Zurück  |  

THEMENWOCHE
„Die Tür ist nicht zu“
Die letzten anderthalb Jahre waren schlimm für den Fußballer Thomas Hitzlsperger. Er verpasste die WM, weil er in Stuttgart und bei Lazio Rom nur wenig zum Einsatz kam. Nach seinem Wechsel zu West Ham United war er über ein halbes Jahr verletzt. Den Abstieg des Klubs aus der Premier League konnte der Mittelfeldspieler nicht verhindern. Interview Matthias Greulich

 

Thomas Hitzlsperger

Im East End: Thomas Hitzlsperger fühlt sich pudelwohl in London Foto Heiko Prigge

 

 

Herr Hitzlsperger, seit dem vergangenen Sommer sind Sie in London. Wie waren die Reaktionen in England nach der WM-Niederlage gegen Deutschland?

Thomas Hitzlsperger: Es blieb sehr ruhig. Man hätte den Ruf nach dem Videobeweis erwartet, weil ein englisches Tor nicht anerkannt wurde. In England hat aber ein Umdenken stattgefunden. Es gab Respekt für unser Spiel. Die stereotypen Klischees, dass die Deutschen alles mit brachialer Gewalt machen, waren nicht zu hören. Es wurde anerkannt, dass es bei uns viele junge, technisch begabte Spieler gibt, die einen Gegner auch mit Kombinationsspiel bezwingen können. Sie müssen nicht erst in der 90. Minute das Spiel drehen, weil sie einfach an sich glauben und eine Turniermannschaft sind, sondern sie können auch Spiele anders gewinnen. Da hatte sich in den vergangenen Jahren schon ein bisschen was verändert bei uns, aber das Spiel gegen England hat noch mal einen draufgesetzt.

Wo haben Sie das Spiel gesehen. Schon in England?
Ich habe es zuhause in Deutschland geschaut. Ich glaube, einen Tag vorher war ich in England und habe den Vertrag unterschrieben.

Wird von den Deutschen in England erwartet, besonders diszipliniert zu sein?
Es wird nicht erwartet, aber es ist eine Eigenschaft, die die Engländer an uns schätzen und auch mit Deutschland verbinden.

Der Grundkonsens in England ist aber die Höflichkeit.
Genau. Höflichkeit ist den Leuten wichtig. Ob sie in einer Autoschlange den anderen reinlassen oder sich an der Bushaltestelle in eine Reihe stellen. Eine andere Beobachtung von mir: Die Engländer entschuldigen sich einfach häufiger als es eigentlich notwendig wäre. Und was mir auch gefällt: Selbst wenn es den Leuten hier gerade mal nicht so gut geht und sie keine einfache Zeit haben: Sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie haben den Mut, immer wieder etwas Neues anzupacken.

Wie ist es für Sie, ein Spiel der Nationalelf verletzt im Fernsehen zu schauen?
Als ich nicht dabei war, habe ich die Spiele trotzdem gesehen. Aber es ist nicht einfach. Bei der WM nicht dabei zu sein, weil ich in Italien kaum gespielt habe, das war schwer – das muss ich zugeben. Und dann läuft es noch gut, es kommen viele neue junge Spieler nach und ich frage mich, wo kann künftig mein Platz sein. Trotzdem habe ich mich über den Erfolg riesig gefreut. Und aus der Erfahrung heraus weiß ich, dass der Bundestrainer meine Qualitäten schätzt, dass die Tür für mich bei der Nationalmannschaft nicht zu ist. Es gibt weiterhin die Möglichkeit für mich, zurück zu kommen. Aber ich muss einfach noch härter trainieren, noch besser werden, sonst könnte es das gewesen sein. Mein Ehrgeiz ist jedenfalls weiterhin groß. Mein Ziel ist es, für den Verein konstant gute Leistungen zu bringen und in der für uns wichtigen Situation meine Aufgaben zu erfüllen. Und dann muss ich sehen, was sich für mich in der Nationalmannschaft ergibt.

Wie haben sie Ihre Verletzung beim Länderspiel gegen Dänemark in Kopenhagen erlebt?
Ich habe immer mal wieder gespürt, dass ich leichte Probleme habe und dachte es sei eine Muskelverletzung. Dass es die Sehne ist, konnte trotz guter Betreuung medizinisch nicht festgestellt werden. Bis sie dann eben gerissen ist und damit die Beschwerden eindeutig waren. Das wäre früher oder später ohnehin passiert. Sie war offenkundig schon angerissen und wurde ständig strapaziert. Zumal es links war und ich viel mit links schieße.

Mit wem halten Sie regelmäßig Kontakt bei der Nationalelf?
Mit Arne Friedrich habe ich guten Kontakt und mit Mario Gomez spreche ich ab und zu.

Wird die Elf wegen der Spieler mit Migrationshintergrund sympathischer wahrgenommen?
Das trägt dazu bei. In England wird natürlich dieser Wandel wahrgenommen. Dabei spielt auch eine gute Mischung zwischen erfahrenen und jungen Spielern eine Rolle. Das Entscheidende ist aber nur die Leistung und der sportliche Erfolg – das stimmt seit Jahren bei uns.

In Stuttgart haben Sie außerhalb der Stadt gewohnt. Jetzt in der Metropole.
Irgendwie mag ich beide Welten. Weil ich auf dem Bauernhof groß geworden bin, weiß ich die Ruhe sehr zu schätzen. Und doch habe ich über die Jahre auch ein Interesse an der Großstadt entwickelt. Ich fühle mich hier pudelwohl. Momentan kann ich mir nichts Besseres vorstellen als London.

Wenn Sie Besuch von der Familie oder Freunden haben, machen Sie eine Tour mit ihnen?
Für sie ist das  eine schöne Abwechslung. Sie kommen aber vorrangig, um mich spielen zu sehen. Wenn wir aber noch Zeit haben, schauen wir selbstverständlich die eine oder andere Sehenswürdigkeit an.

Ist es ungewöhnlich im East End zu wohnen für einen Profi von West Ham?
Unser Trainingsplatz und auch das Stadion sind im Osten, draußen weit vor der Stadt. Es wäre daher sinnlos gewesen für mich, anderswo zu wohnen. Es tut sich viel in dieser Gegend, vor allem weil die Olympischen Spiele 2012 hier im Osten Londons stattfinden werden.

Wie wurde die deutsche Nationalelf in Italien gesehen?
Die Spieler haben mich oft gefragt, wie es in Deutschland ist und ob ich sie nicht in die Bundesliga bringen kann. So nach dem Motto: „Die Liga ist gut. Kannst du da nicht irgendwas einfädeln für mich?“ Andererseits finde ich die italienische Liga nicht so schlecht, wie sie gemacht wird. Ein Kollege von mir sagte heute: „Italian Football is shit!“. Das sehe ich anders. Sie ist jedoch unattraktiv, weil die Stadien zumeist alt und selten voll besetzt sind. Ich finde, dass es in Italien viele gute Spieler gibt. Wenn ich auf die Zeit in Italien zurück blicke, denke ich gerne an den Zusammenhalt im Team. Den fand ich super. Etwa wie die Mannschaft im Abstiegskampf reagiert hat. Der Präsident hat uns für eine Woche ins Trainingslager geschickt und hat uns noch einen Psychologen mitgeschickt. Die Mannschaft hat das aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt, und das wurde dann akzeptiert. Da waren viele Typen dabei, wie ich sie in keiner Mannschaft zuvor gesehen habe. Wir sind auch abends zusammen zum Essen gegangen. Es war wichtig für uns, Spaß zu haben und gleichzeitig seriös zu arbeiten. Da habe ich viel Neues kennen gelernt. Leider war es für mich unterm Strich jedoch sportlich nicht erfolgreich. Nun hoffe ich, dass es in England wieder besser läuft, gerade weil die vergangenen Monate hart waren und durch die Verletzung ein Rückschlag gemeistert werden musste.



Zurück  |