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ABWEHRSPIELER
Freiheit für die Unfreien
Die deutsche Nationalmannschaft hatte lange ein Problem: die Verteidigung, wo die Spieler grätschten, klammerten oder foulten. Das hat sich geändert. Inzwischen muss meistens sogar ein Innenverteidiger mit nach vorne. Von Roger Repplinger

 

Christian Wörns gegen Ruud van NistelrooyHalten, klammern, grätschen: Christian Wörns wusste sich bei der EM 2004 gegen Ruud van Nistelrooy fußballerisch nicht anders zu helfen. Die DFB-Elf flog in der Vorrunde raus  Foto Pixathlon

 

Es war schwer, Libero zu werden. Der Einführung dieser Position in der deutschen Nationalmannschaft ging ein zäher Kampf voraus: Franz Beckenbauer, bei Bayern München schon lange der freie Mann, gegen Helmut Schön. Der damalige Bundestrainer sagte zu Beckenbauer: „Verteidigung ist Zerstören, dazu brauche ich keine Künstler, nur Leute mit dem eisernen Fuß, die dazwischen gehen, aufräumen. Warum soll ich Spieler wie dich da hinten verschenken?“ Hinten Willi Schulz als Ausputzer, im Mittelfeld Beckenbauer und Wolfgang Overath. Und gut ist. Schön erkannte nicht, welche Möglichkeiten darin lagen, dass Beckenbauer alles mischte, weil er alles konnte.

Im März 1971 brachte Beckenbauer, der mit Rücktritt aus der Nationalelf gedroht hatte, Schön in einem langen Gespräch seine Vorstellung von den Aufgaben des Liberos nahe, und am 25. April 1971 durfte Beckenbauer ihn zum ersten Mal in einem Länderspiel gegen die Türkei geben. Nicht wie zuvor als Ersatz für Schulz, der immer „bleib hier“ brüllte, wenn Franz nach vorne ging. Der Libero war nun gesetzt.

Da war es noch schwerer, ihn wieder loszuwerden. Mit Libero und Manndeckern war die schwarz-rot-goldene Nationalmannschaft erfolgreich, aber Erfolg ist immer auch ein Problem. Weltmeister 1974 gegen die Niederländer, die ganz anderen Fußball spielten. Weltmeister 1990 mit Beckenbauer als Teamchef und Klaus Augenthaler als Libero. Da spielte schon die ganze Welt anders. „Wenn du net die Leut’ hast, kannst net Raumdeckung spielen“, behauptete Beckenbauer. Dabei hatte Augenthaler schon unter Pal Cernai bei Bayern im Raum gespielt.

Wir sitzen mit Klaus Augenthaler im Hotel Kempinski am Münchner Flughafen. Hier palavern sonntagmorgens des Landes allergrößte Fußballexperten über den Ball. Die Blumen hinter den Glasscheiben des Foyers sind künstlich, der Cappuccino ist kalt. Draußen liegt Schnee. Wir sprechen darüber, dass sich im internationalen Fußball die Raumdeckung durchgesetzt hat. Deutschland viele Titel gewonnen, aber den Kampf ums Spielsystem verloren hat. Rinus Michels (Ajax Amsterdam), Arrigo Sacchi (AC Milan) und Valerie Lobanovski (Dynamo Kiew) haben sich durchgesetzt. Zum Glück für den Fußball.

Als Michels nach Leverkusen kam, forderte man: „Spiel so offensiv wie bei Ajax.“ Er versuchte es, „aber es hat nicht funktioniert“, sagt Augenthaler, „er hatte nicht die Spieler.“ Auf der anderen Seite sieht man erst, dass die Spieler da sind, wenn man sie in einem bestimmten System spielen lässt. „Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, nickt Augenthaler. Hier zu Lande biss sie so lange, bis es richtig wehtat.

Der Erfolg des Liberosystems hatte lange unangenehme Folgen. „In keiner Bundesliga-Spitzenmannschaft spielt ein deutscher Innenverteidiger“, sagt Augenthaler. Das hat nichts damit zu tun, dass Deutschland keine Talente hat, sondern damit, dass Brasilianer, Franzosen, Serben, Finnen, Kroaten, Belgier und Niederländer zu Hause seit Jahren Raumdeckung spielen. Dort wird der Nachwuchs anders trainiert, es herrscht eine andere Auffassung von den Aufgaben des Innenverteidigers. Es wird besser Fußball gespielt, umfassender ausgebildet.

 

Franz BeckenbauerMischte alles, was er konnte: Libero Franz Beckenbauer bei der WM 1974 Foto Pixathlon

 

Offensive und Spielaufbau waren im deutschen Fußball für den Libero reserviert. Der Rest der Abwehr war unfrei, spielte gegen den Mann, zerstörte das Spiel des Gegners, blieb hinten. Immer. Ein deutscher Innenverteidiger ließ seinen Stürmer auch dann nicht aus den Augen, wenn die eigenen Jungs den Ball hatten. „Ich war einigen zu offensiv“, erinnert sich Augenthaler. Er hat sich als Spieler darüber geärgert, „dass sich keiner der Manndecker am Spielaufbau beteiligte. Die Innenverteidiger blieben hinten, haben auch bei Ballbesitz die gegnerischen Stürmer gesucht, statt sich ins Offensivspiel einzuschalten.“

Die Folgen sind fatal. In der Nationalmannschaft sehen wir Innenverteidiger mit technischen Schwächen, der Spielaufbau ist statisch und langsam, es gebricht an Mut. Der Ball wandert sofort auf die linke Seite. Oder der Ball wird hoch und weit nach vorne geschlagen, als ob er eine Krankheit ist, die man schnell wieder loswerden will. Der Gegner hat leichtes Spiel.

Wenn die jungen, deutschen Innenverteidiger für diese Defizite kritisiert wurden, dann trifft es die falschen. Sie können nichts dafür. Westdeutsche Verteidiger wurden jahrelang auf Manndeckung gedrillt. Beidfüßigkeit: unwichtig. Technik und taktisches Verständnis: für Mittelfeldspieler reserviert, Offensivspiel: nein, die Mittellinie ist die  Grenze. Die strikte Arbeitsteilung führte zu den Defiziten, die wir heute sehen. „Wir sind in einer Phase des Übergangs“, sagt Augenthaler. Es gibt ältere deutsche Innenverteidiger, denen sieht man den Manndecker noch deutlich an. Die spielen im Raum, orientieren sich aber am Gegner, nicht am Ball. Sie haben in der Nationalmannschaft keine Chance mehr. Aber auch die Jungen haben nicht alle von Kindheitsbeinen an im Raum gespielt. Sie lernen. Andere Nationalmannschaften machen das seit 30 Jahren. „Wir haben Rückstand“, stimmt Augenthaler zu.

Es ist gut, findet Augenthaler, „wenn man Nachwuchsspieler nicht für eine Position ausbildet, sondern für mindestens zwei“. Jeder braucht ein Rüstzeug an taktischen und technischen Fähigkeiten, jeder muss Fußball spielen können. Wenn ein Mittelfeldspieler wie Mehdi Mahdavikia beim Hamburger SV als rechter Verteidiger aufläuft, „hat der Trainer eine Waffe“. Ein solcher Spieler hinten rechts gibt auch dem Mittelfeld eine Vielzahl neuer Möglichkeiten.

Es gab Versuche, in der Bundesliga mit Raumdeckung zu spielen: Der Österreicher Ernst Happel, selbst ein erstklassiger Verteidiger, beim Hamburger SV. Der Ungar Gyula Lorant, der in der Elf stand, die 1954 in Bern gegen Deutschland verlor, führte die Raumdeckung bei den Bayern 1977/78 ein, sein Landsmann Pal Cernai verfeinerte sie. Happel und Cernai wurden Meister, aber die Raumdeckung setzte sich nicht durch.

Augenthaler überlegt: „Unter Cernai haben wir mit Vorstopper, linkem und rechtem Verteidiger und mir in der Raumdeckung als eine Art Libero gespielt.“ Das neue System kam ohne Diskussion. „Das war noch nicht die Zeit, in der man mit dem Trainer übers Spielssystem diskutiert hat“, sagt Augenthaler, und was die Falten in seinem Gesicht machen, könnte ein Lächeln sein. Im Trainingslager stellte Cernai Hütchen auf den Rasen und ließ Laufwege einstudieren. Immer und immer wieder. Sehr präzise. „Bei der Raumdeckung orientierte man sich eben am Ball“, sagt Augenthaler, „und nicht mehr am Mann.“ Bayern spielte Raumdeckung bis 1992 Erich Ribbeck kam.

In der Nationalelf führte Rudi Völler die Raumdeckung ein, nachdem die Diskussion dieser Frage merkwürdige Züge angenommen hatte. Als ginge es grundsätzlich ums deutsche Fußballwesen, und nicht um ein neues Spielsystem. Christoph Metzelder sieht Augenthaler als Innenverteidiger, „der alle Voraussetzungen mitbringt“. Kann ein Spiel lesen, die Abwehr organisieren, das Spiel aufbauen. Er hat die Ruhe und macht auch unter Druck etwas Sinnvolles. „Das ist überhaupt das Schwierigste, unter Druck ein Spiel aufzubauen. Auch dann den Ball nicht blind nach vorne zu schlagen“, sagt Augenthaler.

Manndeckung ist einfacher. Es ist immer einfacher, ein Spiel zu zerstören, als es zu machen. „Aber Zerstören reicht im modernen Fußball nicht“, sagt Augenthaler. Irgendwann zerstört das Zerstören auch das eigene Spiel. Irgendwann können Verteidiger, die immer gegen den Mann spielen, auch das nicht mehr, weil sie nicht mehr Fußballspielen können.
Unter Bundestrainer Joachim Löw sind die Innenverteidiger noch offensiver. „Gerade wenn der Gegner nur mit einer echten Spitze spielt, haben die Innenverteidiger die ganze Zeit eine zwei-zu-eins-Überzahl. Dann sollte man versuchen, wenn Platz da ist, im Mittelfeld Überzahl zu schaffen", sagt Arne Friedrich. Rückt ein Innenverteidiger ins Mittelfeld, ist dort ein Mann mehr. Anders ist es nur, wenn die Nationalelf gegen ein Team mit zwei Stürmern spielt. „Es ist dann eher so, dass die Außenverteidiger frei sind. Dann hat man als Innenverteidiger nicht die Chance, nach vorne zu gehen", sagt Friedrich. Das ist für den Innenverteidiger der Nationalelf die Ausnahme, meist bekommen es die deutschen Abwehrspieler nur mit einem Angreifer zu tun. Der Spielaufbau beginnt schon in der Abwehr.

 

Per MertesackerSelten ausgespielt: Per Mertesacker im WM-Halbfinale hinter den Spaniern Sergio Ramos und Carles Puyol Foto Pixathlon



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