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JOACHIM LÖW
Der Masterplan für den WM-Titel
Seit 2004 haben sie auf den Titel hingearbeitet: Joachim Löw kam schon als Assistent von Jürgen Klinsmann eine besondere Rolle bei der Umsetzung des Masterplans zu, wie dieser RUND-Text von 2005 zeigt. Von Roger Repplinger und Rainer Schäfer.

 

 

 Joachim Löw 2005
„Die Härte der Angriffe hat uns schon überrascht. Einige waren respektlos“: DFB-Trainer Joachim Löw
Foto Benne Ochs

 

 

Da steht er. In der Bahnhofshalle. Schwarze Haare, braungebrannt, Anzug, schwarze Lackschuhe. Er will ins Café im 17. Stock. Dort stehen weiße Ledersessel, und der Blick über das in mildes Sonnenlicht getauchte Freiburg ist atemberaubend. Doch das Café hat geschlossen, so setzen wir uns ins „Palladium“, in dem die Bedienung in fußfreundlichen Sandalen geht und auf Tom Jones steht. Ein Mann von der Dresdner Bank erkennt Joachim Löw, dienert, überreicht eine Visitenkarte. Löw hat im Moment keinen Kopf für Geschäfte dieser Art, sondern nur einen Kopf für Fußball.

Schon seit Jahren immer Fußball. Löw kickte unter anderem für den SC Freiburg, den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt und den Karlsruher SC. Betreute als Trainer von August 1996 bis Mai 1998 den VfB Stuttgart, mit dem er 1997 den DFB-Pokal gewann und 1998 das Finale im Europapokal der Pokalsieger erreichte. Danach Fenerbahçe Istanbul, Karlsruhe, Adanaspor, FC Tirol, 2002 österreichischer Meister, und von Juni 2003 bis März 2004 Austria Wien. Seit August 2004 arbeitet Löw als Assistent neben Bundestrainer Jürgen Klinsmann bei der deutschen Nationalmannschaft. Eine heikle Aufgabe: Der Chef hat gesagt, er will 2006 Weltmeister werden.

Seitdem noch mehr Fußball.

In Löws Kopf werden Spiele auseinander genommen und wieder zusammengesetzt. Spieler hin und her geschoben. Gegnerische Mannschaften zerlegt. Man muss nicht in Löws Kopf schauen, um zu wissen, was da drin vor sich geht. Löw findet „die bisherige Entwicklung der Nationalmannschaft gut, aber sie ist noch nicht abgeschlossen“. Er weiß, weder Ball noch Leben sind rund: „Uns ist klar, dass wir nicht permanent auf dem Weg nach vorne sind. Den Rückschritt nach dem Confed-Cup und der kurzen Sommerpause haben wir erwartet.“

Löw hängt die Anzugsjacke über die Stuhllehne. Zwei Hemdknöpfe offen. Muss aus einem besonderen Stoff sein, das Hemd. Schimmert matt. Löw bestellt Milchkaffee und Apfelschorle. Das ist physiologisch klug zusammengestellt.

Er unterscheidet zwischen der Entwicklung der Mannschaft, und den diese Entwicklung begleitenden Kommentaren. Die Entwicklung ist wichtig. Einige Spiele beim Konföderationen-Pokal wurden bejubelt, nach dem 0:2 in der Slowakei gab es Haue. Die Leistungen im Pokal hatten Gründe: Weil die Mannschaft längere Zeit zusammen trainieren konnte, verbesserte sie sich von Spiel zu Spiel. Löw wurde anschließend nicht euphorisch und nach dem Slowakei-Spiel nicht depressiv. Er ist 45 Jahre alt und normalerweise immun gegen eine bestimmte Art von Kritik. Seine Spieler sind es nicht, vor allem die jungen: „Die Härte der Angriffe hat uns schon überrascht. Einige waren respektlos gegenüber unseren jungen Spielern.“

Eine Niederlage ist kein Grund für Änderungen: „Wir haben uns für diesen Weg entschieden, wir sind von diesem Weg überzeugt und weichen nicht von ihm ab. Da kann die Welt einstürzen.“ Man zieht sofort den Kopf ein, obwohl es nicht knirscht im Gebälk des „Palladium“.

In Löws Kopf ist ein Plan. Bis 2006 soll der Fußball aus dem Kopf auf den Platz. „Das ist nicht viel Zeit“, sagt er. Umso wichtiger ist es, dem Plan zu folgen: „Wir ordnen alles ein: Wo stehen wir? Wie war die Entwicklung? Wo haben wir Schwächen? Auch wenn wir gewinnen. Von einem Spiel lassen wir uns nicht beeindrucken, weder in positiver noch im negativer Hinsicht.“

Löw ist in Schönau im Schwarzwald geboren. Da haben die Menschen die Ruhe, aus der sie so leicht nichts bringt. Löw ist kein Beckenbauer, verstrahlt kein Licht, das alle blendet. Löw muss überzeugen: Spieler, Fans, Medien. Er malt etwas auf ein Blatt, aber diese modernen Spielsysteme sind so kompliziert, dass man sie nicht zeichnen kann. Löw hätte gerne eine Taktiktafel mit magnetischen Steinen, die man verschieben kann, um zu zeigen, wie er sich das vorstellt. Gibt es im „Palladium“ leider nicht. Da sollte der Geschäftsführer mal drüber nachdenken, ob er so was nicht anschafft. Als Service für den Klinsmann-Assistenten und durchreisende Journalisten.

Dann zeichnet er doch etwas und zerreißt es gleich. So weit man es erkennen kann, zielen die meisten Pfeile auf der Zeichnung nach vorne. Löw und Klinsmann wollen, dass die Mannschaft offensiv spielt. Anders als bei der Europameisterschaft 2004. „Wir haben festgestellt, dass wir unsere Spielweise ändern müssen. Bei der EM wurde viel quer und zurück gespielt, da gab es kaum Torchancen.“

Die Fehler wurden vorher gemacht. In den 80er und 90er Jahren hat Deutschland – trotz WM- Sieg 1990 und EM-Titel 1996 – den Anschluss verpasst. „Wir waren arrogant“, sagt Löw,  „und haben uns selbst belogen. Da haben wir einige Jahre verloren auf Länder wie Holland und Frankreich.“ Das muss man erst mal aufholen. Dabei setzen der Bundestrainer und sein Assistent auf Systematik und Wissenschaft. Durch neue Trainingsmethoden – auch aus anderen Sportarten –, ausgeklügelte Testverfahren, Psychologie, Ernährungstipps, sollen die deutschen Spieler besser werden. Noch nie in der Geschichte des deutschen Fußballs hatten Nationalspieler so viele Angebote, sich in Form zu bringen. Löw: „Es ist notwendig, dass sie über zwei Jahre ihr Leistungsvermögen entwickeln und ausreizen, im körperlichen, im taktischen, im spielerischen und im persönlichen Bereich. In der Bundesliga und bei uns.“ Jeder Spieler hat einen individuellen Trainingsplan, seine „Hausaufgaben“. Löw ist sicher, „dass es einem Spieler nicht hilft, wenn man ihm sagt, er ist nicht gut genug. Der Spieler möchte klare Lösungen, um seine Defizite aufzuarbeiten“. Die bekommt er.

Löw ist in Fahrt. Was ist mit der Defensive? Er winkt ab und zählt die Wochen auf, in denen er die Jungs unter seinen Fittichen hatte. Da muss man Prioritäten setzen. Zunächst mal ging es um die Offensive „Wir haben ein Jahr intensiv an der Offensive gearbeitet, da sind wir eindeutig besser geworden. Wie spiele ich schnell in die Spitze gegen Mannschaften, die defensiv spielen? Wie sind die Laufwege, wie spiele ich durch die Mitte, wie über außen, was gibt es da für Möglichkeiten?“

Nun ist die Defensive dran. Die sah gegen die Slowakei schlecht aus: „Weil unser Pressing nicht funktioniert hat. Wir haben vorne zu früh attackiert, sind hinten nicht konsequent nachgerückt wurde. Die Anspielstationen des Gegners wurden nicht zugestellt. Das war taktisch schlecht gelöst. Unsere Mannschaft war zweigeteilt und zerrissen.“ Zwischen Angriff und Abwehr klaffte eine Lücke von 60 Metern, in der die Slowaken agieren konnten.

Am Ende gilt es, die Balance zu finden. „Das ist im Fußball generell das Allerschwierigste, diese Balance herzustellen. Wir wollen offensiv und risikofreudig spielen, wissen aber, dass wir defensiv besser werden müssen. Gegen die Slowaken sind nach Ballverlust sechs Leute stehen geblieben, das geht nicht. Das ist kein Umschalten.“ Gegen Südafrika, nachdem die Mannschaft ein paar Tage zusammen trainierte, ging das schon besser.

Nach Ende der Bundesligasaison hat Löw vier Wochen Zeit, in denen er die Spieler intensiv auf die WM vorbereiten kann: „Da werden die Abläufe automatisiert. Manche muss man ein paar hundert Mal machen. Wenn man nachts aufwacht, muss man wissen, was die Aufgaben in Offensive und Defensive sind.“

Gespielt wird 4-4-2, „das ist die Basis und wird von der Mannschaft relativ gut beherrscht“, sagt Löw. Als Variante kommt ein 4-3-3-System dazu, weil „wir dann taktisch nicht ausrechenbar sind und auch mal während eines Spiels umstellen können“. Ein 4-3-3 hält Löw für ein probates Mittel gegen spielstarke Teams: „Man kann, wenn sich die Außenstürmer fallen lassen, defensiv zu einem 4-5-1 übergehen, bei Ballbesitz gehen drei, vier Mann im Sprint nach vorne. Das haben wir gegen Argentinien in Düsseldorf gemacht, die haben wir gut unter Druck gesetzt.“

Egal was gespielt wird, Michael Ballack soll zentral hinter den Spitzen agieren, eine Position, die er zu oft aufgibt, wenn er sieht, dass es irgendwo brennt. Löw wünscht sich „dass er manchmal weiter vorne spielt, dort, wo die Gefahr ist. Wir wollen, dass er möglichst mit nur einem Pass die Spitzen erreicht.“

Dann schnurrt Löw Namen herunter: Lahm hinten links, Schneider woanders, Metzelder eventuell, Mertesacker ziemlich sicher, Borowski – warum nicht? Wichtiger ist, dass die „Positionen richtig interpretiert werden, dass man die Systematik versteht. Ob Friedrich oder Owomoyela rechts hinten spielen, ist momentan nicht entscheidend. Wenn man die Systematik verstanden hat, ist es relativ einfach sich einzuspielen.“ Das Handy klingelt. Kurze Unterbrechung. „Wo waren wir?“, ach ja, bei Dietmar Hamann.

Die Offensive klappt, die Defensive kommt. „Unsere Arbeit ist wie ein Puzzle, das irgendwann ein komplettes Bild ergibt.“ Darauf soll, man ahnt es, der Weltmeister zu sehen sein.

Löw verabschiedet sich. Er schlendert durch die Bahnhofshalle, Jacke über der Schulter, raus in die Sonne. Hat einen Ball im Kopf. Aber das merkt nur, wer selbst einen dort hat.



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