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PORTRÄT
Der Schlaks mit Stil
Es ist kaum zu fassen: Jérôme Boateng spielt in der Nationalelf mit einer Lässigkeit und Selbstverständlichkeit, als ob er schon in 100 Länderspielen Stürmer in die Verzweiflung getrieben hätte. Von Rainer Schäfer

 

Jerome Boateng
Agyenim auf dem Unterarm, in der Sprache seines Vaters bedeutet es „Der Große“: Jérôme Boateng. Foto Pixathlon

 

Als Jérôme Boateng für den Hamburger SV spielte, kam es vor, dass seine Mitspieler nach Niederlagen wortlos an den wartenden Journalisten vorbei schlichen. Boateng konnte kurz stehen bleiben und sagen: „Heute müsst ihr gar nicht fragen. Nächstes Mal dann wieder.“ Selbst wenn er sauer war, blieb Boateng höflich und wahrte seinen Stil. Dabei war ihm nicht der beste Ruf vorausgeeilt, als er im Sommer 2007 aus Berlin nach Hamburg gewechselt war. Beim Namen Boateng denken heute noch viele an Hinterhofmanieren und den Fußball-Gangsta Kevin-Prince Boateng aus Berlin-Wedding. Einem Viertel mit hässlicher Arbeitslosenstatistik und hoher Kriminalitätsrate.

Jérôme Boateng ist der Halbbruder von Kevin-Prince, beide haben denselben Vater, Prince Boateng, der 1980 aus Ghana nach Berlin kam. In den Wedding kam Jérôme nur in den großen Ferien, zum Fußballspielen. Aufgewachsen ist er in Berlin-Wilmersdorf, der Kurfürstendamm ist nicht weit von der Wohnung entfernt. Sein Vater zog aus, als Jérôme fünf war. Seine deutsche Mutter Martina war damals Stewardess bei British Airways, mit ihrem Sohn machte sie
Club-Urlaube in der ganzen Welt. An Urlaub konnte die Verwandtschaft im Wedding keinen Gedanken verschwenden.
 
Martina Boateng legte Wert auf gute Noten, sie wollte nie, dass ihr Sohn Fußballer wird. Aber Jérôme war da anderer Ansicht. Der Realschul-Abschluss genügte ihm. „Mit Fußball kann ich etwas aus meinem Leben machen“, hatte er früh erkannt. Jérôme spielte bei Tennis Borussia Berlin, 2002, mit 13, wechselte er zu Hertha BSC Berlin, wo Kevin-Prince schon war. Die Halbbrüder standen zusammen auf dem Platz, in der Jugend, bei den Amateuren, den Profis. Sie zählten zu einer Gruppe von Jungprofis, die als schwer erziehbar galt. Um den großmäuligen Kevin-Prince hatte sich eine Clique gebildet, die sich rebellisch gab. Zu ihr zählte auch Jérôme Boateng. Kevin-Prince gefiel sich in der Rolle des kleinen Fußball-Gangstas, der gute Manieren höchstens als Parodie praktizierte. Boateng quälte seine Kollegen auch mit Songs des Rappers Bushido, die von Gewalt, Vergewaltigung und dicken Goldketten handeln. Herthas Manager Dieter Hoeneß jedenfalls grämte sich nicht sonderlich, als der Ältere der Boatengs sich nach Tottenham transferieren ließ.
 
Jérôme Boateng dagegen hätten die Berliner gerne gehalten, galt er doch als hoch veranlagt und durchaus lernfähig. „Jérôme ist nicht rebellisch“, sagt einer der Trainer, die ihn bei Hertha ausgebildet haben. „Er ist ein netter Mitläufer, außerhalb des Fußballplatzes.“ Aber Boateng war nicht einverstanden mit dem Angebot des Klubs, „ich fühlte mich da ungerecht behandelt“. Und wenn das der Fall ist, dann kann Boateng sturköpfig sein und die gute Kinderstube auch mal für einen Moment vergessen. Rund 1,2 Millionen Euro überwies der Hamburger SV im August 2007 nach Berlin, jeder Cent war gut angelegt. Ursprünglich von Trainer Huub Stevens als Ergänzungsspieler eingeplant, brachte es Boateng auf Anhieb zum Stammspieler mit 27 Saison-Einsätzen. Boateng spielte sensationell auf: Der beidfüßige 1,90-Meter-Schlaks spielte mal rechts, mal links, mit einer Lässigkeit und Selbstverständlichkeit, als ob er schon in 100 Länderspielen Stürmer in die Verzweiflung getrieben hätte. Jérôme verteidigt diszipliniert, mit Übersicht, er ist ruhig am Ball. Da Boateng auch Qualitäten in der Spieleröffnung und der Offensive besitzt, entspricht er dem Profil des modernen Verteidigers, den der DFB auch in seinen Nationalteams sehen möchte. Mit der U21-Nationalmannschaft wurde er 2009 in Schweden Europameister. Boateng ist so, wie sich viele im Fußball den modernen Profi vorstellen: Er trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Er trinkt stilles Wasser und isst Rucolasalat.
 
So couragiert er seine Arbeit auf dem Fußballplatz verrichtete, so zurückhaltend, fast schüchternd, präsentierte sich Boateng in Hamburg ohne die Goldketten-Entourage aus Berliner Zeiten. Er gab Sätze zu Protokoll, wie sie aus der molligen Mitte deutscher Bürgerlichkeit kommen: Mit seinem Gehalt unterstütze er seine Familie, Vater, Mutter, den großen Halbbruder George und die Schwestern. Und der große Rest der Lohntüte, der werde eben gespart.

Dass Martin Jol, der Stevens nachfolgte, Boateng zeigte, dass er mit dessen Entwicklung nicht zufrieden war, stachelte den an. Boateng ist wissbegierig, er gilt als Perfektionist. Nur eines konnte ihm noch kein Trainer austreiben, nicht mal der Bundestrainer: Den langen Diagonalpass, oft von Strafraum zu Strafraum, der verpönt ist im Zeitalter des kurzen Passes. An ihm hält Boateng hartnäckig fest, auch weil er schon einige Tore damit vorbereitet hat.

Im Oktober 2009 debütierte Jérôme Boateng in der deutschen Nationalmannschaft, beim WM-Qualifikationsspiel in Russland. Nach 69. Minuten musste er mit Gelb-Rot den Platz verlassen, Boateng wollte zu viel in seinem ersten Länderspiel. Bundestrainer Jogi Löw vertraute ihm auch bei der WM in Südafrika, bei der Kevin-Prince Boateng für Ghana auflief. „Ich habe nie daran gedacht, für Ghana zu spielen“, sagt Jérôme. „Ich bin in Deutschland zu Hause. Ich mag die Menschen hier, die Mentalität.“Zum Saisonbeginn 2010/2011 wechselte Boateng zu Manchester City, der rasante Aufstieg soll in der Premier League seine Fortsetzung finden. Auf dem rechten Unterarm trägt Boateng jetzt eine Tätowierung, Agyenim steht dort, in der Sprache seines Vaters bedeutet es „Der Große“. Er hat Stil, ist smart und clever. Er kann jetzt für sich selbst sprechen und sorgen. In England ist es üblich, dass junge Profis den älteren Spielern die Schuhe putzen. „Es reicht, wenn ich die Materialien trage beim Training“, sagt Boateng. „Aber ich putze keinem Älteren die Schuhe.“

 

Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg
Weitere Portäts der Nationalspieler lesen Sie in „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" vom Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5



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