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SPIELSUCHT
„Es geht um Erfolg, nicht um den Menschen“
Der spielsüchtige Ex-Profi René Schnitzler geriet schnell in die Fänge der Wettmafia. Der Sportpsychologe Thomas Graw erklärt im Interview, warum der ehemalige St. Pauli-Spieler kein Einzelfall ist und warum Fußball-Profis besonders anfällig fürs Zocken sind. Interview Christoph Ruf.

 

Thomas Graw"Zocker brauchen ständigen Nervenkitzel": Sportpsychologe Thomas Graw Foto: privat

 

Im Buch „Zockerliga“ wird der Ex-Profi Rene Schnitzler als Mesnsch beschrieben, der des Thrills wegen schon mit 18 Jahren bei Rot über eine vielbefahrene Kreuzung fuhr. Ein paar Jahre später war er endgültig spielsüchtig. Werden Charaktere, die gerne riskant leben, schneller spielsüchtig?
Thomas Graw: Zocker brauchen jedenfalls den ständigen Nervenkitzel. Wir sprechen da von „sensation seeking“ als Kennzeichen von Menschen, die den optimalen Erregungszustand des Gehirns mit normalen Reizen nicht mehr erreichen können.

Im Buch wird immer wieder beschrieben, wie viele Profis stundenlang beim Onlinepoker vorm Laptop oder in der illegalen Spielhalle sitzen. Ist das auch ein Ventil, um dem oft öden Profialltag abseits des Trainings zu entfliehen?
Langeweile kann ein Motiv sein. Und Profis müssen unheimlich viel Zeit überbrücken, sei es im Hotel oder auf den Fahrten zum Auswärtsspiel. Hinzu kommt der Imagewandel des Glücksspiels. Poker galt früher als etwas für verruchte Gestalten im Saloon. Dass heute Boris Becker und andere Prominente für Onlineportale werben, wird natürlich auch in der Fußballer-Community registriert. Auch dadurch entsteht eine nicht zu unterschätzende Dynamik.


Warum sind offenbar ausgerechnet Fußballspieler so anfällig fürs Zocken?
Das liegt in der Natur einer Fußballersozialisation. Wer von der Strafraumkante die Latte trifft, bekommt vom Kollegen ein Bier bezahlt – solche Spielchen gibt`s in jeder Kreisligamannschaft. Und verliere ich die Wette, hake ich die nicht ab, sondern suche nach der nächsten Möglichkeit, die Niederlage auszubügeln, weil ich nicht als Verlierer oder gar als Feigling gelten will.

Weshalb Bundesligaprofis kurz nach dem vergeigten Spiel als erstes sagen: Jetzt müssen wir eben am kommenden Samstag gewinnen.
Genau. Und das ist ja auch sinnvoll, denn so definiert sich eben der Sport. Es geht um Sieg oder Niederlage, um nichts anderes. Wobei die ganze Emotionalisierung, die die Medien betreiben, das Gerede von 'Schicksalsspielen' und 'Katastrophen' den ganzen Zirkus auch nicht gerade entschleunigt.

Bei Schnitzler sprach sich schnell herum, dass er Spielschulden hatte, bei einigen Osnabrücker Spielern ebenfalls. Prompt klopfte die Wettmafia an.
Machen wir uns nichts vor, überall, wo viel Geld verdient wird, wollen andere mitverdienen. Und klar freuen sich Leute, die viel Geld auf bestimmte Spielausgänge setzen, wenn sie jemanden in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen können, der den Spielausgang maßgeblich beeinflussen kann.

Und schwupps sieht der Torwart beim Eckball aber so etwas von unglücklich aus...hinter vorgehaltener Hand klagen viele Profis, dass sie im Mannschaftshotel kaum noch einen Gesprächspartner finden, weil die meisten Spieler abends beim Onlinepoker vorm Laptop sitzen.
Das mag sein. Und das Zocken am Computer ist auch außerhalb des Fußballs ein großes Problem, weil jede Unmittelbarkeit erwiesenermaßen den Suchtcharakter erhöht.

Was heißt das?
Man bekommt beim Poker oder beim Roulette sofort Rückmeldung, man muss sich nicht mal die Schuhe anziehen, um ins Casino zu kommen. Stattdessen kann man sich kurz Youporn anschauen und ist nach der Befriedigung dieses Bedürfnisses eine Sekunde später beim nächsten.

Sie arbeiten eng mit Fußballmannschaften zusammen. Hat ein Trainer, hat ein Manager überhaupt eine Chance, präventiv einzuschreiten?
Das ist schwierig, ein Spieler, der gerne zockt, läuft ja keine Sekunde langsamer. Was sicher nicht schadet, ist ein Sportpsychologe. Der kann einem Spieler systematisch mentale Stärke vermitteln und hilft auch durch seine Position, weil er ja nicht darüber entscheidet, wer am Wochenende spielt.

Beim FC St. Pauli sind offenbar einige Spieler direkt vom Zocken morgens ins Training gefahren – das wird kein Einzelfall sein. Muss ein Trainer das nicht merken?
Das lässt sich immer leicht sagen. Aber wahrscheinlich sehen viele nach einer Nacht im Casino auch nicht durchlebter aus als wenn ihr Baby die ganze Nacht geschrien hätte.

In jeder Bundesligastadt gibt es aber ausgehfreudige Fans, die sehr genau wissen, welcher Spieler gerne im Casino neben ihnen sitzt und wer Familienvater ist.
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Mancher Fan weiß über den Lebenswandel bestimmter Profis viel mehr als der Mitspieler. Aber wo zieht man die Grenzen der Kontrolle: Soll der Trainer sich auch um die Eheprobleme kämpfen? Letztlich geht es um Erfolg, nicht um den Menschen. Das wird zwar bemäntelt, aber es ist so.

Es sind also reine Lippenbekenntnisse, wenn Funktionäre mehr Menschlichkeit im Profifußball anmahnen.
Da war schon bei der Aufarbeitung von Robert Enkes Selbstmord viel Heuchelei dabei. Letztendlich schaut man sich zwei Monate an, ob es klappt oder nicht. Bei allem, was einen Spieler angreifbar macht, ist es wie bei einer Verletzung. Da heißt es, ’Der Spieler kriegt alle Zeit der Welt’, aber die ist eben dann doch begrenzt.

Ein Armutszeugnis.
Finden Sie? Vielleicht ist das einfach nur ehrlich. Wenn irgendetwas über dem Leistungsgedanken stehen würde, wäre das System Profifußball zerstört. Es geht letztlich darum, wer oben steht in der Tabelle und wer unten.

Rainer Schäfer, Wigbert Löer: René Schnitzler, Zockerliga, Ein Fußballprofi packt aus
208 Seiten, ISBN: 978-3-579-06691-2
 16,99 Euro



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