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DIE WM MEINES LEBENS
„Toni, halt den Ball. Nein!“
Für Kai Butterweck, 13, brach am 29. Juni 1986 die Welt zusammen: Sein Idol Toni Schumacher griff im WM-Finale daneben. Auf einem Mini-Bildschirm musste der Berliner mit ansehen, wie Argentinien Weltmeister wurde.

WM-Finale 1986
„Das habe ich eigentlich noch nie gesehen“, staunte TV-Kommentator Rolf Kramer: Toni Schumacher hatte an der harmlosen Flanke von Jorge Burruchaga vorbeigegriffen. Deutschland lag 0:1 hinten. Vor dem 2:3 flehte Kramer: "Toni halt den Ball". Vergeblich.
Foto Pixathlon


Montezmas Rache im Sommer 1986. Vor Beginn der 13. Fußball Weltmeisterschaft in Mexikohatten die Berichterstatter hierzulande mehr Angst vor einer kollektiven Ansteckung des Nationalmannschaftskaders mit dem berüchtigten Reisedurchfall, als vor dem frühzeitigen Scheitern in der Vorrunde. Glücklicherweise rächte sich Montezuma bei keinem der DFB-Auswahlkicker und somit stand der zweiten Vizeweltmeisterschaft nach 1982 kaum noch etwas im Wege. Damals ein 13-jähriger Steppke, erinnere ich mich an emotionale Momente, die mein weiteres Leben als Fußballfan nachhaltgeprägt haben.

Es war der 29. Juni 1986. Ich saß mit einem Schulkameraden in dessen Gartenlaube
und erlebte gerade an einem kleinen, tragbaren Farbfernseher, der kaum größer war als eine herkömmliche Mikrowelle, die ersten 22 Minuten des großen Finales zwischen Deutschland und Argentinien. Nur eine Minute später kämpfte ich mit den Tränen. Mein Held und fleischgewordener Supermann Harald „Toni“ Schumacher im Tor der Deutschen unterlief einen ungefährlich getretenen Freistoß der Argentinier, Jose Brown traf zum bis dahin unverdienten 1:0 für Argentinien.

Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn mir die Szene durch den Kopf geht und ich mich mit Widerwillen an den fußballverrückten Jungen erinnere, der voller Ohnmacht und Wut nicht glauben konnte, was in diesem Moment geschah. Ich war mir damals so sicher, dass Schumacher uns auch in diesem Spiel zum Sieg verhelfen würde – so wie er es bereits in den Spielen zuvor getan hatte. Mit grandiosen Reflexen und Paraden sollte er dafür sorgen, dass unser damaliger Kapitän Karl Heinz Rummenigge nach Spielende die begehrte Trophäe in den Mexikanischen Himmel reißen konnte. Tatsächlich konnte Superstar Diego Armando Maradona jubeln.

An mir dem ballverliebten Jungen, gingen damals all die im Vorfeld diskutierten Querelen rund um das Turnier ziemlich vorbei. So zum Beispiel die Tatsache, dass das Turnier ursprünglich in Kolumbien stattfinden sollte. Die Südamerikaner hatten aber nach der zwischenzeitlichen Aufstockung des Teilnehmerfeldes von 16 auf 24 Mannschaften enorme
organisatorische und logistische Probleme, so dass der Weltfußballverband den Kolumbianern kurzfristig den Zuschlag entzog und stattdessen Mexiko zur Austragung ihrer zweiten Weltmeisterschaft nach 1970 verhalf. Genauso uninteressant war für mich der damals groteske Auslosungsmodus, nachdem es bereits in der Vorrunde zu finalfähigen Partien hätte kommen können. Das blieb zum Glück aus und so freute sich die ganze Welt auf einen neuerlichen Fußballrausch.

Viel mehr als das interessierte mich, wie sich mein Kölner Dreigestirn rund um meinen Heroen Toni Schumacher präsentieren würde. Als damals glühender Anhänger der Geißbockelf war ich doch etwas erzürnt, dass sich neben meinem Lieblingstorwart nur noch Dribbelkönig Pierre Littbarski und der unscheinbare Klaus Allofs bei Teamchef Franz Beckenbauer durchsetzen konnten und sich im Aufgebot wiederfanden.

Immerhin: Schlussendlich sollten aber alle drei Kölner noch maßgeblichen Anteil am Erreichen des Endspiels in Mexiko-Stadt haben. Auch wenn die Begeisterung während des Turniers 1986 nicht annähernd mit der überschwänglichen Euphorie der letzten beiden Veranstaltungen im Jahre 2002 und insbesondere 2006 mithalten konnte, so kann ich mich noch gut daran erinnern, dass selbst in den tristen Berliner Kiezen ein frischer Wind wehte und man an vielen Ecken die vermeintlichen Experten tuscheln und maulen hören konnte.

Die gesamte Vorrunde hinterließ bei mir noch keinen nachhaltigen Eindruck. Weder die Tatsache, dass sich Deutschland in der ehrfürchtig in „Todesgruppe“ E nur mühsam ins Achtelfinale stolperte, noch die bisher unauffälligen Auftritte der Favoriten Brasilien, Argentinien und Italien. Das sollte sich allerdings mit Beginn der Achtelfinalspiele schlagartig ändern, und so war ich mindestens genauso überrascht und fasziniert wie der Rest der Fußballwelt vom unerwarteten Ausscheiden der starken Russen gegen die an diesem Tage noch stärkeren Belgier. Ähnlich favorisiert wurde im Vorfeld auch Titelverteidiger Italien. Doch auch hier setzte sich der Underdog durch. Einen Tag nach dem vorzeitigen Scheitern der ``Squadra Azzura`` gegen Frankreich ging ich zu meinem Lieblings-Italiener um die Ecke, um mir wie sooft eine Mini-Pizza zu gönnen. Keine Chance. Alberto hatte an diesem Tage geschlossen.

Meine Helden dagegen mühten sich nach Kräften und so erreichte die deutsche Nationalmannschaft mit einem glücklichen Sieg über Marokko das Viertelfinale. Nun kam die Zeit der historischen Momente und ich kam aus dem Staunen nich mehr heraus: Zunächst begeisterten Brasilien und Frankreich in einem denkwürdigen Match die Massen weltweit und beendeten das Jahrhundertspiel regulär mit 1:1. Erst im Elfmeterschießen setzten sich die Franzosen letztlich durch. Noch Jahre später musste ich mir die Lobpreisungen über dieses Spiel während meiner Klassenfahrten nach Frankreich von den Eltern der Austauschschüler anhören.

Für mich allerdings weitaus spektakulärer verlief das Duell Argentinien gegen England. Die Zauberkünste von Argentiniens Diego Maradona, seiner Hand Gottes und sein Tor für die Ewigkeit zum 2:0, lassen mich auch heute noch in Ehrfurcht erstarren. Wesentlich dürftiger kam da der deutsche Sieg über die Gastgeber aus Mexiko zu Stande – erwähnenswert waren die Heldentaten von Toni Schumacher während des Elfmeterschießens.

Und so kam es im Halbfinale zur Wiederauflage des dramatischen Duells Deutschland gegen Frankreich von vor vier Jahren in Italien. In diesem Spiel sollte dann auch der zweite Akteur meines 1. FC Köln entscheidende Impulse geben. Der Kölner Klaus Allofs bediente Sekunden vor Schluss uneigennützig den besser postierten Rudi Völler, der einen der zahlreichen deutschen Konter zum entscheidenden 2:0 Endstand markierte. Deutschland war wie 1982 wieder im Finale.

Nachdem ich die eingangs erwähnte 23. Minute überwunden hatte, zitterte ich mit meinem Schulkameraden um den Ausgleich der Deutschen. Nach knapp einer Stunde fiel jedoch das2:0 und meine Laune sank gen Nullpunkt. Ich kann mich noch erinnern, wie ich eigentlich vorhatte bereits zu diesem Zeitpunkt nach Hause zu gehen, um mich frustriert und wütend in meinem Kinderzimmer einzuschließen. Letztlich blieb ich und verfolgte, wie sich die Argentinier nach ihrem vermeintlich sicheren Vorsprung immer weiter zurückzogen. Nach den niemals mehr für möglich gehaltenen beiden Toren zum Ausgleich der Deutschen gut zehn Minuten vor Ende der Partie, hüpfte ich wieder aufgeregt und zappelig von einem Ende zum anderen meines wackeligen Holzschemels. Doch statt die Uhr herunterzuspielen und auf die Verlängerung zu bauen, öffneten die Deutschen in der Abwehr plötzlich alle Schleusen und so kam es, wie es kommen musste: Pass in die Tiefe von Maradona und Burruchaga war auf und davon. Plötzlich, Mann gegen Mann hatte selbst mein Held Schumacher keine Chance und der Argentinier verwandelte den Konter eiskalt. Fünf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit. Dann war es vorbei. Der Traum war geplatzt. Ich konnte es nicht glauben. Rückblickend sehe ich mich noch heute aus der Gartenkolonie rennen, das Gesicht voller Tränen und die Fäuste geballt. Zum Glück kann ich mich an weitere Einzelheiten der folgenden 60 Minuten nicht mehr erinnern.

Kai Butterweck
Jugendidol Toni Schumacher: Kai Butterweck




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