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DIE WM MEINES LEBENS
Lambada um die Buche
Gesichtsgrätschen auf Klebebildchen und mangelnde Turnier-Erfahrung im Vorrundenspiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate: Jonas Strohschein wird die WM 1990 in Italien nie vergessen.


Rudi Völler gegen Diego Maradona
Das langweiligste WM-Endspiel? Rudi Völler und Diego Maradona im Endspiel in Rom Foto Pixathlon



„Ein enttäuschendes Turnier mit zu viel Defensivfußball. Das Finale zwischen Deutschland und Argentinien war das wohl uninteressanteste Endspiel in der gesamten Geschichte der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft“ - vernichtender als auf der offiziellen FIFA-Homepage kann man über die WM in Italien nicht urteilen. Ich muss ein anderes Turnier gesehen haben als die Herren Blatter & Co. Defensivfußball hin, todlangweiliges Finale her, während dieser vier Wochen im Sommer 1990 infizierte ich mich mit dem Fußballfieber – und zwar so richtig!

Gebannt saß ich mit meinen sechs Jahren Lebenserfahrung Abend für Abend vor dem Fernsehapparat. Mein älterer Bruder, Starspieler der örtlichen D-Jugendmannschaft, gab sich größte Mühe, mir die Besonderheiten dieses eigenartigen Spiels zu erklären. „Wir spielen in weiß, das Runde muss ins Eckige, Klinsi ist der Beste!“, begriff ich schnell worum es ging. Mangelnde Turniererfahrung meinerseits strapazierte allerdings die Nerven aller Beteiligten auf das Äußerste. Selbst der Gang auf die Toilette war mir zu heikel. Wer wusste schon, ob die Vereinigten Arabischen Emirate in den zwei Minuten Pinkelpause doch noch die Wende schaffen und die deutsche 5:1-Führung in ein Unentschieden verwandeln würden? Safety First war die Devise, der alles untergeordnet wurde. Zum Leidwesen der Restfamilie reaktivierte ich mein eigentlich schon lange ausgemustertes Töpfchen und wandelte es kurzerhand zur Wohnzimmertoilette um.

Die spielfreie Zeit überbrückten wir mit dem Kauf von hunderten Hanuta inklusive Klebebildchen und dem Durchforsten des Kicker-WM-Sonderheftes nach dem größtenkleinstenschwerstenleichtestenhübschestenhässlichsten Spieler. In der Kategorie „Gesichtsgrätsche“ setze sich Russlands Auswechseltorwart Viktor Tscharnow knapp gegen seinen Teamkameraden Sergej Aleijnikow durch. Schließlich fanden die gesehenen Spiele im heimischen Garten ein zweites Mal statt. Gerne folgte ich den Anweisungen meines Bruders, tanzte als Roger Milla mit gekonntem Hüftschwung um die Buche, lag als Carlos Valderrama minutenlang mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen, um Zeit zu schinden und riss die Augen weit auf, sobald ich als Toto Schillaci am Ball war. Im Gegenzug nahm ich meinem Bruder das Versprechen ab, nur als einer der Koeman-Brüder mit voller Kraft zu schießen und mich unter keinen Umständen zu bespucken. Die Tage bestanden aus 24 Stunden Fußball, statt Maracuja- bestand ich in den Spielpausen auf Maradonnasaft

Endgültig verloren für den Rest der Welt war ich ab dem 4. Juli. Im Fernsehen lief das erste Elfmeterschießen meines Lebens. Halbfinale- Deutschland gegen England im Turiner „Stadio delle Alpi“, 1:1 nach 120 Minuten. Mann gegen Mann. Gazzas Tränen oder meine. Die Spannung stieg ins unermessliche. Woher hätte ich damals auch vom englischen Elfmeterfluch wissen sollen? Nachdem Chris Waddle den entscheidenden Elfmeter verschossen hatte und Deutschland ins Finale gegen Argentinien eingezogen war, lernte ich also eine der wichtigsten Fußballweisheiten bis heute: Siege gegen England sind die schönsten!

Wer weiß was aus mir geworden wäre, wenn Andi Brehme uns in der „magischen Nacht von Rom“ nicht mit seinem satten Spannstoß ins linke Eck zum Titel geschossen, sondern stattdessen Lothar und seine gebrochene Schuhsohle am Elfmeterpunkt gestanden hätte? Wahrscheinlich hätte ich wie viele meiner Freunde den Fußball bald gegen Plastikdinosaurier oder WWF-Sammelkarten eingetauscht. Aber so vertraute ich dem Kaiser blind und fühlte mich hervorragend dabei, „auf Jahre hin unschlagbar“ zu sein. Den Bulgaren Jordan Letschkow kannte ich damals noch nicht. Das sollte sich vier Jahre später auf tragische Art und Weise ändern ...


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