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INTERVIEW
„Heilung beginnt im Kopf“
Der 36-jährige Otto Addo war Fußballprofi und trainiert heute die A-Jugend des Hamburger SV. Vor acht Jahren, im September 2003, schoss er im Uefa-Cup gegen Austria Wien trotz Kreuzbandriss ein Tor. Interview Daniel Jovanov

 

Otto Addo
Inzwischen trainiert er die A-Jugend des Hamburger SV: Otto Addo,
Profi bei Hannover 96, Borussia Dortmund, Mainz 05 und dem HSV
Foto Pixathlon

 

Herr Addo, schmerzt das operierte Knie noch?
Otto Addo: Wenn ich länger zu Fuß unterwegs bin auf jeden Fall. Sport versuche ich zu vermeiden, da das Knie danach meist anschwillt. Ich kenne allerdings auch keinen ehemaligen Fußballer, der nach seiner Karriere vollkommen beschwerdefrei ist. Das ist der Preis, den man zahlt.

Können Sie ihren Spielern noch was vormachen?
Addo: Ja, hin und wieder klappt das.

Erinnert Sie der Schmerz an das Tor vom September 2003?
Addo: An dieses Moment erinnern mich meine Schmerzen eher weniger. Natürlich war das Tor etwas Besonderes, aber gleichzeitig auch eine extrem unglückliche Geschichte für mich.

Wie kam es im Spiel gegen Austria Wien zu dieser Verletzung?
Addo: Bei einem Zweikampf um den Ball haben mein Gegenspieler und ich zur Grätsche angesetzt. Dabei trifft er mein gestrecktes Bein, sodass mein Knie komplett durch geknickt ist. Ich habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt und habe mich dann an der Seitenlinie behandeln lassen. Ich wollte es aber nicht wahrhaben und trotz Empfehlung des Mannschaftsarztes draußen zu bleiben, bin ich noch mal ins Spiel gegangen.

Haben Sie den Riss gehört?
Addo: Das ist ein ganz bestimmtes Geräusch, dass ich von den Knieverletzungen zuvor kannte. Es hört und fühlt sich in etwa so an, als würde man zwei Knochen gegeneinander reiben. Mir war klar, dass es das Kreuzband ist.

Wie verlief die Kommunikation mit der Bank?
Addo: Der Trainer fragte mich ob ich noch weiterspielen kann, woraufhin ich mich auf den Weg zur Mittellinie machte. Die Ärzte haben versucht mich davon abzuhalten. Ich habe mich quasi selbst wieder eingewechselt.

Sie haben dann kurze Zeit später angezeigt, dass es nicht mehr weitergeht. Dann läuft der Konter über Lars Ricken. Was ging in diesen Augenblicken in Ihnen vor?
Addo: Ich habe in diesem Moment nur an die Mannschaft und den Verein gedacht. Wir befanden uns mit Borussia Dortmund in der Krise, da wir in der Bundesliga ziemlich weit unten in der Tabelle standen. Auch wegen der finanziellen Probleme war das Weiterkommen im Uefa-Cup sehr wichtig. Außerdem bin ich ein Typ, der immer gewinnen will.

Wie haben Sie es überhaupt geschafft weiterzulaufen?
Addo: Wenn man sich verletzt merkt man sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Körper pumpt automatisch Blut zur betroffenen Stelle, sodass mein Knie rasch anschwoll. Bei einem Kreuzbandriss verliert man die Kontrolle über den Unterschenkel, da das Knie das Körpergewicht nicht mehr tragen kann. Ich glaube, dass mein Ehrgeiz, das Adrenalin im Körper und Wut im Bauch mich weiterlaufen ließen.

Nachdem Lars Ricken Sie dann am Strafraum anspielte, haben Sie ihren Gegner noch mit rechts aussteigen lassen und mit links aufs Tor geschossen. Wie weh hat das getan?
Addo: Der ganze Druck lastet beim Schuss auf dem Standbein. Das war in dem Fall mein verletztes rechtes Bein. Das hat unglaublich weh getan. Ich habe schon vor dieser Szene angezeigt, dass ich raus muss, bin aber noch auf dem Feld geblieben, weil ich die Mannschaft nicht in Unterzahl weiterspielen lassen wollte, wobei wir sowieso schon ein Mann weniger waren.

Haben Sie im Nachhinein mit Ricken noch einmal über diese Szene gesprochen?
Addo: Da von der Verletzung bis zum Tor keine drei Minuten vergingen, wusste Lars nicht, dass ich mich schwer verletzt hatte.

Was hat Ihr Trainer Ihnen danach gesagt?
Addo: Matthias Sammer ist jemand, der seine Karriere aufgrund von Verletzungen beenden musste. Daher ging ihm das sehr nahe. Er hat nur den Kopf geschüttelt und konnte sich über das Tor nicht freuen.

Verstehen Sie heute, was damals in Ihnen vorgegangen ist?
Addo: Wie gesagt: Ich glaube, dass man in solchen Momenten gar nicht nachdenken kann. Es passiert einfach automatisch. Wir mussten das Spiel einfach gewinnen und ich wollte es nicht wahrhaben, dass ich mich wieder verletzt hatte.

Sie und Norbert Dickel sind für die Fans von Borussia Dortmund Helden, weil Sie trotz Verletzung quasi bis zum Umfallen alles für den Verein gegeben haben. Sehen Sie das auch so?
Addo: Damit tue ich mich ein bisschen schwer. Das Problem ist doch, dass ganz viele Dinge einfach nicht gesehen werden. Es gibt unzählige Spieler, die genau dasselbe getan hätten an meiner Stelle. Wenn Spieler im Training oder bei Freundschaftsspielen alles geben und sich verletzten, kriegt das kein Mensch mit. Bei mir war es nun mal so, dass es vor großem Publikum passiert ist. Durch diesen Umstand wurde dieser Geschichte soviel Aufmerksamkeit geschenkt. Spieler in unterklassigen Vereinen spielen für wenig bis gar kein Geld und halten ihre Knochen trotzdem hin. Ich sehe das nicht so sehr als Heldentat.

Wie haben Sie es überhaupt geschafft, mit drei Kreuzbandrissen umzugehen?
Addo: Ich habe von allen Seiten immer sehr viel Zuspruch bekommen. Das hat mir die Kraft gegeben nie aufzuhören. Eine Geschichte ist mir da noch ganz besonders in Erinnerung geblieben. Als ich mich mal mit Tony Baffoe zum Essen verabredete und auf Krücken laufend das Restaurant betrat, hatte Baffoe alle damaligen afrikanischen Spieler aus der Bundesliga eingeladen und mich damit überrascht. Solche Momente haben mich aufgebaut.

Haben Sie dennoch jemals daran gedacht vorzeitig aufzuhören?
Addo: Nicht eine Sekunde.

Wären die Verletzungen durch vorbeugende Trainingsmaßnahmen vermeidbar gewesen?
Addo: Ich hätte einiges sicher besser machen können. Da spielen allerdings sehr viele Faktoren eine Rolle, nicht zuletzt das persönliche Schicksal. Man sollte als Spieler dennoch versuchen das Verletzungsrisiko gering zu halten. Das tut man dadurch, indem man sich gesund ernährt und verantwortungsbewusst trainiert. Nichtsdestotrotz ist jeder Mensch und jeder Körper verschieden.

 

Otto Addo
2006 gegen Mexiko: Otto Addo trug 15-mal das Trikot der ghanaischen Nationalelf
Foto Pixathlon

 

Heute sind Sie Trainer der A-Junioren beim Hamburger SV. Wie bewerten Sie das Tor rückblickend als Trainer?
Addo: Als junger Spieler ist man natürlich noch etwas naiv und glaubt, dass einem nichts passieren kann. Ich versuche meine Spieler dafür zu sensibilisieren diszipliniert im Umgang mit sich selbst zu sein. Ich hatte das Glück, dass ich mich nicht schon am Anfang meiner Karriere so schwer verletzt habe.


Wie helfen Sie Spielern, die sich schwer verletzen?
Addo: Es ist bewiesen, dass die Heilung schon im Kopf beginnt. Ich bin für meine Spieler in gewisser Weise ein lebendes Beispiel dafür, dass man es wieder zurück auf den Platz schaffen kann. Man muss positiv denken, an sich glauben, und hart und diszipliniert dafür arbeiten. Ich habe mir damals kleine Etappenziele gesetzt. Jeder noch so kleine Erfolg bringt einen Spieler weiter.

Haben Sie sich jemals die Frage gestellt, warum es gerade Sie trifft?
Addo: Nein, denn dass ich überhaupt Fußballer geworden bin, ist schon ein großes Geschenk. Alles was danach kam, konnte mich nicht mehr zerbrechen. Ich habe immer versucht das Ganze zu sehen und das war für mich immer ein sehr großes Glück.

Kommen wir noch zu einem anderen Thema. Erinnern Sie sich an Ihren Auftritt im „Aktuellen Sportstudio“ und die Frage des Moderators Rudi Cerne?
Addo: Ehrlich gesagt habe ich die Frage schon wieder vergessen.

Er fragte Sie damals, welche Hautfarbe Sie sich aussuchen würden, wenn Sie die Wahl hätten.
Addo: Stimmt, jetzt erinnere ich mich. Das war natürlich sehr unüberlegt von ihm. Ich habe geantwortet, dass ich es schade finde, dass man sich im 21. Jahrhundert noch darüber unterhält.

Was würden Sie ihm heute antworten?
Addo: Wenn ich mehr Zeit zum Nachdenken gehabt hätte, wäre meine Antwort womöglich noch kritischer ausgefallen.

Hat sich Cerne bei Ihnen entschuldigt?
Addo: Gleich nach der Sendung hat er mich angerufen und zutiefst um Entschuldigung gebeten. Das habe ich ihm auch abgenommen.

Haben Sie sich gewundert, wie wenig im deutschen Journalismus über diesen Skandal gesprochen wurde?
Addo: Mich haben andere Dinge noch viel mehr gewundert. Diese Geschichte war, hingegen zu dem was mir 1997 in Cottbus widerfahren ist, harmlos. Das gesamte Stadion rief: Neger raus. Dieser Vorfall wurde am Tag danach mit keinem Wort in irgendeinem Medium erwähnt.

Die Entgleisung von Cerne war eine subtile Form des Rassismus. Ist das die Form, wie Ihnen Rassismus heute begegnet?
Addo: Im Fußball wurde diesbezüglich sehr viel getan und vieles, auch in Ostdeutschland, hat sich verändert. Es passiert trotzdem immer noch, dass man wegen seiner Hautfarbe oder seiner Herkunft benachteiligt wird. Wenn man blond ist und blaue Augen hat, ist es einfacher eine Wohnung zu finden oder in die Disko rein gelassen zu werden, als wenn man schwarze Haare hat und Ali heißt.

 



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