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50 JAHRE BUNDESLIGA
Helden für einen Tag
Kay Stisi, Frank Hartmann und Roland Stegmayer haben eins gemeinsam: Nach einem großen Spiel wurden sie einmal gefeiert und bald vergessen. Ein Auszug aus dem Buch „50 Jahre Bundesliga“. Von Karlheinz Mrazek und Matthias Greulich.

 

Frank HartmannVon 1986 bis 90 Profi beim 1. FC Kaiserslautern: Frank Hartmann

 

Fünf Tore
Für Frank Hartmann wird der 1. November 1986 unvergesslich bleiben. An diesem Tage erzielte der Profi des 1. FC Kaiserslautern gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber FC Schalke 04 alle fünf Tore zum 5:1-Sieg und wurde nach dem Abpfiff im Fritz-Walter-Stadion wie ein Volksheld gefeiert. Nie mehr stand der aus der Eifel stammende Spieler anschließend so im Mittelpunkt.

Michael Tönnies war 31, als er den Höhepunkt seiner Profikarriere erlebte. In seinem letzten Bundesligajahr traf er am 28. August 1991 fünfmal für den MSV Duisburg beim 6:2-Sieg über den Karlsruher SC – fünf Tore gegen Oliver Kahn, verständlich, dass ihn die Kollegen auf den Schultern vom Platz trugen.

"Wirklich wahr"
Erst acht Minuten war Kay Stisi auf dem Platz als er mit links in das von Perry Bräutigam gehütete Tor einschoss. Das umjubelte 3:2 des FC St. Pauli gegen Hansa Rostock am 24. März 1996 war sein Abend. Stisi ließ sich nach dem Spiel am Millerntor feiern, war aber nicht überrascht, dass er getroffen hatte. "Heute Nacht habe ich davon geträumt. Wirklich wahr", sagte der Angreifer, der meist von Trainer Uli Maslo eingewechselt wurde. Es blieb sein einziges Tor in neun Bundesligaspielen. Der FC St. Pauli schaffte nach dem Sieg gegen den Rivalen Rostock den Klassenerhalt. Kay Stisi wechselte im Oktober 1996 zum Zweitligisten VfB Lübeck.

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Vier Tore gegen Uwe
Adi Preißler war im Sommer 1969 froh, mit Rot-Weiß Oberhausen das erste Jahr in der Bundesliga relativ problemlos überstanden zu haben. Den 14. Platz feierten die Fans des Ruhrgebiet­vereins als kleinen Triumph. Doch den Trainer, der in der Zeit vor der Bundesliga als Halbstürmer des BVB in Dortmund einen ähnlichen Status hatte wie Fritz Walter in Kaiserslautern, beschlichen Bedenken. Preißler suchte intensiv nach einem Stürmer, der Lothar Kobluhn und Franz Krauthausen beim Tore­schießen helfen sollte.

Er fand ihn in Gelsenkirchen beim Amateurverein Eintracht. Ein gewisser Hans Schumacher war Preißler ins Blickfeld geraten und dazu auch noch billig. Also griff er zu, hatte allerdings nach einigen Wochen das Gefühl, daneben gegriffen zu haben. Im Vorbereitungs­lager in Bad Pyrmont bekam Schumacher 40 Grad Fieber und Penicillin gegen eine drohende Lungenentzündung. Wochen vergingen anschließend, ehe er wieder bei Kräften war.

Am 12. September 1970 wagte Preißler einen ersten Versuch mit ihm. Beim 3:3 gegen Rot-Weiß Essen erzielte Schumacher sein erstes Bundesligator und durfte auch am 26. September gegen den großen Favoriten HSV in Oberhausen auflaufen. Die Hanseaten, die mit Uwe Seeler, Gert Dörfel, Franz-Josef "Bubi" Hönig und Klaus Zaczyk etablierte Bundesligaspieler in ihren Reihen hatten, legten schon in der 7. Minute das 1:0 durch Hönig vor und schienen auf einen souveränen Sieg zuzusteuern.

Doch die Hamburger passten nicht genug auf Schumacher auf. Schon in der 13. Minute bestrafte der Nobody die ohne die verletzten Willi Schulz, Peter Nogly und Jürgen Kurbjuhn recht wacklige Abwehr mit dem Tor zum 1:1. ­Dieser Treffer sollte der Beginn eines Sturmlaufes der Oberhausener und ­Schumacher am Ende der Held des Spiels werden. Der HSV verlor mit 1:8; Schumacher bezwang HSV-Torhüter Öczan gleich viermal und konnte sich anschließend im Vereinsheim vor Bierrunden kaum retten.

Danach wurde es still um ihn. Vor dem Spiel am 11. November auf Schalke fiel er beim Training auf die Betoneinfassung des Rasenplatzes und zog sich eine tiefe Fleischwunde an der Hand zu. Zwei Wochen trug er Gips und die Angst mit sich herum, den Anschluss zu verpassen. Am Ende der Saison entging Oberhausen nur knapp dem Abstieg und feierte neben dem Klassenerhalt Lothar Kobluhn mit 24 Treffern als Torschützenkönig der Bundesliga. Hans Schumacher rangierte mit sechs Toren unter ferner liefen.

Bayern staunten über Hausmann
Ein völlig unbeschriebenes Blatt war Christian Hausmann, als er 1986 von den Reinickendorfer Füchsen zum Konzernklub Bayer 04 Leverkusen kam. Für nur 25 000 Mark Ablöse übernahm Chefeinkäufer Reiner Calmund Hausmann unbesehen, zumal »der Dicke« in der Vergangenheit mit einigen Berlinern gut gefahren war: 1981 hatte er Torhüter Rüdiger Vollborn, 1982 Thomas Zechel, 1983 Günter Drews an den Rhein geholt und 1984 Falko Götz und Dirk Schlegel verpflichtet, die bei einem Europacupspiel ihres Klubs Dynamo Berlin in Belgrad geflohen waren.

Trainer Ribbeck sah in Hausmann einen "Ergänzungsspieler", setzte ihn gelegentlich ein und nahm ihn am 1. November 1986 auch mit zum Spiel beim FC Bayern. Die Mannschaft des Chemiekonzerns lag vor diesem Spiel nur zwei Punkte hinter dem Titelverteidiger aus München. Zur Verwunderung der 47.000 Zuschauer spielten die Leverkusener, sonst immer eher Angsthasen im Olympiastadion, groß auf. Im Mittelfeld bestimmte nicht etwa das Trio Matthäus/Brehme/Flick, sondern – man lese und staune – Schreier/Rolff/Hausmann das Geschehen. Und vorn wirbelten Waas, Bum Kun Cha und Götz die Bayern-Abwehr mit Nachtweih, Augenthaler, Eder und Pflügler gehörig durcheinander. Die größte Gefahr ging dabei vom Sprinter Hausmann aus, dessen Tempovorstößen zu folgen, Matthäus wie auch Brehme nicht imstande waren. Es dauerte freilich bis zur 79. Minute, ehe der rotblonde Berliner eines seiner Soli mit einem Tor krönen konnte. Ein Zuspiel von Waas schloss er mit einem spektakulären Schuss in den Torwinkel ab; Bayern-Torhüter Pfaff hatte das Leder gar nicht kommen sehen. Drei Minuten vor dem Abpfiff erzielte Götz noch das 3:0 und Hausmann nach dem Abpfiff das ungeteilte Interesse der Experten. Bei der Pressekonferenz gab Bayern-Trainer Lattek zu, dass er Hausmann nicht auf ­seiner Rechnung hatte. Und Manager Uli Hoeneß schwärmte: "Ich habe lange keinen Spieler mehr gesehen wie den bei Bayer mit der Nummer zehn."

Niere und Milz entfernt
Wochen später war Hausmanns Höhenflug zu Ende. Mit einem Eigentor zum 1:2 leistete er im Haberland-Stadion unfreiwillig Vorarbeit zum 1:4 gegen den »kleinen Bruder« Bayer 05 Uerdingen. Von Ribbeck-Nachfolger Rinus Michels ignoriert wechselte er entnervt vor der Saison 1988/89 zum 1. FC Nürnberg, wo ihm ein ähnlich starker Auftritt wie in München nicht mehr gelingen sollte.

Zurück an die Spree, wollte er 1991/92 mit Absteiger Hertha BSC gleich wieder erstklassig werden. Doch ein Unfall auf dem Rasen stoppte seine Karriere von einer Minute auf die andere: In Meppen erzielte Hausmann 1991 das Siegtor, prallte dabei mit Meppens Torhüter Manfred Kubik zusammen und erlitt innere Blutungen. Im Krankenhaus entfernten die Ärzte eine Niere und die Milz. Ein paar Monate später wurde Hausmann Sportinvalide und bei der Hertha als Spielerbeobachter auf die Gehaltsliste gesetzt.

Applaus sogar von Sepp Maier
"Der ist zu schade für die zweite Liga", meinte Saarbrückens Trainer Manfred Krafft und holte Stürmer Roland Stegmayer von Hannover an die Saar. Beim neuen Klub sollte Stegmayer zuvorderst Torjäger Harry Ellbracht gute Flanken liefern. Im Spiel gegen den FC Bayern am 16. April 1977 aber ging Stegmayer selbst auf Torejagd. Und als er in der 21. Minute per Fallrückzieher das 1:0 für die Saarländer erzielt hatte, applaudierte sogar Bayern-Torhüter Sepp Maier. Noch vor der Pause erhöhte Stegmayer auf 2:0.

In der zweiten Halbzeit ging Stegmayers Stern erst recht auf und die Bayern-Abwehr mit der 74-er Weltmeisterachse Maier/Beckenbauer/Schwarzenbeck völlig unter. Stegmayer zauberte Maier zwei weitere Tore ins Netz, und da auch Ludwig Schuster und Ludwig Dahn für den Gastgeber trafen, fuhren die Münchner mit einer 1:6-Packung an die Isar zurück.
1978 stieg Saarbrücken wieder ab. Um die Lizenz zu erhalten, musste der Klub den kleinen Stürmer Stegmayer verkaufen. Jean Löring, der Präsident und Mäzen des Zweitligaklubs Fortuna Köln, gewann das Tauziehen gegen den FC Schalke. Doch weil es mit Lörings angestrebtem Aufstieg in die Bundesliga nichts wurde, verließ der 29-jährige 1980 den Klub aus der Kölner Südstadt. Anschließend spielte er noch ein paar Jahre im schwäbischen Giengen.

Fischer-Ersatz schoss Köln k.o.
Ein ganz besonderer Tag war für Klaus Scheer vom FC Schalke 04 der 1. September 1971. Gegner 1. FC Köln, mit Spielern wie Overath, Flohe, Simmet, Wolfgang Weber, Biskup, Rupp und Löhr nach wie vor eine erste Adresse in der Bundesliga, peilte den Titelgewinn an. Vor dem Anpfiff in Gelsenkirchen überraschte der risikofreudige Trainer Gyula Lorant mit der Ankündigung: »Wir spielen ohne Libero.« Sein System: Die Innenverteidigung agierte im freien Raum.
Doch das Experiment sollte gründlich misslingen und das Spiel für den Siegerländer Scheer zum größten Erfolgserlebnis seiner Laufbahn werden. In der Abwehr der Kölner, die ohne Karl-Heinz Thielen spielte, weil Lorant den intelligenten Verteidiger für eine Mimose hielt, ging es drunter und drüber. Der gelernte Mittelfeldspieler Scheer, der Klaus Fischer vertrat (der Torjäger kurierte eine Muskelzerrung aus), wurde zum Schrecken des Lorant-Teams. Er bezwang FC-Keeper Gerhard Welz bis zur Halbzeit gleich viermal – ein Klatsch­marsch des Publikums begleitete ihn in die Kabine. Im zweiten Durchgang steuerte Scheer noch ein Tor zum 6:2-Endstand bei.

Nach der Pleite auf Schalke gab Lorant seine Idee, den Bundesligafußball in Köln zu revolutionieren, wieder auf. "Uns Deutschen liegt die Raumdeckung nicht. Wir wollen eine Aufgabe zugewiesen haben", kommentierte Wolfgang Overath den Reinfall von Gelsenkirchen.

Ein paar Jahre später widerlegte der Ungar in Frankfurt die Ansicht des Kölners. Die Eintracht, dirigiert von Jürgen Grabowski, kapierte das System und zeigte unter Lorant begeisternden und erfolgreichen Fußball. Klaus Scheer aber rückte nie mehr so ins Rampenlicht wie an diesem 1. September 1971.

 

Buch "50 Jahre Bundesliga"
Karlheinz Mrazek/Matthias Greulich: 50 Jahre Bundesliga, Copress Verlag, 19,90 Euro, 256 Seiten, ISBN 978-3-7679-0921-2



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