bist, bist du nicht geeignet für den Job.“

Noch steht er beim FC St. Pauli an der Seitenlinie. Stanislawski kennt den Millerntor-Klub bestens. Als knallharter Abwehrspieler und Kapitän war er auch dabei, als der FC von 2001 bis 2002 die letzten Jahre in der ersten Liga verbrachte. Vermutlich hätte der Spieler Stanislawski unter dem Trainer Stanislawski Probleme gehabt: Als Profi mussten für Stanislawski Aufwand und Ertrag immer im richtigen Verhältnis stehen. Stanislawski hat geraucht, er wusste, an welcher Stelle er den Waldlauf abkürzen konnte, ohne dass der Trainer es gemerkt hat. Deshalb kennt Stanislawski die launischen Spielerseelen bestens. „Nach zehn Jahren Profifußball bin ich mit allen Wassern gewaschen“, lautet Stanislawskis Selbstanalyse, „ich merke schnell, wenn die Spieler mir was erzählen wollen. Ich will Leistung und Erfolge sehen.“ Er kennt die kleinen Sünden der Fußball-Profis, er duldet sie, wenn sie die großen Aufgaben bewältigen. Bei ihm muss keiner auf die Toilette schleichen, um heimlich zu rauchen – solange er im Training an den Nichtrauchern vorbeizieht.

Holger Stanislawski

Holger Stanislawski bei der Arbeit: Ein Trainer, der auch auf einem DJ-Battle eine gute Figur macht
Foto Pixathlon


Als Spieler war Stanislawski ein Freund der rustikalen Mittel, als Trainer lässt er attraktiven Erlebnisfußball praktizieren. „Mich freut es immer, wenn Mannschaften oben stehen, die viele Tore schießen. Ich finde diese Weisheit albern, dass die Defensive Meisterschaften holt. Die gilt es möglichst oft zu widerlegen.“ Tatsächlich wird unter Stanislawski wieder Fußball gespielt am Millerntor. Fanfolklore, Kampf und Glück, das sind nicht mehr die Grundlagen des Spiels am Millerntor. Dass der Klub nicht mehr von seinem Kultimage zehren muss, findet Stanislawski „sehr schön. Wir sind ein besonderer Verein. Aber sich nur auf das Image zu verlassen, dass wir die Freibeuter der Liga sind, das geht nicht.“ Fußball, sagt Stanislawski, „ist auch keine Sozialutopie“. Ein Satz, den nicht alle gerne hören. Aber als Präsidiumsmitglied hat er 2004 Monate erlebt, da war der Klub so klamm, dass er nicht mehr wusste, wie die Gebühren der Müllabfuhr bezahlt werden sollten. „Ich bin ein gebranntes Kind“, sagt er. „Wir müssen uns auch als Wirtschaftsunternehmen begreifen, das sich den Marktgegebenheiten anpasst.“

Dass Chaos und Eitelkeiten zu diesem Verein gehören wie die Wiederkehr der Jahreszeiten zum Kreislauf der Natur, dass die im Klub angelegten Selbstzerfleischungsviren immer wieder aktiv werden, hat Stanislawski inzwischen akzeptiert. „Hier muss es so sein, dass es alle paar Monate mal richtig kracht und der große Keulenschlag kommt. Gehört dazu, bei diesem Klub.“ Ihn als kultiges Gegenmodell zur etablierten Fußballordnung zu mystifizieren, hält Stanislawski aber für unangebracht. „Kultklub finde ich schon fast negativ.“

Im Moment ist Stanislawski einer der gefragten Trainer im deutschen Profifußball. Es sieht so aus, als ob er dem FC noch eine Weile erhalten bliebe. Aber er ist kein Träumer, er weiß, dass Trainer wie Thomas Schaaf Ausnahmen sind, die einen Klub über viele Jahre prägen. Über drei Jahre hat Stanislawski einen steilen Aufstieg hingelegt, er hat dafür viel gearbeitet, manchmal zu viel. Wenn er gut gelaunt um die Ecke kommt, dann fällt nicht gleich auf, wie müde er aussieht. Stanislawski raucht, er hat einen Kaffeeverbrauch wie ein vielköpfiger Debattierkreis. Er ist einer der Trainer, die nur schwer abschalten können. Manchmal steht er nachts auf und macht sich Notizen, oft sind es Ideen, wie er das Training verbessern kann. Er lässt immer mehr in Kleingruppen trainieren, in denen die Spieler ganz individuell geschult werden. Was ihn von den meisten Trainern unterscheidet: Er erfindet sich ständig neu, wie ein Schauspieler ändert er seine Rolle. Routine ist ein Gift für ihn, das besondere Leistungen verhindert. Stanislawski ist nicht berechenbar, auch nicht für seine Spieler. Wenn es sein muss, dann legt er aus dem Stand schon mal eine Breakdance-Einlage hin, um zu begeistern und mitzureißen. Es kommt vor, dass er seine Profis direkt vor dem Anpfiff in einen dunklen Raum holt, in dem Kerzen brennen und aus dem Ghettoblaster Techno hämmert: Stanislawskis Soundtrack zum Aufstieg.

Stanislawski gähnt, aber es dauert nie lange, bis der Schalk in ihm die Müdigkeit durchbricht. Vor kurzem hat er eine Gitarre geschenkt bekommen von seinem Spieler Andreas Biermann. Stanislawski übt, auch um mal eine Stunde abschalten zu können. „Ich hoffe, dass ich im Sommer in der Fußgängerzone neben den Panflötenspielern ein bisschen Urlaubsgeld dazu verdienen kann“, scherzt Stanislawski. Wer ihn kennt, weiß: Es ist ihm wirklich zuzutrauen.


Das Porträt von Holger Stanislawski bildet den ersten Teil der RUND-Themenwoche über den FC St. Pauli. Bis Sonnabend, 15. Mai, dem Tag des 100-jährigen Vereinsjubiläums steht jeden Tag ein neuer Text auf der RUND-Homepage.


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