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ITALIEN
AS Rom: Machtspiele in Trigoria
„Zemanlandia“ nicht bei der Roma: Trainer Zdenek Zeman streitet sich seit Wochen mit Angreifer Daniele de Rossi. Von Giovanni Deriu

 

Daniele de Rossi
Shakehands zweier Nationalspieler: Antoinio Cassano (Inter) und Daniele de Rossi (AS Roma) Foto Pixathlon

 

 

Irgendwie ist bei der Roma seit vergangener Saison alles anders – und nichts wirklich besser geworden. „Roma, Roma, Roma“, das Lied des Barden Antonello Venditti ist eigentlich eine Liebeserklärung an die Stadt, und wird vor jedem Heimspiel im Stadion gespielt – die Vereinshymne also. Doch heute wird beim Ausspruch „Roma, Roma“ eher der Kopf geschüttelt. Die Roma, so scheint es derzeit, entgleitet den Fans, und der Stadt. Die Rot-Gelben liegen drei Punkte hinter Lazio, und sogar zwölf hinter dem Spitzenreiter Juventus. Hinzu kommt, dass der AS-Präsident Thomas di Benedetto ein Amerikaner ist – okay, zwar italienischer Herkunft, aber irgendwie kein echter Fußball-Tifoso. Di Benedetto hat sich eben eingekauft, und die, unter Präsidentin Rosella Sensi klamm gewordene AS Roma fürs Erste gerettet. Mit Ambitionen, die AS Roma weiter oben zu positionieren, trat der neue Mäzen an.

Davon ist die „Associazione Sportiva“ aber immer noch weit entfernt. Vieles wollte der Verein mit di Benedetto zu schnell ändern, mit Luis Enrique kam immerhin ein Coach und ehemaliger Starspieler aus Barcas Kaderschmiede. Dennoch, immerhin ließ die Roma Luis Enrique nach nur einer Saison selbst zurück treten. Zeit gab man dem „nervösen“ Spanier nicht wirklich, sein Spielsystem zu implementieren. Zu oft ließ er Francesco Totti, den Römer aller Römer, einfach draußen – als Stand-By-Profi. Knickte dann aber doch ein, wenn das Volk Tottis Namen rief. Immerhin gab Weltmeister Totti dem Team den Spirit zurück. Aber 90 Minuten am Stück sind für den 36-jährigen Totti definitiv zu viel.

Mit Zdenek Zeman, dem exzentrischen Böhmen, holte sich die Roma einen Trainer, von dem man überzeugt war, er würde der Roma neues Leben einhauchen – in dem er attraktiven Fußball spielen ließe. Noch greift nicht jedes Zahnrad ins andere in der Zeman-Angriffsmaschinerie. Manchmal blitzt das Können des Teams auf, und schlagartig vergeigt es sicher geglaubte Spiele, wie schon oft geschehen in dieser Saison. Zwar bei Inter Mailand zu Beginn der Saison 3:1 gewonnen, dann aber wiederum daheim im „Olimpico“ gegen Bologna 2:3 unterlegen, ähnlich wie vor Wochen gegen Udinese mit demselben Ergebnis, und dann eine 1:4-Klatsche bei Juventus Turin. Ausgerechnet gegen die Alte Dame, mit der sich Zeman seit Jahren eine Fehde liefert (Zeman äußerte vor 15 Jahren, in der italienischen Serie A, und auch bei Juventus zu seiner Zeit, sei systematisch gedopt worden). Unruhe ist also stets vorprogrammiert. Besonders wie neulich, als auch das Stadtderby mit 2:3 abgegeben wurde.

Zeman, der die Roma bereits in den Jahren 1997 bis `99 coachte und einen beachtlichen vierten Platz erreichte, kennt die Ewige Stadt wie kein anderer. Auch mit Lazio machte sich Zeman zum Kulttrainer für Angriffsfußball. Ganz Italien horchte auf, als Zdenek Zeman mit Pescara, einem Team der No Names, den Aufstieg mit etlichen Toren und wenigen Gegentreffern perfekt machte. Fünf Spieler Pescaras sind zudem in der U21 der Azzurri. Nachwuchstalent Insigne, von Zeman entdeckt, spielt beim SSC Neapel. Auch Beppe Signori wurde einst von Zeman entdeckt.
Nun also die Roma, einem Team mit Stars, und solchen, die sich noch einen Namen machen wollen.
Totti, Keeper Stekelenburg, Osvaldo, Lamela und – ein weiterer waschechter Römer wie Totti – Daniele De Rossi. Der 29-jährige Blondschopf mit Fünftage-Bart ist neben Francesco Totti die Identifikationsfigur schlechthin.

Ausgerechnet mit Totti und De Rossi ist sich Zdenek Zeman nicht wirklich grün. Der wortkarge Tscheche mit italienischem Pass weiß zwar sehr wohl um die Stärken der „Zwillinge“, doch Zeman verlangt seinen Spielern, und besonders Stars, viel ab. Totti, so Zeman gleich vor der Saison, „sei ein reifer Spieler“, der in die Jahre gekommen sei – er, Zeman, müsse punktuell entscheiden, wann Totti spiele. Totti gibt der Roma immer noch Impulse, doch die anderen müssen für ihn Wege gehen. Unmut nicht nur deshalb im Team am Tiber.

„Daniele De Rossi non si toccá“ – prangte vor Wochen auf einem langen Banner in der Kurve der Ultras – frei übersetzt: Hände weg von Daniele De Rossi! Im Stadion am Mikrophon beteuerte De Rossi seine Liebe zur Roma, und dass er es sich nicht vorstellen könne, für ein anderes Team zu spielen. In Rom geboren, sei er Römer durch und durch. Quasi verkörpern Totti und De Rossi die ungleichen Zwillinge unter der säugenden Wölfin, das Stadtwappen Roms.
Die Beteuerung De Rossis ist nun schon wieder Wochen her. Und die Begeisterung zu Zeman und AS Rom irgendwie abgeflaut.

Plötzlich, wo wieder Rufe aus England (Roberto Mancini und ManCity) oder gar von Mourinho und Real Madrid laut wurden (fiel der Name des Italieners nicht auch beim FC Bayern?), De Rossi würde jedem Team als polyvalenter Mittelfeldspieler gut zu Gesicht stehen, kommt auch der wackere Römer de Rossi ins Grübeln. Manchester City und Real Madrid sind ja auch keine gewöhnlichen Teams, oder? Beide Teams würden wohl an die 50 Millionen Euro locker machen (können). De Rossi als Antreiber im Mittelfeld, Ball-Abfänger wie ein Sechser, und torgefährlich zudem. Kleines Manko, De Rossi ist ein Hitzkopf (In Deutschland fehlte er fast die gesamte WM wegen einer roten Karte). Zeman und De Rossi, ein Drama mit Open End. Jüngst nach der Klatsche bei Juventus, kam es zum handfesten Streit mit gestenreicher Diskussion, der stille Böhme Zeman jedoch das Gesicht wahrend. De Rossi dampfte noch, und ließ seinen Frust ab. „Das sei doch keine Spielweise, wir schlagen uns selbst…“, so der Mittelfeldrecke, während Zeman gegenüber der Presse nur meinte: „Hätten sich die Spieler an das gehalten, was wir täglich trainieren – wäre es anders gekommen…“.

De Rossi fordert Freiheiten, Zeman verlangt Disziplin bei der Einhaltung von Positionen. Im knapp verlorenen Stadtderby sah De Rossi die Rote Karte, was eine dreiwöchige Spielpause nach sich zog. Eine Woche darauf siegte die Roma im Olimpico gegen Torino 2:0 (Osvaldo und Pjanjic). Eiszeit immer noch zwischen De Rossi und Zeman. Meldete sich auch noch PSG-Trainer Ancelotti und meinte via Gazzetta Dello Sport, De Rossi wäre in der Champions League sehr wichtig für das Team. Ein unmoralisches Angebot? Stoiker Zeman, der von Zigaretten nicht lassen kann, antwortete ganz trocken: „Ich glaube, De Rossi könnte einigen Teams helfen – aber er steht bei Roma unter Vertrag“, machte daraufhin eine kurze rhetorische Pause auf der „PK“ und fügte hinzu: „Würde ein Batistuta zurück kommen, wäre er bestimmt auch wichtig…“. Vor dem Spiel gegen Pescara, hatte Zdenek Zeman die Ruhe weg, ja, er freue sich auf das Spiel in Pescara. Das römische Fanlager indes ist gespalten. Im Fernsehen auf Roma-Channel wurden in Trigoria, dem Trainingsgelände des AS Rom, 12 Fans, darunter auch weibliche, befragt, wer den Schuld trage, an der durchwachsenen Saison und Spielweise? Exakt sechs meinten, die Stars sollten sich mehr anstrengen und alles geben – die andere Hälfte vertrat die Ansicht, Zeman müsse sich ändern oder gehen. In Foggia habe „Zemanlandia“ (ein Name der attraktiven Spielweise wegen) vielleicht funktioniert, aber Roma sei anders. Zeman und sich ändern? Eher würde der Tscheche das Pantheon umgestalten. Entweder Zeman und De Rossi sorgen gemeinsam für einen Lauf – oder einer von beiden wird die Ewige Stadt, bei aller Liebe, verlassen.

Giovanni Deriu, 41, Redakteur und DaF-Dozent, verfolgt seit Jahren die italienische und tschechische Fußball-Liga.




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