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REPORTAGE
Der Riese erwacht
Dem türkischen Fußball gehört die Zukunft. Auch dank eines Scoutingsystems, das seinesgleichen sucht. Eine Reportage aus RUND Heft 3 von Oktober 2005 von Christoph Ruf und Tobias Schächter, Fotos von Özgür Albayrak.

 

In Sichweite der Bospurus-Brücke: Training bei Ejüp Spor KulübüIn Sichweite der Bospurus-Brücke: Training bei Ejüp Spor Kulübü

 


Hätte es geklappt, Emre würde heute bei seinem Onkel leben. „Der wohnt nicht weit von hier“, sagt Bilal Satıcı und zeigt die Straße hinunter. Bilal, ein Mann mittleren Alters mit freundlichen runden Gesichtszügen, wirkt nicht enttäuscht, er lacht. Er hat es probiert, niemand kann ihm einen Vorwurf machen. Am wenigsten Emre, sein zehn Jahre alter Sohn. Dieser, versichert Bilal mit großen Augen, sei ein riesengroßes Talent. Um Urlaub zu machen ist Familie Satıcı aus Hannover in die Türkei gereist. Am letzten Tag aber wollte Bilal es dann doch versuchen und machte sich mit dem kleinen Emre auf den Weg nach Florya, jener Villengegend im Westen Istanbuls, in der das Trainingszentrum von Galatasaray liegt. Emre sollte vorspielen beim Herzensklub seines Vaters und zeigen, wie gut er dribbeln und schießen kann. „Da ist Hakan“, ruft Emre plötzlich, als er einen Blick in eine der Luxuslimousinen erhascht, die gerade das von Mauern und Sicherheitspersonal bewachte Trainingsgelände verlassen. Es hat nicht geklappt. Emre durfte nicht vorspielen, sie haben ihn nicht einmal hineingelassen. Nun steht er nebenan im Fanshop, das Trikot seines Idols Hakan Sükür übergezogen. Er strahlt. „Ich habe ihn gesehen“, sagt er froh.
 

 

Blick für Talente: Exprofi Erdal KeserBlick für Talente: Exprofi Erdal Keser

 


Solche Geschichten kennt Erdal Keser zur Genüge. Der Blick von dieser ausladenden Terrasse im Trainingszentrum geht über die Dächer von Florya. Ein älterer Mann bringt Tee, und Keser beginnt zu erzählen. Er kennt sich aus mit den Hoffnungen und Sehnsüchten junger türkischer Fußballer in Deutschland. Mit zwölf kam Keser mit seinen Eltern nach Hagen in Westfalen und hat es tatsächlich geschafft. 106 Erstligaspiele bestritt er für Borussia Dortmund und noch mehr für Galatasaray, bevor er zum Händler seines eigenen Traums wurde: Von 1998 bis Ende 2002 war der heutige Co-Trainer von Galatasaray Leiter des Europabüros des türkischen Fußballverbandes in Dortmund, das sich auf die Suche nach türkischstämmigen Talenten in Europa macht. S¸enes Erzik, der damalige Präsident des Verbands, erkannte als erster das immense Potenzial, das in Europa brachlag, und beauftragte Keser mit dem Aufbau eines Scoutingsystems. Das war der dritte Schritt eines langfristigen Plans, der die ehemals belächelten Kicker der Türkei auf eine Stufe mit den großen Fußballnationen hieven soll.
 
Der erste Meilenstein wurde 1990 gesetzt, als in der Türkei Staat und Sport getrennt wurden. Mit den Fernsehgeldern finanzierte man den zweiten Schritt, angestoßen Anfang der 90er Jahre vom damaligen Nationaltrainer Sepp Piontek. Ein Sichtungssystem nach Vorbild des Deutschen Fußball-Bunds entstand. Heute betreibt der türkische Verband über die gesamte Türkei verteilt 14 Sportschulen. Dieses System wurde schließlich 1998 mit dem Europabüro in Dortmund komplettiert. „Damals hatten wir in der Türkei viele Ballzauberer, aber nur mit Künstlern kannst du keinen Erfolg haben. Deshalb suchten wir disziplinierte Spieler mit guter taktischer Ausbildung“, berichtet Keser.

 

Mähen mit Sonnenschutz: Bei Galatasaray geht es dem Greenkeeper gutMähen mit Sonnenschutz: Bei Galatasaray geht es dem Greenkeeper gut
 

In allen deutschen Bundesländern wurden Sichtungstrainer geschult. Lange wurden die Spieler beobachtet, bevor sie zu einem Jahrgangslehrgang gebeten wurden, bei dem auch die jeweiligen türkischen Nationaltrainer vor Ort waren. „Drei, vier Europäer haben es immer geschafft“, erinnert sich Keser. So reüssierten 2002, als die Nationalelf mit dem dritten Platz bei der WM in Japan und Korea den größten Erfolg des türkischen Fußballs feierte, mit Ilhan Mansız aus Kempten, dem Mannheimer Ümit Davala und Yıldıray Bas¸türk aus Herne gleich drei in Deutschland entdeckte Spieler. Vor zwei Jahren warf der hemdsärmlige Keser den Job allerdings enttäuscht hin. „Für alles hat man eine Unterschrift aus Istanbul gebraucht“, sagt der 44-Jährige.
 
Das Europabüro ist längst ins repräsentativere Köln gezogen. Kesers Nachfolger, Metin Tekin, steht am Fenster einer herrschaftlichen Altbauwohnung am Konrad-Adenauer-Ufer und blickt auf den Rhein. Zwischen 400.000 und 500.000 Euro lässt sich die Zentrale in Istanbul ihre Dependance in Europa pro Jahr kosten. 15 Honorartrainer arbeiten Tekin zu, aus Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, England, den skandinavischen Ländern und der Schweiz. Das Reservoir ist riesig. Alleine in Deutschland leben knapp 2,5 Millionen türkischstämmige Menschen. „In den letzten fünf Jahren haben wir 80 Spieler aus Europa gesichtet“, sagt Tekin stolz. Vier davon standen in der Anfangsformation der türkischen U17, die vor kurzem Europameister wurde. Auch Nuri S¸ahin, der in dieser Saison zum Stamm von Borussia Dortmund zählt – als 16-Jähriger.
 
Bereits mit 14 hat Tekin ihn entdeckt und dem DFB vor der Nase weggeschnappt. „Wir sind oft einfach schneller“, sagt der Talentspäher, der das Verhältnis zum DFB aber als „sehr gut“ bezeichnet. Dies bestätigt DFB-Jugendkoordinator Michael Skibbe. Der DFB war von Anfang an in die Pläne des türkischen Verbandes eingeweiht. „Wir leben natürlich in einer Konkurrenzsituation“, gibt Skibbe zu, der sich im Buhlen um die türkischstämmigen Talente im Nachteil sieht: „Die Emotionen spielen eine große Rolle.“ In über 80 Prozent der Fälle entscheiden sich die  Spieler für die türkische Nationalmannschaft. Der 52-jährige Tekin meint einen der Gründe zu kennen: „In Deutschland wird Integration immer nur einseitig verlangt.“ Es sei daher verständlich, dass sich die Jugendlichen auf ihre türkischen Wurzeln besinnen.
 
So eindeutig war die Gemütslage von Halil Altıntop nie. Halil gehört mit seinem zehn Minuten älteren Bruder Hamit zu den jüngsten vom Europabüro entdeckten Talenten, die den Sprung in die A-Nationalmannschaft geschafft haben. Genauso wie der beim RSC Anderlecht spielende und in Karlsruhe geborene Serhat Akin. Der 22-jährige Halil hätte sich sogar fast gegen die Türkei entschieden. Bruder Hamit vom FC Schalke 04 musste ihn überreden, nicht für Deutschland zu spielen. Heute träumen die beiden in Gelsenkirchen Geborenen von einer gemeinsamen WM-Teilnahme mit der Türkei in Deutschland.

 

Karrieresprung: Nationalspieler Deniz BarisKarrieresprung: Nationalspieler Deniz Baris
 


Davon träumt auch Deniz Barıs¸. Er ist ein „Almancılar“, ein „Deutschländer“, wie sie in der Türkei etwas abwertend über ihre in Deutschland geborenen Landsleute sagen. Für den 28-Jährigen war die Türkei nicht die Verheißung, eher der letzte Versuch es im Profifußball zu schaffen. Beim damaligen Zweitligisten FC St. Pauli kam er nie über eine Nebenrolle hinaus. Der Wechsel zu Gençlerbirlig˘i war daher so etwas wie seine letzte Chance. Bei einer Stippvisite mit der skeptischen deutschen Freundin gefiel ihnen Ankara sofort – auch weil dort im Gegensatz zu deutschen Großstädten kaum eine Frau verschleiert ist. Heute ist Baris¸ 18-maliger türkischer Nationalspieler und Stammspieler bei Fenerbahçe. „Es hat sich gelohnt hierher zu kommen“, sagt Baris.
 
Viele, die sich für Deutschland entschieden haben und nicht den Sprung nach ganz oben schaffen, strömen derzeit in die Türkei, um dort ihr Glück zu finden. Zuletzt der 21-jährige Erdal Kılıçaslan, der bei den Bayern nicht über die Amateure hinaus kam und vor dieser Saison in die Süperlig zu Gaziantepspor wechselte. In der Jugend durchlief Kılıçaslan alle Nationalmannschaften des DFB. „Kein Türke hat es geschafft, sich in der deutschen Nationalmannschaft zu etablieren“, sagt Europascout Metin Tekin. Mustafa Dog˘an sei doch das beste Beispiel. Die Nationalmannschaftskarriere des ehemaligen Kölners, der jetzt bei Bes¸iktas¸ Istanbul unter Vertrag steht, war nach zwei Einsätzen beendet.
 
Auf zwischen 200 und 300 Spieler beziffert Tekin die Zahl der Spieler, die in Europa für die immer stärker werdenden türkischen Profiligen gesichtet wurden. „Natürlich profitieren die Klubs in der Türkei von der guten Ausbildung in den europäischen Vereinen“, sagt Tekin, der zugibt, dass es in der Türkei noch viel Nachholbedarf in der Jugendsichtung und Ausbildung gibt. Zumindest bei Fenerbahçe Istanbul, einem der drei großen Vereine der Stadt, um die sich im türkischen Fußball alles dreht, will man das nun ändern.
 
Weit im Osten der 18-Millionen-Metropole, auf der asiatischen Seite, liegt das hochmoderne Trainingszentrum von Fenerbahçe. In Samandıra, „fast schon im Irak“ also, wie türkische Journalisten witzeln. Das Allerheiligste des Lieblingsklubs von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk wird mit meterhohem Stacheldraht und finster dreinschauenden Sicherheitskräften abgeschirmt. Hinein kommt nur, wer einen Arbeitsplatz bei „Fener“ hat. Oder wer von Christoph Daum mitgenommen wird, der mitsamt Chauffeur und reichlich Verspätung gerade um die Ecke geschossen kommt. Der deutsche Trainer von Fener musste beim Präsidenten, dem allmächtigen Bauunternehmer Aziz Yıldırım, zum Rapport. Nur zwei Unentschieden und ein Sieg aus den ersten drei Spielen – der fiebrigen türkischen Presse reicht das, um die Demission des ungeliebten Trainers herbei zuschreiben.
 
Ein paar Minuten nimmt sich Daum, der in den vergangenen beiden Jahren mit Fenerbahce szweimal die Meisterschaft holte, trotzdem. Dass sich in Deutschland geborene Türken fast immer für die türkische Nationalmannschaft entscheiden, sei eine „Sache des Herzens“, glaubt er. Der deutschen Integrationspolitik stelle es ein Armutszeugnis aus, wenn auch in der dritten Einwanderergeneration die Identifikation mit der Türkei ungebrochen sei: „Wir müssen uns fragen, ob wir genug getan haben. Umgekehrt frage ich auch meine türkischen Freunde, ob sie genug unternehmen, um beispielsweise Deutsch zu lernen“, sagt er. „Die Türkei hat neben Brasilien das größte Reservoir an Talenten“, behauptet Daum, „und die Spieler hier sind unglaublich begeisterungsfähig.“ Umso bedauerlicher sei es, dass viele Top-Nachwuchsspieler nicht entsprechend gefördert würden. Oft mangele es an Geduld und Hartnäckigkeit. Daum hat ein 21-seitiges Konzept geschrieben und an den Verband geschickt. Darin skizziert er Verbesserungsmöglichkeiten bei der Nachwuchsarbeit. Bedankt hat man sich, passiert ist nichts. „Alles was mehr als zwei Seiten hat, hat schlechte Chancen gelesen zu werden“, vermutet der 51-Jährige, und bittet die Gäste zu gehen. Es ist Training, ein besonderes: Der Präsident hat sich angesagt.
 
Dem saß vor ein paar Monaten auch der Holländer Joop Lensen gegenüber, der Aziz Yıldırım schwer beeindruckt haben muss. Seit Juli ist Lensen der erste Ausländer, der bei einem türkischen Klub für die Nachwuchsarbeit verantwortlich ist. Das ist revolutionär im türkischen Fußball, wo alte Verdienste und die richtigen Beziehungen traditionell mehr zählen als harte Arbeit. Lensen hat ein klares Konzept und sich damit innerhalb kürzester Zeit viele Feinde geschaffen – und viel Respekt. „Fenerbahçe ist ein schlafender Riese“, sagt der Mann, der seinen 25 Jahresvertrag beim AZ Alkmaar kündigte, als der türkische Rekordmeister rief. Ein weiterer Etappensieg im Zeitplan des kleingewachsenen Yildirim, der „Fener“ bis 2007 – dem Jahr des 100-jährigen Vereinsjubiläums – auf eine Stufe mit Real Madrid und Manchester United hieven will. Als Lensen, der 1988 als Assistent von Rinus Michels Europameister mit Holland wurde, den türkischen Jugendtrainern aber die neuen Regeln erklärte, waren die nicht erfreut: „Jeder von euch kann mir innerhalb einer Woche beweisen, was er dem Verein bringt. Wenn nicht, ist er draußen“, kündigte Lensen bei seinem Amtsantritt an.

 

Ein Verein, ein System: Die U18-Mannschaft von Fenerbahce Istanbul und ihr niederländischer Trainer Alex Pastoor (Mitte)Ein Verein, ein System: Die U18-Mannschaft von Fenerbahce Istanbul und ihr niederländischer Trainer Alex Pastoor (Mitte)
 
Jensen sitzt in seinem Büro im Stadtteil Kızıltoprak am Ufer des Marmarameers und erzählt, was er beim 16-maligen türkischen Meister vorfand. Zum Beispiel 71 Fener-Nachwuchszentren im ganzen Land. Aber die meisten Leiter hätten sich persönlich bereichert. „Bis zu 70 Türkische Lire sollten die Jugendlichen bezahlen, das ist ein Viertel eines durchschnittlichen Monatslohns.“ So seien die ärmeren Kinder systematisch außen vor geblieben. „Dem Verein hat das sicher nicht genutzt.“ Das luxuriöse Nachwuchsinternat des Klubs leitet nun Alex Pastoor, ein diplomierter Nachwuchstrainer, den Lensen mitsamt einem Kollegen aus Holland mitbrachte. „Vor ihm hat kein Trainer wirklich mit den Jugendlichen gesprochen“, glaubt Lensen. Die Egomanie der Trainer habe er deshalb als erstes brechen müssen: „In der Türkei denkt jeder, er ist der Boss.“ Jetzt ist Lensen der Boss. Vom Platzwart bis zum Mittelstürmer müssen alle verinnerlichen, was ab nun die Devise des Vereins sei: „Der Wille zu gewinnen muss größer sein als die Angst zu verlieren.“ Aus dieser Formel leite sich alles ab, von der Einstellung bis hin zur Ordnung auf dem Platz, doziert Lensen. Jede Fener-Mannschaft soll das Spiel kontrollieren, selbst wenn der Gegner im Ballbesitz ist. Daher werde von nun an in allen Nachwuchsteams das gleiche System trainiert: Viererkette, Direktpassspiel, möglichst schneller Abschluss. Viel zu tun sei da noch, bis man auf europäischem Topniveau sei. Lensen hat schon mal angefangen. Draußen trainiert die U18. Auch Alper Balagban ist dabei. Die Geschichte des blonden Lockenkopfes klingt unglaublich. „In Hoffe wollde se mich net“, erzählt der 18-Jährige in nicht zu verleugnendem Badisch nach dem Training. Eigentlich war er schon mangels Perspektive von der A-Jugend des Regionalligisten TSG Hoffenheim zum Verbandligisten in Zuzenhausen gewechselt. Doch der Sommerurlaub mit den Eltern veränderte sein Leben. Aus Spaß an der Freude spielte er bei einem Freundschaftsspiel seines Heimatvereins gegen Fenerbahçe und gefiel den Abgesandten des Großklubs. Das überraschende Angebot für einen Zweijahresvertrag hat er ohne zu zögern angenommen. Jetzt wohnt Alper Balagban im Trainingszentrum von Fenerbahçe Istanbul. Sein Blick streift kurz über das mit Oleandern gesäumte Trainingsgelände. Dahinter sieht er das Meer und das S¸ükrü Saraçog˘lu Stadion. Es glänzt in der untergehenden Sonne.

 
Der Text ist in RUND #3_10_2005 erschienen

 

Technisch stark: Viele türkische Jugendliche – hier die U18 von Ejüp Spor Kulübü – können am Ball fast alles
Technisch stark: Viele türkische Jugendliche – hier die  U18 von Ejüp Spor Kulübü – können am Ball fast alles



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