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ONLINE-EXTRA ZU RUND 4/07
„Es wird auf die nächste Trainerentlassung gewartet“

Bell Lane vor den Toren Londons, Trainingsgelände des FC Arsenal: Nationaltorhüter Jens Lehmann nimmt sich zwei Stunden Zeit für das Interview, das in der April-Ausgabe von RUND erscheint. Auf www.rund-magazin.com spricht der 37-Jährige exklusiv über die Windböen in Highbury, die attraktive Spielweise von Arsenal und die Fortschritte bei der Nationalelf.


„Ich habe jetzt hier noch mal einen ganz anderen Ansatz über Fußball gelernt“: Jens Lehmann hat sich in England weiterentwickelt
Foto Heiko Prigge


Das Trainingsgelände des FC Arsenal liegt versteckt im Grüngürtel Londons, 25 Meilen nördlich der Metropole. 15 Rasenplätze stehen dem Finalisten der Champions League zur Verfügung, eine supermoderne Trainingshalle wird gerade gebaut. In der Umkleidekabine liegen Handschuhe, die Lehmann signieren wird. Im Müllcontainer stapeln sich leere Wasserflaschen, die das Emblem der „Gunners“ zieren.

Arsenals Pressesprecher Dan Tolhurst lobt vor der Ankunft des Keepers die Professionalität und positive Ausstrahlung des Deutschen, der viele Fans in England habe. RUND-Fotograf Heiko Prigge, der in London lebt, kann das bestätigen. Als er Conny Lehmann für ein deutsches Magazin im Haus der Familie fotografierte, hatten Arsenal-Fans am Eingang Dankesposter aufgestellt: Es war der Tag nach dem Sieg im Halbfinale der Champions League gegen Villareal.

RUND: In Aachen sind die Zuschauer unzufrieden, wenn der Aufsteiger in der Bundesliga nicht jedes Spiel gewinnt. Wäre so etwas in England vorstellbar?
Jens Lehmann: Ich kann mich zu so einer Situation gar nicht äußern, weil ich gar nicht weiß, was da passiert ist. In England ist die Einstellung so, dass man jedem, der im Fußball ist, sei es in der Mannschaft oder im Trainerteam, abnimmt, dass er fachlich gut ist. Allein auf Grund dessen respektiert man ihn schon. Es dauert eine Zeit, bis man seine Meinung ändert. Was mir an der Bundesliga auffällt, wenn man von außen draufguckt, ist, dass manchmal die einzige Unterhaltung darin zu bestehen scheint, wer sich gerade mit wem streitet. Es wird auf die nächste Trainerentlassung gewartet, und das war’s eigentlich schon. Über Fußball, das was auf dem Platz geschieht, scheint nicht viel gesprochen zu werden.

RUND: Und über Geld.
Jens Lehmann: Das bekomme ich jetzt nicht so mit.

RUND: Ist es vielleicht so, dass der deutsche Fußball auf dem Spielfeld in den letzten 18 Monaten einen ganz großen Schritt nach vorne gemacht hat, aber das Drumherum diesen Schritt nicht mitgemacht hat? Auch in der Berichterstattung?
Jens Lehmann: Ich kann das nur von der Nationalmannschaft sagen, dass wir gerade bei und vor der WM einen Riesensprung gemacht haben. Auf die Bundesliga bezogen fällt mir da ein Urteil schwer.

RUND: Muss sich auch etwas in der Mentalität ändern, dass man an die Spieler und Vereine mit anderen Erwartungen herangeht als bisher? Sie haben mir mal gesagt, wenn der Trainer sagt, die Mannschaft habe heute keinen Charakter gezeigt, dann hieß das meistens im Klartext, dass er davon ablenken wollte, dass etwas anderes nicht stimmt.
Jens Lehmann: Ich habe jetzt hier noch mal einen ganz anderen Ansatz über Fußball gelernt als der, den ich in Deutschland mitbekommen habe. Ich sitze aber nicht hier und gebe Ratschläge. Das kommt vielleicht einmal später, falls ich im Fußballbereich arbeiten sollte. Gut, wir spielen hier bei Arsenal tollen Fußball, und ich sehe im Training, wie es gemacht und entwickelt wird. Aber ich möchte mich nicht aufs hohe Ross setzen und sagen, was in Deutschland anders gemacht werden könnte.

RUND: Seit dieser Saison spielt Arsenal im supermodernen Emirates-Stadion. Wie spielt es sich da?
Jens Lehmann: Für einen Torwart ist es eigentlich leichter zu spielen. In Highbury war es schwerer, weil alle Tribünen unterschiedlich hoch waren. Dadurch war der Lichteinfall und der Windeinfall immer ganz anders. Das war von Tor zu Tor und teilweise sogar von Minute zu Minute unterschiedlich. Das Emirates-Stadion ist für Spieler und für Zuschauer gebaut. Es ist nicht so windempfindlich und trotzdem relativ offen. Ich finde, dass es ein sehr schönes Stadion ist. Und bei Spielen wie kürzlich gegen ManU, als wir das Spiel noch in den letzten Minuten gedreht haben, ist die Stimmung phantastisch.

Interview Matthias Greulich und Raphael Honigstein



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