Zurück  |  

THEMENWOCHE
Der Bundesliga-Skandal
Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas wurde zum betrogenen Betrüger: In der Endphase der Saison 1970/71 waren Bundesligaspiele gekauft und verkauft worden. Mit den Manipulationen war der Abstiegskampf beeinflusst worden. Ein Auszug aus dem Buch „50 Jahre Bundesliga“. Von Karlheinz Mrazek.

 

Klaus Fischer
Im Zuge des Bundesliga-Skandals zu einer Geldstrafe verurteilt, nach 1977 Nationalspieler: Klaus Fischer erzielt sein berühmtes Fallrückziehertor im WM-Halbfinale gegen Frankreich 1982 Foto Pixathlon

 

Der 6. Juni 1971 war für die Spieler und Fans des VfL Borussia Mönchengladbach ein besonders erfreulicher Tag. 150.000 Menschen umjubelten die Fußballhelden bei ihrer Triumphfahrt durch die Stadt, die Anfang der siebziger Jahre 260.000 Einwohner zählte.

Am Vortag hatte das Team um Netzer und Heynckes seinen Titel mit einem 4:1-Sieg in Frankfurt erfolgreich verteidigt und sich so in den meisten Montagszeitungen einen Platz auf Seite eins gesichert. Doch noch ehe die Rotationsmaschinen anspringen sollten, degradierte ein Obst- und Gemüsehändler aus Offenbach am Main das Fußball-Großereignis mit einem Knopfdruck zum Randthema. Horst-Gregorio Canellas, der Präsident der Offenbacher Kickers, hatte zu seinem 50. Geburtstag in seine Villa in Hausen bei Offenbach geladen, den Gästen, darunter hochrangige DFB-Funktionäre, Bundestrainer Helmut Schön und eine Handvoll Sportjournalisten aus dem Großraum Frankfurt, Champagner kredenzt, als er plötzlich mit ernstem Gesicht auf ein Tonbandgerät zuschritt. Was die Runde darauf zu hören bekam, verschlug ihr augenblicklich und ein paar Stunden später Millionen Zuschauern der ARD-Sportschau die Sprache: Canellas konnte beweisen, dass in der Endphase der Saison 1970/71 Bundesligaspiele gekauft und verkauft wurden, der Abstiegskampf manipuliert war.

Mit Geldkoffer an der Raststätte

Gespräche des Offenbacher Klubchefs mit drei "Strippenziehern" des schmutzigen Geschäftes gaben Einblick in eine breit angelegte Bestechungskampagne, die als Bundesligaskandal in die Historie des deutschen Profifußballs eingehen sollte. Die Stimmen gehörten dem Kölner Torhüter Manfred "Cassius" Manglitz und den Berliner Hertha-Profis Bernd Patzke und Tasso Wild.

Wild und Manglitz betätigtem dem Präsidenten des abstiegsbedrohten Klubs eine Woche vor Ultimo, dass sie bereit seien, zu den am Telefon ausgehandelten Summen das gewünschte Resultat zu liefern: Wild für 140.000 Mark einen Sieg der Berliner über den Abstiegskandidaten Arminia Bielefeld, Manglitz für 100.000 Mark eine Heimniederlage der Kölner gegen die Offenbacher Kickers.

Einen Tag vor dem Spiel in Köln trafen sich Canellas und Kickers-Geschäftsführer Willi Konrad mit Manglitz an einer Autobahnraststätte bei Bonn. Sie hatten einen Handkoffer bei sich, der die 100.000 Mark enthielt, die einen Tag später in den Besitz von Manglitz und fünf weiteren Kölner Spielern übergehen sollten. 100.000 Mark waren für damalige Verhältnisse ein höchst verführerischer Betrag. So musste sich Heinz Flohe, 1971 beim 1. FC Köln längst ein Juwel, mit einem Monatsfixum von 1.200 Mark und 10.000 Mark Jahresgeld bescheiden, wie dem Buch "Heinz Flohe – der Weg zur Deutschen Meisterschaft" zu entnehmen ist.

 

50 Jahre Bundesliga

Karlheinz Mrazek/Matthias Greulich: 50 Jahre Bundesliga, Copress Verlag, 19,90 Euro, 256 Seiten, ISBN 978-3-7679-0921-2

 

Doch aus dem Deal Geld gegen Punkte wurde nichts. Manglitz, geplagt vom schlechten Gewissen oder auch nur der Angst, von Canellas beim DFB eventuell ans Messer geliefert zu werden (schließlich hatte er von dem Offenbacher schon einmal 25.000 Mark "Erfolgsprämie" für gute Leistungen beim 3:2-Sieg über den Abstiegskandidaten Rot-Weiß Essen kassiert), meldete sich Stunden vor dem Anpfiff bei Ernst Ocwirk mit den Worten ab: "Trainer, ich fühle mich schlapp; ich kann nicht spielen." Für Manglitz hütete der Jugoslawe Milutin Soskic das Tor, der, ins betrügerische Vorhaben nicht eingeweiht, wie ein Weltmeister hielt und entscheidenden Anteil am 4:2-Sieg der Kölner hatte. Die Niederlage katapultierte den Canellas-Klub aus der Bundesliga.

Höchstwahrscheinlich wäre Offenbach der Abstieg auch bei einem doppelten Punktverlust erspart geblieben, hätte sich Hertha BSC, damals einige Jahre neben Borussia Mönchengladbach und dem FC Bayern so etwas wie die dritte Kraft in der Bundesliga, an die Abmachungen gehalten, die Kickers-Vizepräsident Waldemar Klein mit Nationalverteidiger Patzke getroffen hatte. Klein war mit den vereinbarten 140.000 Mark an die Spree gereist, die für einen Sieg über Arminia Bielefeld gedacht waren. Doch die Berliner zogen das Angebot vor, das die Bielefelder der Hertha gemacht hatten: Der Arminia waren die zwei Punkte in Berlin 220.000 Mark wert. Und für diesen beachtlichen Batzen Geld gestattete die Hertha den Gästen das Tor zum 1:0, das Gerd Roggensack erzielte.

Weitere 140.000 Mark wollten die Bielefelder zur Braunschweiger Eintracht für einen Sieg über Oberhausen transferieren, mussten das Geld indes nicht auszahlen, da es für die Eintracht nur zu einem 1:1 gereicht hatte. Bei einem 2:1-Sieg der Niedersachsen hätte Oberhausen anstelle der Offenbacher den Weg in die Zweite Liga antreten müssen und Canellas als betrogener Betrüger wahrscheinlich die Lawine nicht losgetreten, die die Bundesliga in die tiefste Krise ihres Bestehens stürzte.

Zum Chefankläger bestellte der DFB den Stuttgarter Strafrichter Hans Kindermann, seit Dezember 1970 Vorsitzender des DFB-Kon­troll­ausschusses. Der Schwabe bemühte sich in einem Mammutprozess, der durchaus den Titel "Allein gegen die Mafia" verdient gehabt hätte, Licht in das Dunkel zu bringen.

Dauergäste bei Kindermann und später vor dem Landgericht in Essen waren Spieler und Funktionäre des FC Schalke 04. Im April 1971 hatte sich der ehemalige Schalker Spieler Waldemar Slomiany von Bielefeld nach Gelsenkirchen ­begeben, um die Punkte zu kaufen. 40.000 Mark offerierten die Ostwest­falen, wenig genug, doch acht Spieler und die ebenfalls in das "krumme Spiel" eingeweihten Klubpräsident Günter "Oskar" Siebert und Schatzmeister Heinz Aldenhoven akzeptierten den Betrag. Vereinbarungsgemäß siegten die Bielefelder mit 1:0, das Tor erzielte auch damals Gerd Roggensack.

Anschließend leugneten die Schalker Profis hartnäckig, das Spiel verkauft zu haben. Doch nachdem Torhüter Dieter Burdenski im Mai 1972 ein Geständnis abgelegt hatte, brach das Lügengebäude zusammen. Und weil die Schalker unter Eid ausgesagt hatten, keine Zahlungen beim 0:1 erhalten zu haben, landeten sie vor dem Landgericht in Essen. In einem Meineidprozess, der erst am 8. Januar 1976 endete, kamen die Angeklagten – unter anderem Klaus Fischer, Klaus Fichtel, Rolf Rüßmann, Reinhard Libuda, Jürgen Sobieray – glimpflich davon. Statt Gefängnisstrafen gab es nur Geldstrafen, im Schnitt 8.300 Mark pro Spieler.

Canellas und Manglitz wurden, wie andere Spieler auch, lebenslänglich gesperrt und Jahre später begnadigt. Von einer Amnestiewelle profitierten vor allem zwei Schalker Spieler: Klaus Fischer und Rolf Rüßmann. Sie konnten 1977 ihre Karriere als Nationalspieler starten.

Arminia Bielefeld wurde in die Regionalliga versetzt, Offenbach für zwei Jahre die Lizenz entzogen.

Horst-Gregorio Canellas ließ sich nach seiner Verurteilung auf Mallorca nieder. Er starb, 78 Jahre alt, im Juli 1999. 1977 saß er mit seiner Tochter in dem Flugzeug, das Terroristen nach Mogadischu entführt hatten.

Manfred Manglitz machte nach dem Skandal in Köln als Nachtklub-Besitzer von sich reden und siedelte später nach Spanien um, wo sich der gelernte Buchbinder an der Costa Blanca eine Existenz als Fliesenleger aufbaute.

 

Der Spiegel
1971 eine Seltenheit: "Der Spiegel" brachte den Bundesligaskandal auf den Titel



Zurück  |