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INTERVIEW MIT ANNE WILL
„Ach? Ja? Wow!"
Anne Will begann als Sportreporterin im Hörfunk, und moderierte als erste Frau die „Sportschau". Im RUND-Interview erzählte sie, wie sie Alice Schwarzer erklärte, wer Gerd Müller ist.


Fußball als Spaßfaktor: Anne Will musste erst lernen, das Spiel zu lesen.
Foto Benne Ochs.


RUND: Frau Will, können wir in diesem Interview auch über Bayern München sprechen?
Anne Will: (lacht) Ja, das können wir.

RUND: Sind Ihre Empfindungen, wenn Bayern in diesem Jahr Meister wird, andere als in früheren Jahren, als Sie noch, nach eigener Aussage, darüber „abkotzten“?
Anne Will: Dazu habe ich alles gesagt und mich für die Wortwahl entschuldigt. Ich habe nichts dagegen, dass die Bayern Meister werden. Wenn sie erkennbar gut spielen, muss ich sagen: Respekt. Das ist sehr offensichtlich eine Glanzvorstellung, die sie in dieser Saison geben. Und dagegen kann ja niemand sein. Es sei denn, er steht auf dem zweiten Platz und ärgert sich zu Tode.

RUND: Hat der Fußball einen Stellenwert in Ihrem Leben?
Anne Will: Nicht mehr den, den er mal hatte. Fußball hat mich tatsächlich über mehrere Jahre meiner bisherigen beruflichen Laufbahn begleitet, und in der Zeit habe ich mich intensiv damit befasst. Ich sehe nach wie vor gerne Fußball, aber ich habe nicht den Antrieb, mir Statistiken einzuprägen. Manchmal frage ich mich, ob Frauen möglicherweise kein solches Statistik-Gen haben.

RUND: Ist Fußball eine Leidenschaft für Sie?
Anne Will: Ja.

RUND: Vergleichbar mit anderen Leidenschaften, die der Mensch hat?
Anne Will: Nein. Mit der Liebe gewiss nicht. Deshalb ist vielleicht „Spaß“ auch das bessere Wort als „Leidenschaft“.

RUND: Obwohl Fußball für Sie inzwischen Vergnügen bedeutet: Wie analytisch sehen Sie sich trotzdem ein Spiel an?
Anne Will: Ich bin ziemlich schlecht darin, ein Spiel zu lesen. Ich finde, dass man das auch schlecht kann, wenn man sich nur auf eine Führungskamera verlassen muss. Um ein Spiel zu lesen, so weit habe ich es dann mindestens verstanden, muss man auch dahin gucken können, wo der Ball gerade nicht ist. Ich habe das einmal gelernt. Ich war bei einem Frauenfußballländerspiel, und da war Gero Bisanz unser Kommentator, der frühere Frauenbundestrainer. Dadurch hat man natürlich eine Menge Zeit, das Spiel gemeinsam zu verfolgen. Und dann hat er mir viel erklärt: Er hat sich die ganze Zeit Notizen gemacht, er hat sich Zuordnungen notiert, und hat dann an einem gewissen Punkt gesagt: So, jetzt verschieben sich Zuordnungen, jetzt ist klar geworden, dass die mit der nicht klarkommt. Und hier können Sie genau verfolgen, dass sich gerade ein ganzer Aufbau verschiebt. Ich sagte: Ach? Ja? Wow! Und als er mir das dann für Doofe erklärt hat und gezeigt hat und zwar abseits des Ballgeschehens, auf das wir uns eine Weile gar nicht konzentriert haben, da habe ich verstanden, wie man ein Spiel liest.

RUND: Wie verlief Ihre fußballerische Biografie?
Anne Will: Ich habe einfach nur so auf dem Rasen Fußball gespielt, mit meinen Freunden und den Freunden meines Bruders. Wir haben immer rumgebolzt. Auch auf Garagenhöfen, wo man den Ball voll auf das Tor donnert, bis die ganze Nachbarschaft wach ist. Das war natürlich ein Riesenspaß. Und ich habe auf dem Schulhof oft Fußball gespielt, mit Tennisbällen.


„Ein gut ausehender Mann“: Anne Will mag nicht nur die Spielweise von David Beckham.
Foto Hochzwei.


RUND: Sie mögen lieber filigranere Spielertypen?
Anne Will: Ja, das stimmt. Auch wenn es ein bisschen platt klingt: Ich finde Michael Ballack einen sehr interessanten Spieler. Ich sehe Sebastian Deisler gerne. David Beckham ist zudem ein gut aussehender Mann. Zinédine Zidane ist auch so jemand. Das sieht einfach so elegant, überlegt und geplant aus, was der macht, dass man tatsächlich so etwas wie Spielintelligenz auch sieht. Das bilde ich mir zumindest ein. Aber ich bin nicht so ein Roy-Makaay-Fan. Dennoch finde ich es sensationell, was er für einen Torinstinkt hat. Ich fand es spannend zu sehen, wie er zuletzt mit der Flaute umgegangen ist. Wie das einen als Stürmer fast kaputt machen kann, weil es so sehr verunsichert. Sich selbst im Weg zu stehen, kennt ja jeder auch aus eigenen Zusammenhängen. Sich zu blockieren, dadurch, dass man sich selbst ängstigt, dass man sagt: Es hat gestern nicht geklappt, dann klappt es heute auch wieder nicht. An der Stelle geht es ja weg vom Sport – da ist es praktisch egal, was man macht.

RUND: Es zeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem man wandelt: Man konnte früher bestimmte Dinge, jetzt kann man sie nicht mehr.
Anne Will: Ja, das ist es, was meinen Spaß am Sport immer ausgemacht hat. Mir anzuschauen, wie Menschen mit Drucksituationen umgehen. Das kann man unbedingt auf die eigenen Zusammenhänge übertragen.

RUND: Gibt es auch Drucksituationen im Fernsehstudio?
Anne Will: Ist süß, dass Sie das übertragen, aber (lacht) da muss ich natürlich sagen, das ist Handwerk und keine Kunst. Wenn man das Handwerk beherrscht, dann verlangt es nicht mehr viel, um ruhig zu bleiben. Das ist sicher auch eine Typfrage. Da bin ich ein bisschen beschenkt, ich neige nicht zur Aufgeregtheit, und wenn eine Panne passiert, dann löst das bei mir immer eher Freude aus. Das ist eine positive Motivation. So blockiere ich mich jedenfalls nicht.

RUND: Sie haben Ihre journalistische Ausbildung unter anderem in der Sportredaktion des damaligen SFB gemacht und haben gesagt: Die vom Sport, die waren handwerklich super.
Anne Will: Stimmt, ich erinnere mich an eine Situation mit Friedrich-Karl Brauns, einem älteren Hörfunkreporter. Brauns hat früher mal sehr gut Tischtennis gespielt und sich dabei die Knie kaputt gemacht, war im Laufe seines Lebens ziemlich schwer geworden und ging nur sehr beschwerlich. Er hatte nur wenig Zeit, ins Studio zu kommen. Ich war damals Volontärin und bin mitgegangen. Wir kommen im Studio an, Brauns war total außer Atem, setzt sich den Kopfhörer auf und macht die Bundesligasendung, die sehr schwer zu moderieren ist, weil man auf dem Kopfhörer gleichzeitig vier, manchmal noch mehr Leitungen hat. Das auseinanderzuhören verlangt viel Übung, ordentliches Geschick und großes Talent. Und Friedrich-Karl Brauns setzt sich, immer noch außer Atem, den Kopfhörer auf, ich war draußen in der Regie. Der Tonmann zieht das Mikrofon auf, man hört, wie er wirklich schwer atmet. Der Redakteur sagt: „Noch zehn Sekunden, Friedrich-Karl." Und dann hört man, als wäre nichts gewesen: „Meine Damen und Herren, ich darf Sie begrüßen zur Fußballbundesliga ..." Dann hat der einen Text da durchgedonnert, ohne auch nur im Geringsten erkennen zu lassen, dass er außer Atem ist. Ich war wahnsinnig fasziniert von der Atemtechnik, von der Lässigkeit. Das habe ich damals sehr bewundert. Heute höre ich immer noch gerne die Konferenzschaltungen. Da hört man wie in keiner anderen Redaktion, wie viel handwerkliche Begabung dahinter steckt, immer zu wechseln zwischen zeitgleicher und unzeitgleicher Reportage. Sagen wir: Der Ball ist im Aus. Da wird es kaum spannend sein, das zu schildern. Also wechseln die Kollegen ins Unzeitgleiche und geben Hintergrundinformationen zur Spielpaarung und wechseln später wieder zurück. Das ist die hohe Kunst. Und ich wollte sehen, wie sie das machen.

RUND: Beim SFB waren auch immer viele Frauen, in anderen Häusern gar nicht.
Anne Will: Das war zweifellos der Einfluss von Jochen Sprentzel, dem langjährigen Sportchef. Es war seine Idee, Frauen gezielt zu fördern. Und es war auch seine Idee, vielleicht gar sein Plan, die erste Frau für die „Sportschau" zu finden. Die glaubte er in mir gesehen zu haben und hat mich schon ganz früh – ich glaube, ich war zwei Wochen in der Redaktion am Ende meines Volontariats und lief da einfach rum – in sein Zimmer gebeten und hat gesagt: Könnten Sie sich vorstellen, mal eine Probemoderation im Fernsehen zu machen? Mein Plan war aber, für das Radio zu arbeiten. Insofern fand ich Sprentzels Angebot etwas merkwürdig und habe erst einmal Nein gesagt. Das war vielleicht ein bisschen uncharmant und auch ungeschickt und undiplomatisch. Aber er hat nicht locker gelassen – und das Ergebnis kennen Sie. (lacht)

RUND: Es ist eine sehr staatstragende Geschichte, als erste Frau die „Sportschau" zu moderieren. Das kann einem niemand nehmen.
Anne Will: Das stimmt. Es ist deshalb staatstragend, weil die Wahrnehmung staatstragend ist. Es ging nicht so sehr um das, was ich da tat, auffällig war der Wirbel, der da darum gemacht wurde.

RUND: Es klingt ein wenig wie Carmen Thomas – das Warten auf „Schalke 05". Die „Bild am Sonntag" hatte am Samstagabend schon eine vernichtende Kritik der Moderatorinnenleistung gedruckt, die von Carmen Thomas live zu Beginn der Sendung vorgelesen wurde.
Anne Will: Genau, das ist die viel schönere Geschichte, finde ich. Das war wahnsinnig mutig von Carmen Thomas, die niedergeschrieben und fertiggemacht werden sollte, weil es offensichtlich mit den Fernsehgewohnheiten der Deutschen oder denen der „BamS“-Schreiber nicht überein zu bringen war, dass eine Frau das „Aktuelle Sportstudio“ moderierte. Hängen geblieben im Alltagsbewusstsein der Deutschen ist blöderweise aber nur „Schalke 05“.

RUND: Trotz der vielen Durchbrüche: Eine richtige Normalität sind Frauen im Sportjournalismus, speziell im Fußball immer noch nicht.
Anne Will: Meinen Sie wirklich? Im Hörfunk ist es Sabine Töpperwien, und neulich hörte ich eine andere Frau, deren Namen ich mir nicht gemerkt habe. Und das ist ja vielleicht ein gutes Zeichen, dass es keine solche Sensation mehr ist und man sich den Namen auf jeden Fall merken muss. Monica Lierhaus, finde ich, hat das doch ganz lässig gemacht. Nie hat jemand ihre Kompetenz in Zweifel gezogen.

RUND: Uns fällt allerdings keine Frau ein, die ein Spiel im Fernsehen kommentiert.
Anne Will: Die gibt es nicht. Aber ich frage mich gerade, ob das ein Geschlechterproblem ist, oder ob es um die Frage geht: Wer ist wie begabt wofür? Also: Kommentatoren sind immer umstritten. Niemand macht sich auf Dauer Freunde, das gab es noch nie. Insofern ist die Auslese natürlich auch eine schwierige. Das muss man erst einmal aushalten können, bis man sich dahin durchboxt.

RUND: Harald Schmidt hat sich mal beim Confederations Cup ein paar live übertragene Pressekonferenzen angeschaut und gesagt: So etwas hätte er noch nie erlebt, was sich da tut. Sie haben ja mal von Fernsehleuten als „eitlen Affen“ gesprochen. Können Sie verstehen, dass man sich darüber lustig macht?
Anne Will: Ja, selbstverständlich, aber das gilt ja nicht nur für Fußballpressekonferenzen. Das kriegt man ja zuweilen auch dargeboten, wenn auf „Phönix" die Bundespressekonferenz übertragen wird. Wo dann manch einer offensichtlich vor allem den Ehrgeiz hat, die Großmutter zu Hause zu grüßen, zwar nicht explizit verwortet, aber indem er extra lange im Bild bleibt und eine extralange Frage stellt. Das ist tatsächlich lustig.

RUND: Als „Tagesschau"-Sprecher Karl-Heinz Köpke mit Bart aus dem Urlaub kam, war die Republik in Aufruhr. Wenn Sie sich jetzt die Haare abschneiden würden, dann wüsste man, was am nächsten Tag die Titelzeilen füllen würde. Wie kommen Sie damit klar?
Anne Will: Damit plage ich mich nicht. Das ist auch nicht mehr so schlimm, wie bei Köpke. Damals gab es drei Programme. Da hatte auch die „Tagesschau" noch eine andere Wahrnehmung. Sie hat auch jetzt noch eine Riesenaufmerksamkeit, noch größer als die der „Tagesthemen". Es würde Arbeit machen, wenn ich mir jetzt die Haare abschneiden würde. Dann müsste ich die Autogrammkarten neu machen, dann müssten alle Pressefotos neu gemacht werden. Das macht Arbeit, nervt mich, will ich nicht. Aber das schlagendere Argument ist, dass ich mir gar nicht die Haare abschneiden lassen möchte.

RUND: Die Distanzlosigkeit wird im Fußball gerade zwischen Spielern und Fans diskutiert. Schalkes Keeper Frank Rost sagt, er will nicht von jedem immer angefasst werden.
Anne Will: Das verstehe ich gut. Das ist aber zum Glück nicht so, wenn man die „Tagesthemen" moderiert. Da ist mir ein Unterschied aufgefallen: Als ich noch im Sport moderierte und dann eben gelegentlich im Berliner Olympiastadion war, da kam das schon mal vor, dass mir jemand krachend auf die Schulter gehauen hat, dass ich fast die halbe Tribüne runtergesegelt bin. Da war natürlich eine totale Distanzlosigkeit. Damit konnte ich auch nichts anfangen. Also das war zwar oft sehr nett gemeint, und dann kann ich auch gut lachen, aber immer angefasst zu werden, ist schwer erträglich.

RUND: In der „Emma“ erinnern Sie sich an die WM 74, als die Familie beim Endspiel vor dem neuen Farbfernsehgerät aufgereiht saß und ein heißer Sommer herrschte. Wir erinnern uns an die Wassermassen beim Spiel gegen Polen in Frankfurt und schlechtes Wetter.
Anne Will: Echt? Ja, dann werfe ich offensichtlich zwei Sommer durcheinander. Aber ich erinnere mich an die offene Balkontür beim Finale. Ich muss gleich eine E-Mail an Jörg Kachelmann schreiben. Der weiß das bestimmt. Meine Eltern wohnen in einem Neubaugebiet, wo es so riesige Wiesen gibt, die für die Kinder zum Fußballspielen angelegt wurden. Und da gibt es einen Sommer da waren die Wiesen komplett verdorrt. Vielleicht war das 1976?

RUND: Das war in Hürth, wo jetzt Big Brother gedreht wird?
Anne Will: Ja, die Studios sind in einem anderen Teil von Hürth, im Gewerbegebiet. Das ist jetzt zu Berühmtheit gelangt. Und die Hürther ärgern sich immer wie verrückt, wenn irgendwo steht, das sei Köln-Hürth. Denn Hürth hat sich immer dagegen gewehrt, zu Köln zu gehören. Die haben relativ viel Industrie im Zuge des Braunkohleabbaus in der Gegend und deswegen ein relativ hohes Gewerbesteueraufkommen, das sie für sich behalten wollen. Deshalb haben sie bei allen Kölner Übernahmeversuchen wahrscheinlich so etwas gesagt wie: „Ihr habt sie ja nicht mehr alle.“

RUND: Der Deutsche Hockey-Bund sitzt auch in Hürth.
Anne Will: Ja, stimmt. Und das Bundessprachenamt.

RUND: Ist der 1. FC Köln Ihr Lieblingsverein?
Anne Will: Da drücke ich mich immer drum.

RUND: Auch Dortmund wird immer wieder genannt.
Anne Will: Dortmund ist falsch. Dortmund kam nur deshalb auf, weil die mir mal eine Aktie geschenkt haben, als ich aufgehört habe bei der Sportschau. Die hing bei mir im Büro an der Wand.

RUND: Die arbeiten ja mit allen Tricks.
Anne Will: Ja, ne? Jetzt habe ich sie ins Regal gelegt, weil ich immer danach gefragt wurde.

RUND: Haben Sie eine Ahnung, wie hoch deren Wert sein könnte?
Anne Will: Ich glaube, ich bin reich. Es ist geradezu leichtfertig von mir, sie zu verstecken. (lacht) Also: ein bisschen habe ich mich immer für Köln interessiert, und tu das auch noch. Und für Hertha BSC, weil ich zu denen am ehesten mal eine Beziehung aufgebaut habe. Aber ich werde nicht verrückt, wenn sie verloren haben.

RUND: Gehen Sie noch ins Berliner Olympiastadion?
Anne Will: Ich war ganz lange nicht da. Ich wollte immer mal. Ich habe das neue Stadion, so wie es jetzt ist, bislang noch nicht gesehen.

RUND: Und Hamburg ist keine Alternative?
Anne Will: Wenn ich in Hamburg bin, muss ich arbeiten. Dann habe ich nicht die Zeit dazu. Wo ich aber unbedingt mal hin will, ist zum Millerntor.

Interview Matthias Greulich und Martin Krauß.

Das Gespräch ist in der RUND-Ausgabe # 7_02_2006 erschienen.


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