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INTERVIEW
„Ballack wird von einigen Medien respektlos behandelt“
Er hat sechs der sieben deutschen WM-Spiele in Südafrika auf der Tribüne gesehen: Trainer-Legende Hans Meyer über die Diskussionen um Michael Ballack und die offenen Fragen aus der Halbfinalniederlage gegen Spanien. Interview Matthias Greulich

Hans Meyer

„Wir haben nicht gegen irgendwelche Popelmannschaften gewonnen": Hans Meyer war in Südafrika vor Ort und begeisterte sich für den Fußball der DFB-Auswahl Foto Benne Ochs



RUND: Herr Meyer, wie bewerten Sie die Diskussionen um Michael Ballack?

Hans Meyer: Was da passiert, sagt viel über die Rolle der Medien aus. Wir reden von Michael Ballack, der fast 100 Länderspiele hat, als Mittelfeldspieler 42 Tore geschossen hat. Bei den Toren waren unheimlich wichtige dabei. Ohne den wir 2002 nicht im WM-Finale gewesen wären. Einer, der als einziger deutscher Spieler in den letzten Jahren bei einer Spitzenmannschaft Europas, Chelsea, gespielt hat Der verletzt sich unglücklicherweise vor dieser WM, wo er das Finale 2002 schon nicht mitgemacht hat. Tragisch. Es stürzt eine bestimmte Gruppe der Journalisten auf ihn los. „Ohne Ballack läuft es besser“, weil die deutsche Mannschaft teilweise überragend gespielt hat. Das in dieser Form in Verbindung mit Ballack zu bringen, und nicht zu fragen, ob es mit ihm nicht vielleicht noch besser gelaufen wäre, finde ich unglaublich. Wenn ich die Spiele gegen Spanien, Ghana oder Uruguay nehme: Da hätte uns Ballack in entsprechender Form sehr gut zu Gesicht gestanden. Aber es geht nicht darum, sachlich zu berichten. Es geht darum, einem Spieler, der nicht mit dem Boulevard ins Bett steigt, in bewährter Art zu degradieren und in respektloser Form zu behandeln. Und das in einer Zeit, wo er verletzt war und sich nicht mit Leistung wehren konnte.

RUND: Wie fällt Ihr Urteil über die WM aus?
Hans Meyer: Ich war dort, sieben Spiele habe ich im Stadion gesehen. Außer dem Serbien-Spiel alle deutschen. Ich war begeistert von der deutschen Mannschaft und richtig überrascht, wie wir auf der Grundlage einer phantastischen Vorbereitung drei Spiele vom Feinsten geboten haben. Und das nicht gegen irgendwelche Popelmannschaften, sondern gegen Argentinien, England und Australien.

RUND: Auch die Australier schätzen Sie hoch ein?
Hans Meyer: Ich darf daran erinnern, wie sie vor vier Jahren gespielt haben. Sie waren vielleicht etwas in die Jahre gekommen, aber Fußball spielen konnten sie alle. Was die Deutschen geboten haben, war etwas für Fußballliebhaber. Wann konnte man das über eine deutsche Mannschaft schon mal sagen?
Aber dass Fußball nicht auf Knopfdruck funktioniert, haben wir auch mitbekommen. Es kann immer etwas Blödes passieren, wie den Holländern bei der letzten EM. Die waren in der Vorrunde die beste Mannschaft und sind dann gegen Russland ausgeschieden. Das hätte der deutschen Mannschaft mit viel Pech gegen Ghana auch passieren können. Wobei wir jetzt nicht vergessen dürfen, dass unsere Mannschaft gegen Ghana verdient gewonnen hat.

RUND: Wie erklären Sie sich die Probleme der deutschen Elf im Halbfinale gegen Spanien?
Hans Meyer: Vor der WM hatte ich der deutschen Elf das Achtelfinale zugetraut. Nach dem Australien-Spiel war ich begeistert, nach dem Spiel gegen England dachte ich, dass wir schon in diesem Jahr nach dem Titel greifen können. Die Leistung gegen Spanien war dann eine negative Überraschung. Vom Kopf her kann ich mir nicht vorstellen, dass man nach diesen glänzenden Spielen zuvor nicht mit Selbstvertrauen in das Spanien-Spiel ging. Aber wir waren gelähmt in der Aktivität. Es war zuvor die Handschrift von Löw zu sehen: Diese Mannschaft spielte aktiv, ging gemeinsam drauf und störte den Gegner beim Spielaufbau, spielte laufstark und kombinationssicher. Das Spanien-Spiel wird auch bei Jogi Löw noch lange Fragen hinterlassen.

RUND: Das Finale zwischen Spanien und Holland war dann fußballerisch von zweifelhafter Qualität.

Hans Meyer: Alle haben über das Endspiel gemeckert, weil die Holländer nicht Fußball gespielt, sondern getreten haben. Van Marwijk hat das Spiel der Deutschen gesehen und ganz sicher auch das mangelnde Zweikampfverhalten. Die Holländer haben versucht, in die Zweikämpfe reinzukommen. Das ist eigentlich nicht ihre Stärke. Sie sind ein wenig durch uns zu einer anderen Gangart animiert worden.

RUND: Arrigo Sacchi war insgesamt enttäuscht vom Niveau der WM. Sie auch?
Hans Meyer: War ich auch. Ich glaube, dass zu viele Mannschaften nicht optimal vorbereitet waren. Nehmen wir Frankreich: Wenn in den Köpfen der Spieler soviel Scheiße passiert, dass sie sich in der Öffentlichkeit so benehmen, sind die nicht gut vorbereitet. Oder die Afrikaner. Ich hätte geschworen, dass ein Team unter die letzten vier kommt. Solange die Politik und die Sportführungen dort weiter so selbstherrlich sind, wird das auch so bleiben. Wenn sich die Elfenbeinküste noch im März den Eriksson holt, wenn dort andere Trainer zwei Monate vor dem Turnier beginnen – was ist das für eine Vorbereitung?

 

Hans Meyer

Der Taktiker: Hans Meyer hat wenig Neues bei der WM gesehen Foto Klaus Merz

 

RUND: Louis van Gaal kritisierte, es habe kaum taktische Neuerungen gegeben.
Hans Meyer: Ich hatte vor dem Turnier gar keine taktischen Veränderungen erwartet und konnte deshalb nicht enttäuscht werden. Etwas mehr totaler Fußball, wie die Holländer sagen, hätte diesem Weltfest allerdings nicht geschadet. Stattdessen gab es zu viel Fußball mit angezogener Handbremse zu sehen. Zum Glück haben unsere Jungs es anders und beeindruckend gemacht.

RUND: Zu viele Teams haben nur reagiert.
Hans Meyer: Eine Mannschaft, die mit Ambitionen dort hinfährt, muss agieren. Es ist deshalb keine Marotte von Louis van Gaal, bei den Bayern auf Ballbesitz zu spielen. Schon Cruyff, der es wissen muss, hat gesagt, solange du den Ball hast, kann der Gegner kein Tor schießen.

RUND: Noch einmal zurück zu Louis van Gaal: Er hat sich beklagt, dass Mailand unter Jose Mourinho im Champions-League-Finale nur reagiert habe.
Hans Meyer: Im Finale sind zwei große Trainer aufeinander gestoßen. Louis van Gaal weiß doch auch, dass die Organisation das Wichtigste ist. Aber wenn Mourinho Organisation meint, dreht er noch mehr an der Schraube. Das kam den Spielern, die er bei Inter hatte, sehr entgegen.

RUND: In Unterzahl musste Samuel Eto’o im Halbfinal-Rückspiel in Camp Nou Innenverteidiger spielen.

Hans Meyer: Was da Weltklassestürmer für das Team mitmachen, ist der Wahnsinn. Es wird doch bei uns sehr gerne diskutiert: „Scheiße, jetzt muss ich mit dem da zurücklaufen.“ Im Interesse des Teams gehört das einfach dazu.

RUND: Dennoch muss Mourinho doch mit der Kritik leben, wenn man die Spiele von Inter gegen Barcelona und die Bayern zum Maßstab nimmt.
Hans Meyer: Ich übertreibe jetzt mal: Wenn er nach Barcelona zur weltbesten Mannschaft fährt, weiß er, dass er dort 35 Prozent Ballbesitz haben wird. Darauf muss er reagieren, er kann doch nicht ins offene Messer laufen. Aber er hat seine Teams auch offensiv spielen lassen müssen: Chelsea oder Porto waren gezwungen, meistens das Spiel zu machen. Ihm geht es um die Organisation, dass jeder Spieler gegen den Ball mitarbeitet. Trainer werden häufig in bestimmte Klischees gedrängt, mit dem Etikett „Defensivtrainer“ tut man Mourinho bitter unrecht.

Lesen Sie morgen, in Teil 2 des Interviews, was Hans Meyer im letzten Jahr gemacht hat und wieseo kein Mensch drei Mobiltelefone braucht.

 

Hans Meyer wurde am 3. November 1942 in Briesen geboren und wurde als Spieler mit dem FC Carl Zeiss Jena zweimal DDR-Meister. Als jüngster Trainer der DDR-Oberliga übernahm Meyer 1971 Carl Zeiss Jena. Nach den Stationen Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Jena und Union Berlin trainierte er von 1996 bis 1999 den niederländischen Erstligisten FC Twente Enschede. Mit beinahe 57 Jahren unterschrieb Meyer im September 1999 bei Borussia Mönchengladbach. Mit Hertha BSC Berlin feierte er 2004 den Klassenerhalt. Im November 2005 übernahm er den damaligen Tabellenletzten 1. FC Nürnberg, der zum Saisonende Achter wurde. Im Mai 2007 holte Hans Meyer mit dem Club den DFB-Pokal und Platz sechs. Im Februar 2008 wurde er in Nürnberg beurlaubt, ein Gütetermin vor dem Arbeitsgericht scheiterte. Daraufhin trainierte Hans Meyer im Oktober 2008 erneut Borussia Mönchengladbach. Trotz des Klassenerhalts mit Gladbach verzichtete er im Mai 2009 darauf, seinen noch ein Jahr laufenden Vertrag zu erfüllen.

 



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