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ABSCHIED
Entrückt in Wembley
15 Jahre lang war er Bundestrainer: Joachim Löw wurde nach dem Aus der deutschen Elf gegen England kritisiert. Der 61-Jährige hat die Nationalelf zum Positiven verändert, doch am Ende konnte er kaum noch Impulse setzen

 Jogi LöwSympatheträger: Jochim Löw bei einem Werbetermin. Foto: Carsten Vitt

 

Finale in Wembley, aber anders als es sich die Fans der deutschen Nationalelf vorgestellt hatten. Am vergangenen Dienstag flog der leichte Favorit bei den Tipps für Sportwetten aus dem EM-Turnier. In Wembley blieb die DFB-Auswahl gegen England recht blass, die Three Lions schienen es vor einem entfesselten Publikum mehr zu wollen.

Und dass die Niederlage den Abschied von Joachim Löw bedeutete, sahen alle, die den Bundestrainer bei der Pressekonferenz und den Interviews nach dem Abpfiff ins müde wirkende Gesicht sahen. 15 Jahre hatte der 61-Jährige die Geschicke der Mannschaft verantwortet, zuvor war er bereits zwei Jahre Assistent von Joachim Klinsmann gewesen.

Jogi, wie ihn alle nannten, machte sich nächtelang Gedanken um die richtige Taktik, während Klinsmann als Motivator glänzte. 2008, als das Weiterkommen bei der EM in Österreich und der Schweiz auf der Kippe stand, war seine Zukunft nicht gesichert. Doch Löw und sein Team zogen ins Finale ein, wo sie an Spanien scheiterten. 2010 in Südafrika begeisterte die DFB-Auswahl eine überraschte Weltöffentlichkeit mit frischem Offensivfußball. Vier Jahre später gewann das Team den Weltmeistertitel und der Bundestrainer auf dem Höhepunkt. Bei der EM in Frankreich 2016 zog Deutschland wieder ins Halbfinale ein. Zwei Jahre später folgte das Debakel in Russland als der Weltmeister in der Vorrunde ausschied.

Der sympathische Löw wirkte in den vergangenen Jahren zunehmend entrückt. Mit den Niederungen des Tagesgeschäftes mochte er sich nicht mehr befassen. Zuviel hatte er in seiner Karriere erlebt, um alles im Fußball in Interviews kommentieren zu müssen. In einem Verband, bei dem das Chaos herrscht, bestimmte der bekannteste Angestellte des Deutschen Fuball-Bundes nun selbst, wann er aufzuhören gedenke. In diesem Sommer, nach der Europameisterschaft, solle Schluss sein, gab er im März bekannt.

Die Taktik mit Dreierkette und zwei extrem hoch stehenden Außenverteidigern brachte keine erkennbare Stabilität. In jedem der vier Turnierspiele geriet die Elf in Rückstand. Gegen Portugal zeigte das Team immerhin eine grandiose Aufholjagd, gegen Ungarn zwang man das Glück noch einmal. Aber dann waren die Körner gegen England aufgebraucht. Die sichere Möglichkeit zum Ausgleich hatte Thomas Müller vergeben, der das Rundleder am englischen Tor vorbeischoss. Ihn hatte Löw zum Turnier zurückgeholt. Das, was der Bayern-Profi zur taktischen Ausrichtung beim Turnier sagte, war alles andere als ein Lob in Richtung Bundestrainer. „Mit unserer Bestrebung, durch eine eher abwartende, kompakte Defensivstrategie ohne Gegentor zu bleiben, sind wir de facto gescheitert.“

Joachim Löw blieb auch nach dem unschönen Ende in Wembley ein fairer Verlierer. Mit seiner Art, Fußball spielen zu lassen, hat er dem deutschen Fußball neue Welten erschlossen. Dass eine deutsche Elf nicht nur tugendhaft kämpfte und grätschte, sondern für Spielfreude stand, brachte ihm weltweit Sympathien ein.



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