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THEMENWOCHE
25 Jahre am Millerntor
Kaum etwas hat die Hamburger Ende der 1970er-Jahre weniger interessiert als das Schicksal des FC St. Pauli. Matthias Greulich musste sich damals als Fan der Braun-Weißen auslachen lassen, heute erholt er sich immer noch von einer Überdosis St. Pauli.

Greulich 1989

Nichtabstiegsparty 1989: St. Pauli-Fan Matthias Greulich feiert das 5:1 gegen Uerdingen,
sein T-Shirt („Volker, hör die Signale!“) wurde bei der Gelegenheit von Volker Ippig signiert


August 1977
Als Zehnjähriger sehe ich, wie der FC St. Pauli sein drittes Spiel in der Bundesliga 0:1 gegen Braunschweig verliert. 28.000 Zuschauer im Volksparkstadion. Die St. Pauli-Fans stehen in der Westkurve. Ein wilder Typ in kurzen braunen Hosen, Trikot und Stutzen geht durch die spärlich gefüllten Reihen und gibt jedem die Hand. Wer sich dafür zu fein ist, den blafft er an: „Bist du HSVer?“ St. Pauli Willi redet Platt wie ein Hafenarbeiter. Das Unerklärliche passiert: Nach dem Spiel bin ich, angehender Gymnasiast aus Groß Flottbek, St. Pauli-Fan.

April 1978
Zum ersten Mal am Millerntor. St. Pauli steht schon seit Wochen als Absteiger fest. Im Volkspark kommt die Mannschaft nicht zurecht, auf dem Heilgengeistfeld verlieren sie keines ihrer fünf Heimspiele. St. Pauli-Willi läuft hinter dem Tor an der Feldstraße herum, und versucht, Torwart Helmut Roleder vom VfB Stuttgart nervös zu machen. Der lässt immerhin einen Schuss von Franz Gerber passieren. Endstand 1:1.

Juni 1979
Tags zuvor ist der HSV Deutscher Meister geworden, am Sonntag sehen sich 1.000 Bekloppte das 0:1 von St. Pauli gegen Hannover 96 an. In der Stadionzeitung wird ein neuer Finanzinvestor vorgestellt. Sechs Tage später kommt die Nachricht im Radio: Lizenzentzug – der FC St. Pauli muss zwangsweise in die Amateuroberliga Nord absteigen.

Februar 1980
Ich kenne nur einen St. Pauli-Fan: In der Nachbarschaft wohnt Knut, der eine speckige Jeansweste mit Aufnähern und Bart trägt. Besser man hängt seine Sympathie für Braun-Weiß nicht an die große Glocke, sonst wird man nur ausgelacht. Der ganz harte Kern, hofft, dass es nicht in die Verbandsliga geht. Wendepunkt ist das Spiel gegen Gifhorn. Es bleibt Verteidiger Walter Frosch vorbehalten, nach vorne zu gehen und das Siegtor zu schießen.

April 1981
Auswärtsspiel bei Barmbek-Uhlenhorst. Der BU-Platz hat keinen Zaun, St. Pauli-Willi klettert zum Warmmachen aufs Feld. Gegen den jungen Reservetorwart Volker Ippig, der mit aller Macht in die falsche Ecke springt, verwandelt Willi unter dem Gejohle der Fans einen Elfmeter.

Juni 1981
St. Pauli steht im Endspiel um die deutsche Meisterschaft. Ist zwar nur die Meisterschaft der Amateure, aber vom Finale gibt’s Ausschnitte in der „Sportschau“ zu sehen. Die Hamburger verlieren 0:2, eigentlich hätten sie in die 2. Bundesliga aufsteigen müssen – der DFB hat in dieser Saison keine Aufsteiger zugelassen, weil die eingleisige Zweite Liga eingeführt wird. Die Spieler werden vom DFB nach Afrika eingeladen. Einmal wird es in dieser Saison richtig voll am Millerntor: Die Nationalelf macht an einem Sonntagvormittag ein Freundschaftsspiel gegen die St. Pauli-A-Jugend. Im Tor steht Volker Ippig. Der Eintritt ist frei.

Februar 1982
Immer, wenn Lübeck zum Millerntor kommt, gibt es Ärger. Das „Hamburger Abendblatt“ protokolliert: „Schon in den Morgenstunden beschmieren die Fans des VfB übeck nit Hakenkreuzen und mit „VfB“-Zeichen die Gebäude des Wilhelm-Koch-Stadions. Daraufhin werden die kriegerisch bemalten Fans vor dem Spiel durchsucht. Der Ordnungsdienst, der von acht auf zehn Personen erweitert worden ist, nimmt Schlagstöcke und Gummiknüppel ab. 15.15 Uhr: Es ist Halbzeit. Zahlreiche St. Pauli-Fans, die hinter dem Tor Richtung Feldstraße standen, wollen ihren Standort wechseln und treffen dabei auf den Pulk der Lübecker Anhänger. Es kommt zum Handgemenge, bei dem ein Schuß aus einer Gaspistole abgefeuert wird, der einen VfB-Fan ins Auge trifft.“ Der 51-jährige St.-Pauli-Fan Heinz Richter wird durch einen Messerstich lebensgefährlich verletzt. „Frühestens in einem Vierteljahr kann er wieder Taxi fahren“, schreibt „Bild“.

Oktober 1984
Bei einem Barkassenunglück im Hafen sterben 19 Menschen. St. Paulis Stadionsprecher verliest ungerührt die Werbebotschaften der Sponsoren: „Mieten Sie sich eine Barkasse!“ Kommt an diesem Nachmittag nicht so gut an.

April 1987
Zum Geburtstag schenken mir Freunde eine Dauerkarte. Langsam braucht es die: Es wird immer voller am Millerntor. Die Fans haben Mühe wie gewohnt in der Halbzeit hinter das Tor des Gegners zu wechseln. Seit einigen Jahren gehe ich mit Kai ins Stadion. Er ist Mitte dreißig und inzwischen recht bürgerlich, weiß aber von seiner Zeit im Karoviertel und ausgedehnten Reisen nach Afghanistan zu berichten. Immer mehr Freunde kommen mit, darunter auch viele HSV-Fans.

Juni 1987
Ein Freund weiß, wo man das Relegationsspiel beim FC Homburg sehen kann, der übertragende Sender RTL ist noch nicht frei empfangbar. Im „Elysee“ sitzt ein älterer Herr auf dem Sofa, den seine Freunde „Ernie“ nennen. Ex-Präsident Ernst Schacht gibt gönnerhaft Tipps, was zu tun ist. Er muss es wissen: Unter seiner Führung wurde dem Verein die Lizenz entzogen.

August 1988
Bundesliga-Aufstieg. Nie wieder habe ich den Millerntor Roar so laut und spontan wie beim sensationellen 2:1 gegen den VfB Stuttgart gehört. Es scheint, als könnte St. Pauli jeden Gegner schlagen.

Januar 1999
Ich beginne als Autor bei der offiziellen Stadionzeitung „Pauli“ zu arbeiten. Redaktionsleiter sind Clemens Gerlach und Rainer Schäfer. Als Clemens im November 2000 zu Spiegel online wechselt, rücke ich in die Redaktionsleitung auf.

Mai 2000
Der Abstieg in die Regionalliga droht. Der Besuch beim Training trägt nichts zur Beruhigung bei: André Trulsen kriegt im Gespräch vor Nervosität kaum ein Wort raus. Lange liegt der FC in Rückstand. Irgendwie spielt Ivan Klasnic den Ball zu Markus Marin. Ausgleich. Mein Vordermann reißt mir beim Jubel die Brille herunter, als ich das völlig zerstörte Gestell auf dem Boden in der Meckerecke finde, sind wir immer noch Zweitligist.

Dezember 2000
Der Klub hat die Vermarktungsrechte von Heinz Weisener zurückgekauft. Christian Toetzke, der neue Vermarkter, will die Stadionzeitung zu einem Stadtmagazin weiterentwickeln. Klingt gut. Hat noch kein Klub versucht. Wir machen uns an die Arbeit. Aus der Fanszene kommt der Vorschlag, das Heft „Viertelnachfünf“ zu nennen.

August 2002
Kirch-Krise und der Abstieg in die Zweite Liga machen dem Klub schwer zu schaffen. Hinter den Kulissen tobt ein grotesker Machtkampf. Am runden Tisch führen wir ein Interview mit den Verantwortlichen. Es herrscht eine Stimmung wie vor Gericht.

Mai 2003
Dem FC St. Pauli gelingt das Kunststück, in zwei Jahren von der Ersten in die Dritte Liga abzusteigen. „Bei der Personalpolitik kann ich nur sagen: selber schuld!“, schreit es ein wütender Volker Ippig auf der Rückfahrt von einer gemeinsamen Lesung in Hannover in die Nacht hinaus. Dem Klub droht die Insolvenz, verbunden mit dem Zwangsabstieg in die Oberliga. Die 1/4NACH5 wird eingestellt, die fünf Redakteure entlassen. Die fatale Mischung aus Größenwahn, Vereinsmeierei und Selbstzerfleischung hätte ausgereicht, um auch den FC Bayern abstürzen zu lassen. Diese Überdosis St. Pauli reicht für die nächsten 100 Jahre. Trotz aller Sympathie: Ich bin kein St. Pauli-Fan mehr.





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