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FUSSBÄLLE
Von Büchsen und Schweineblasen
Als Lederbälle unerschwinglich waren, mussten Straßenfußballer kreativ sein, um Ersatz zu finden.Von Fabian Brändle.

 Fußball
Unerschwingliche Lederbälle. Foto Sebastian Vollmert

 

Wer Afrika bereist, ist erschüttert von der Armut eines ganzen Kontinents. Nicht zuletzt kickende Kinder machen dem Besucher und der Besucherin die allgemeine Not sinnfällig. Barfuß passen und dribbeln die Kinder, die Tore sind alt, rostig und improvisiert, der Platz ist oft staubig, die Bälle sind zusammengebastelt aus Socken und Wollknäueln.

Man muss indessen nicht allzu weit zurückblättern im Buch der Geschichte, um festzustellen, dass auch unsere unmittelbaren Vorfahren in einer Knappheitsgesellschaft gelebt haben. Dies galt besonders für die Weltwirtchaftskrise (1929-1939) und die Kriegs- sowie die unmittelbaren Nachkriegsjahre. Natürlich gab es zu allen Zeiten Reiche, damals in der Mehrheit Kaufleute, Politiker, Industrielle, Professoren, Chefbeamte, Adlige, Anwälte oder Ärzte. Aber die Mehrheit der Bevölkerung musste buchstäblich jede Mark umdrehen, um über die Runden zu kommen. Reserven konnten kaum angelegt werden. Dies galt verschärft für die erwähnten Krisenzeiten wie Kriege oder eine wirtschaftliche Depression, wie sie Europa und die ganze Welt als "Weltwirtschaftskrise"/”Great Depression” während der 1930er-Jahren heimgesucht hat.

Kein Wunder also, wenn die fußballbegeisterten urbanen Straßenfussballer sich einiges einfallen lassen mussten, um ihrem favorisierten Hobby zu frönen. Denn wer konnte sich schon einen teuren "originalen" Lederball leisten? Zudem gingen diese unerschwinglichen Lederbälle auf dem Asphalt schnell kaputt. Leder war in Kriegszeiten rationiert, denn es diente der Rüstung (Uniformen etc.)

So ersannen sich die Knaben in Zeiten des Mangels allerhand Ballersatz.

Die Zürcher Knaben aus dem Arbeiterquartier Aussersihl, die nachweislich schon während der 1890er-Jahren auf Straßen und Hinterhöfen kickten, verwendeten statt Bällen Blechbüchsen, Konserven. Um ihr Schuhwerk nicht zu ruinieren, spielten die Knaben „bluttfuss“, barfuß also. Daher verletzten sie sich oft am Metall, das scharfkantig sein konnte.

Manchmal war nicht einmal eine leere Blechbüchse zur Hand. Dann behalf man sich mit Steinen, wie dies der Bauernsohn Martin Meier und seine Freunde im ländlichen Bayern der 1920er- und 1930er-Jahre taten

„Auf den Schulwegen spielten die Buben gerne Fussball. Doch statt mit Lederbällen kickten sie mit Steinen, die damals massenhaft auf den Strassen lagen. Am liebsten übten sie gegenseitiges Zuspielen entlang der Strassenränder. Mittelgrosse, möglichst runde Steine eigneten sich dazu am besten. Scharfe Schüsse landeten mitunter an Schienbeinen und Waden. Das war dann das vorläufige Ende des Trainings. Doch am nächsten Tag ging's weiter. Verdächtige Schrammen an den Schuhkappen schmierte man mit schwarzer Schuhwichs ein. Man wollte Vaters Blutdruck nicht unnötig steigen lassen.“

Auch im Greven (Münsterland) der 1940er- und frühen 1950er-Jahre war noch kein Geld vorhanden für einen Lederball. Wilhelm Schröder erinnert sich in in seinen humorvollen Kindheitserinnerungen „Als Pullover noch mitwuchsen und Strümpfe gestopft wurden“:

„Einen Fussball, einen richtigen, hatten wir natürlich nicht, oft musste eine  Blechdose herhalten. Ballbesitzer liessen uns oft gnädig mitspielen -  zum Glück ist Fussball ja ein Mannschaftsspiel.“

Wer einen richtigen Ball besaß, galt etwas in der Straße und im Quartier. Um gute Bälle entspannen sich daher auch Konflikte. So erhielt die Bochumerin Karin Dunkel-Foltmann, geboren im Jahre 1941 als Tochter eines vor 1933 sozialdemokratischen Bergmanns, einst zum Geburtstag einen Gummiball geschenkt, mit dem sie selbstvergessen spielte, als eine Gruppe Jungs ihr diesen Ball frech entriss, eine Runde Fussball spielte und dann den kaputten Ball retournierte, sehr zum Ärger des Mädchens, das vor Zorn kochte.

Polizisten, die gegen lärmende Straßenkicker einschritten, konfiszierten zudem oft die Bälle, ja zerschnitten sie mutwillig. Nicht zuletzt deshalb waren die Hüter von Recht und Ordnung meistens unbeliebt in den Arbeiterquartieren. In Manchester beispielsweise revanchierten sich die lokalen „lads“, indem sie den Polizisten in unbeaufsichtigten Momenten die Uniformhüte zerschnitten: Auge um Auge, Zahn um Zahn!

Für die Schweiz und auch für Mainfranken (Würzburg) sowie Wiesbaden lassen sich in einigen Städten Tennisbälle als Spielgerät nachweisen. Diese waren viel billiger als Lederbälle und deshalb erschwinglich, recht robust und passten gut in jene Dolen, die den Wettkämpfern als Tore dienten. Die Knaben suchten das Umfeld von Tennisplätzen ab, um an die begehrten gelben Bälle zu gelangen. Dass man manchmal einen solchen Tennisball auch stibitzte, gehörte einfach dazu, so wie man auch Äpfel und Birnen beim Nachbarn klaute, um den Hunger zu stillen.

Im Ruhrgebiet der unmittelbaren Nachkriegszeit scheinen jedoch Tennisbälle unbekannt gewesen zu sein. Der Berginvalide Vinzenz Tomiczek, Jahrgang 1910, erinnerte sich Ende der 1970er-Jahre in einem Interview mit einem Soziologen:

„Wie wir aus der Schule kamen, dann Schularbeiten gemacht oder auch nicht, und dann haben wir gleich gespielt. Aber nicht so wie heute, mit einem richtigen Ball; da wurden Bälle gemacht mit Heu und Lappen drin. Die Hauptsache war, dass wir was hatten, wo wir gegentreten konnten.“

Und der ehemalige Star des einst sehr erfolgreichen Oberligisten SV Sodingen 1912, einem Club aus einem Vorortquartier Hernes, Hans Artin, geboren um 1925, gab in einem Interview mit zwei Historikern Folgendes zu Protokoll:

 „Die haben heute Bälle, die haben Stutzen, die haben Fußballschuhe. Wir haben Stoffresten zusammengesucht, zusammengebunden, zusammengenäht und haben damit Fussball gespielt – Lumpenball.“

Artins Vereinskollege, die Clublegende Johannes "Hännes" Adamik (1925-2005), entsinnt sich, dass dem Oberligaverein SV Sodingen in den frühen 1950er-Jahren nur gerade drei richtige Bälle zur Verfügung standen! Einmal habe der Obmann während eines Spiels den Ball viermal flicken müssen! Das Reparieren von Kleidern und anderen Dingen des täglichen Gebrauchs gehörte damals zum Alltag, und viele Frauen und Männer waren wahre Meister im Reparieren.

Dazu der in Korswandt auf Usedom aufgewachsene, im Jahre 1934 geborene spätere Maurer und Bauingenieur Manfred Blunk:

„Ich hatte einen Fussball, woher, weiß ich nicht mehr. Die Lederhülle müsste ich öfter reparieren, weil manche Nähte nicht mehr hielten. Die Gummiblase habe ich über einen Nippel abgebunden, in die Hülle gesteckt und mit einem Lederband den Hüllenschlitz zugeschnürt. Aber wenn ich mich beim Aufblasen auch noch so anstrengte, der Ball war nur eine weiche Pflaume. Als ich einmal beim Verschnüren des Schlitzes mit der Ballnadel abrutschte, zerstach ich die Blase und musste von da an in die Hülle Heu stopfen.“

So gesehen waren die Matchballspenden, die in der Schweiz noch in den frühen 1990er-Jahren vor einem Spiel per Lautsprecher als Werbung für eine einheimische Firma bekanntgegeben wurden, mehr als nur eine großzügige Geste.

 „Lumpenbälle“, wie sie der ehemalige Sodinger Strassenkicker Artin beschrieben hat, gingen natürlich relativ schnell kaputt. Da kam keine rechte Freude auf! Deshalb bedeuteten aus Schweinsblasen gefertigte Bälle bereits einen gewissen Fortschritt. Noch bis in die 1960er-Jahre hinein hielten sich die meisten Familien ein Schwein, das, gefüttert mit Kartoffelschalen, Kohlstrünken und Rübenblättern, im Herbst geschlachtet wurde. In der Schweiz war und ist dieser Brauch als „Metzgete“, in Deutschland als „Schlachtfest“  bekannt. Dann gab es für einmal Fleisch im Überfluss. Alles wurde verwertet, auch Innereien (Kutteln, "Leberli"; "Nierli") und das Blut (Blutwürste). Dazu nochmals der Grevener Wilhelm Schröder:

„Einige Wochen nach dem Schlachtfest gab es für uns Kinder einen Ball. Die Schweineblase wurde am Schlachttag aufgepumpt und zum Trocknen aufgehängt. War sie trocken, diente sie uns Kindern als Fussball, denn einen richtigen Fussball besaßen wir lange Zeit nicht.“

Der Nonkonformist und Professor für Kunst und Theorie, Klaus Theweleit, geboren 1942 in Ostpreußen und nach der Flucht der Familie in Norddeutschland (Husum) aufgewachsen, mag sich ebenfalls an Schweineblasen als Ballersatz erinnern.   

„Fußballerisch  ist die Schweinsblase Wunder und Handicap zugleich. Perfekt und untadelig, wenn sie in eine Lederhülle gesteckt werden kann, die ihr Form und Gewicht gibt. Ohne solche Hülle ist sie nicht rund, sondern oval und zu leicht. […] Die Knotenstelle, relativ schwerer als die Restblase, sorgt zudem für ständiges Ungleichgewicht. Die Blase eiert beim Fliegen, taumelt und torkelt durch die Luft wie ein Luftballon. […] Die Schweinsblase ebnet die Unterschiede zwischen den Spielern ein. Niemand kann einen satten Schuss mit ihr abgeben.“

Lederbälle waren auch für Klaus Theweleit und seine Husumer Freunde unerschwinglich. Sie behalfen sich nicht nur mit Schweinsblasen, sondern auch mit Gummibällen. Diese waren aber zumindest zu Beginn sehr verletzlich:

„Ein simpler Rosendorn konnte sein Ende bedeuten. Ein unglücklich liegender Nagel, ein Fahrradschutzblech, die Ecke eines Spatens, die Stacheldrahtzäune und die überall weidenden Schaf- und Kuhgruppen ebenso. Das Lebensglück eines frischen Gummiballs währte oft nicht mehr als paar Stunden.“

Die Gummibälle der Mädchen hielten gemäß den Erinnerungen Klaus Theweleits in der Regel länger. Denn sie kickten nicht, sondern warfen sich die Bälle lediglich brav zu.

Schlaue Gummiballfabrikanten waren in der Zwischenzeit auf die Idee gekommen, Design und Größe des "originalen" Lederballs zu imitieren. Um 1960 herum dann tauchten zur Begeisterung der Knaben die ersten Plastikbälle auf. Sie waren gut zu kontrollieren, animierten zum Balltanz und zur Jonglage.

Die billigen Plastikbälle hatten aber auch ihre Tücken, wie sich Hans Kägi aus dem Zürcher Dorf Bubikon an die 1960er Jahre erinnert. Sein Quartier bot den Buben nicht genügend Grünfläche, um Fussball zu spielen. Im Blumenfeld-Quartier fanden sie “eine derart grosse Spielwiese, dass wir Buben darauf ein kleines Fussballfeld einrichten konnten. Stecken und Kleidungsstücke bildeten die Torpfosten – Querlatten, Tornetze oder gar Ballfanggitter gab’s allerdings nur in der Phantasie, so dass nach beinahe jedem Schuss aufs Tor ein mühsames Herbeischaffen des Balls unumgänglich war.”

Der Bauer und Landbesitzer sah es natürlich nicht gerne, wenn die Buben ständig das Gras nieder trampelten. Um es zu schützen, stellte er hinter dem einen Tor einen gut meterhohen, massiven Metallzaun auf, dessen Vertikalstäbe am oberen Ende zugespitzt waren. Dazu nochmals Kägi:

“Zu jener Zeit wurden im Handel die ersten leichten Kunststoffbälle angeboten, deren Erwerb für uns, trotz ihres relativ günstigen Preises, kein Pappenstiel war. Flog nun ein solcher Ball auf eine solche Spitze, so war sein Leben oft ausgehaucht, sein Pfuus verpufft und damit das Fussballspiel zu Ende. Dies zumindest solange, bis irgend jemand wieder einen Ersatzball herbeischaffen konnte, was gar nicht so einfach war, da nicht jeder Bube über einen solchen verfügte. Einzelne Kinder wollten oder durften von zu Hause aus weder einen Ball noch ein anderes Spielzeug mitnehmen, damit ihre eigenen Sachen möglichst lange unversehrt blieben. In der Regel waren es aber genau jene Kinder, die mit dem Spielzeug anderer Familien nicht gerade zimperlich umgingen und sich erst noch – manchmal gar schadenfreudig – amüsierten, wenn wieder mal ein Gegenstand eines Spielgefährten kaputt ging.”

Lederbälle waren in den 1960er Jahren zwar erschwinglicher als in früheren Jahrzehnten, die Löhne waren auch gestiegen. Aber:

“Nicht lange hielt beispielsweise auch ein Lederball, den ich eines Tages von meinem Ersparten für wenige Franken beim Keller-Uhlmann, einem Kaufhaus in Rapperswil, posten durfte. Die Nähte des aus echtem Leder gefertigten Balls sogen sich bei feuchter Wiese mit Wasser voll und rissen bald einmal. Der sonst schon nicht ganz runde Ball wurde dadurch noch unförmiger und die rote Gummiblaatere quoll aus der defekten Stelle. Eine einfache Notreparatur half dann, das Leben des Balls etwas zu verlängern: Luft ablassen, ein Stück Stoff oder einen kleinen Lederblätz vom Sattler Brunschweiler unter die gerissene Naht schieben und den Ball wieder aufpumpen. Runder wurde er dadurch zwar auch nicht, aber wir konnten ihn wenigstens wieder benutzen.”

 

 

Behnken, Imbke. Urbane Spiel- und Straßenwelten. Zeitzeugen und Dokumente über Kindheit am Anfang des 20. Jahrhunderts. Weinheim und München 2006.

Blunk, Manfred. Memi. Kindheitserinnerungen an Korswandt. Berlin 2009.

Brändle, Fabian. Tennisbälle, Dolen und zerbrochene Scheiben. Zur Geschichte des Schweizer Strassenfussballs vor dem Zeitalter des Automobils (1920-1945). In: Sportzeiten. Sport in Geschichte, Kultur und Gesellschaft 3/2007, S. 7-20.

Dunkel, Karin. „Knickelwasser“. Eine Geschichte von der „Kreta“. Bochum 2007.

Frösch, Helmut. Mein Würzburg. Erinnerungen an die Jahre 1928-1950.  Würzburg 2011.

Hügi, Josef. Ein Fussballer erzählt. Basel 1961.

Kägi („Chägi“), Hans. Im Hüebli. Erinnerungen 3 (1961 – 1965). Bubikon ohne Jahr.

Läser, Erwin. Läsi. Erinnerungen aus meiner Bubenzeit: Illustrationen von Walter Greub. Wallisellen 1993

Lindner, R./H. Th. Breuer. „Sind doch nicht alles Beckenbauers“. Zur Sozialgeschichte des Fussballs im Ruhrgebiet. Frankfurt am Main 1979.

Meier, Martin. Das war Armut. Landleben in den 20er und 30er Jahren. 2 Bände. München 2005.

Schröder, Wilhelm. Als Pullover noch mitwuchsen und Strümpfe gestopft wurden. Erinnerungen an meine Kindheit im „Größten Dorf im Münsterland, Greven 1943-1957. Dülmen 2009.

Straub, Rued. Öppe so isch’s gsi. Gielezyt am Obschtbärg. Bern 2001

Theweleit, Klaus. Tor zur Welt. Fussball als Realitätsmodell. Köln 2005.

 



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