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Mannschaftsfotos
Desperados vor Westernkulisse
Die ganzseitigen Mannschaftsfotos des "Kicker"-Sonderhefts sind der Wertekanon des deutschen Profifußballs. Aber jetzt gab es eine Revolution in Frankfurt. Das Wichtigste über Teamfotos. Von Matthias Greulich


Bayer Uerdingen, 1989
Bundesligist im Pueblo: Bayer Uerdingen gab für das "kicker"-Sonderheft 1989 im spanischen Trainingslager alles.
Foto: kicker

Ungeduldig habe ich das Mannschaftsbild der Frankfurter Eintracht gesucht, denn ich muss wissen, wie es Rainer Falkenhain geht, dem wackeren Leiter der Lizenzspielabteilung. Es ist nicht zu fassen: Seinen Stammplatz ganz links neben der Mannschaft hat er verlassen, dort steht jetzt Sportdirektor Bruno Hübner. Ich verstehe ja, dass man durchaus mal etwas verändern muss. Aber das geht eindeutig zu weit. Der leicht ergraute Falkenhain steht ganz rechts und lächelt. Seit 1993 hatte Falkenhain stets ernst in die Kameras geschaut. Er wusste am besten um die Schwierigkeiten, die seiner Eintracht in der neuen Saison drohten, während die Profis neben ihm wechselten, wie Trikotmode, Frisuren oder Sponsorenlogos. Man muss wissen: Falkenhain ist seit 1985 beim Club, seit 18 Jahren zeigt er sich jedes Jahr aufs Neue auf dem offiziellen Teamfoto, was Ligarekord sein dürfte.
 
Die ganzseitigen Mannschaftsfotos des "Kicker"-Sonderhefts sind der Wertekanon des deutschen Profifußballs, der sich seit der Jungsteinzeit nicht verändert hat: Vom jeweiligen Meister geht es hinab zu den drei Aufsteigern, nach der Stecktabelle folgt die zweite Liga. Mit den Jahren ist rund um Falkenhain allerdings im Bereich Frisuren und Bartmode einiges passiert: Anfangs leisteten ihm noch die Schnauzbärte Bein und Bindewald modisch Gesellschaft, seit einigen Jahren stellt er sich als Einziger mit Zierleiste über der Oberlippe der Öffentlichkeit. Dem gebürtigen Frankfurter scheint das egal zu sein. Solche Männer braucht der fiebrige Profifußball, in dem das Mannschaftsfoto genauso häufig wie der malade Rollrasen mehrmals im Jahr erneuert werden muss. Die vier Spieler, die der Vorstand in Panik noch schnell verpflichtet hat, wollen schließlich auch alle mit aufs Bild.
 
Da gaben sich die Schalker vor 19 Jahren mehr Mühe. Eingerahmt von dreckverschmierten Kumpeln posierten sie verloren auf einer Zeche in Gelsenkirchen. "Charly" Neumann, der inzwischen verstorbene Mann fürs Gemüt bei S04, herzte einen Bergmann vor laufenden Kameras, im Hintergrund ragte ein Förderturm aus dem Bild. Die Botschaft für den Rest der Republik: Hier ist ein Verein, der in der Region verwurzelt ist, auch wenn das letzte Bergwerk im Kohlenpott geschlossen wird.
 
Andere Clubs gaben sich alle Mühe, der Republik die Sehenswürdigkeiten ihrer Region zu zeigen: Arminia Bielefeld fuhr 1999 hinauf zur Sparrenburg, dem Wahrzeichen der ostwestfälischen Stadt. Mainz 05 zog es im rot-weißen Trikot in die Altstadt am Kirschgarten, den 1. FC Saarbrücken auf den St. Johanner Markt und den SV Meppen vor das historische Rathaus von 1605. Besonders originell wollte wieder einmal der FC St. Pauli sein und stellte sich unter dem Motto "Lebenslang St. Pauli" vor dem Gefängnis in Hamburg-Fuhlsbüttel, im Volksmund "Santa Fu" genannt.
 
Aber nicht alle Fotos waren von den Vereinen so beabsichtigt, wie wir bei unseren Recherchen für RUND über besonders skurrile Teambilder erfuhren. Der Kader, mit dem Bayer Uerdingen 1989 die erste Liga halten wollte, zeigte sich den Lesern in der Heimat aufgereiht wie Desperados in einer Westernkulisse vor einem weiß gekalkten Dorf mit Palmen und hohen Bergen.
 
In der Bildredaktion des "Kicker" kann man sich heute noch an den schwierigen Termin erinnern. Im Trainingslager in Spanien ließ der damalige Trainer Horst Wohlers wegen des nahenden Redaktionsschlusses die Übungen unterbrechen. Ein deutscher Tourist hatte das Team fotografiert, der unbelichtete Film wurde sofort per Flugzeug nach Deutschland gebracht, damit alle Bundesligakader komplett im Bild sein konnten.
 
Ähnlich kurios ist das Foto zustande gekommen, das den MSV Duisburg vor einem riesigen Gemälde im Theater Duisburg zeigt. Was wie ein Bekenntnis zum Kulturstandort Duisburg anmutet, war eher einem heftigen Platzregen geschuldet, hieß es aus Meiderich. 1998, als das Bild entstand, habe man vor den Wolkenbrüchen Zuflucht im Foyer des Theaters gesucht, das Fotografen und Mannschaft ausreichend Platz bot. Schön wäre es, wenn die Regenperiode in diesem Sommer ähnlich abwechslungsreiche Bilder der Bundesligisten ermöglicht hätte. Wenn nicht, reicht mir persönlich immer noch ein Blick auf Rainer Falkenhain.


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