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INTEGRATION
Die Generation Özil
Für die jungen Spieler ist es normal, sie kennen es nicht anders: Die Nationalmannschaft gilt seit der WM in Südafrika als Beispiel für gelungene Integration. Unbeeindruckt von allen Debatten über dieses Thema spielt sie einen Fußball voller Leichtigkeit, auch wenn es Spielern wie Mesut Özil nicht immer leichtgemacht wird. Ein Auszug aus dem Buch „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg". Von Matthias Greulich

 

Mesut Özil in der deutschen NationalelfWeltmeister in Brasilien: Mesut Özil in der deutschen Nationalelf. Foto Pixathlon

 

Es lief die 79. Minute, als sie für einen Moment aufhörten zu pfeifen. Volkan Demirel war aus seinem Tor herausgelaufen, der Torwart der türkischen Nationalelf rechnete mit einem Schuss ins rechte Eck. Aber der Ball flog links direkt neben seinem Standbein vorbei. Demirel schaute nicht mal mehr hinter sich, als der Ball ans Tornetz klatschte. Während er am Fünfmeterraum seine Stutzen nach oben zog, um überhaupt etwas zu tun, jubelten die Fans in den weißen Trikots. „Tor für Deutschland. Torschütze ist unsere Nummer acht: Mesut ...“

Mesut Özil klatschte eher beiläufig mit Mitspieler Thomas Müller ab, erst auf dem Weg zur Mittellinie wurde er von Sami Khedira, Philipp Lahm und Lukas Podolski aufgehalten, die ihn umarmten. Über sein Tor zum 2:0 im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei jubelte er nicht – aus Respekt vor seinen türkischen Wurzeln. „Ich möchte nicht in seiner Haut stecken“, sagte die DFB-Integrationsbeauftragte Gül Keskinler nach dem lauten Pfeifkonzert der türkischen Fans. 50 Jahre mal mehr, meist weniger geglückter Einwanderungsgeschichte in Nachkriegsdeutschland, schienen in diesem Moment auf den Schultern eines Spielers zu lasten, der zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt war. Der Fußball hat, wie man es sich manchmal im Leben wünscht, eine einfache Lösung parat: Er ließ einen jungen Mann in einer schwierigen Situation einfach das tun, was er am besten kann.

Wenn Fans glauben, ihr Idol trage das falsche Trikot, können sie verdammt ungerecht sein. In Gladbach pfiffen sie bei jeder Ballberührung von Marcell Jansen, als der es wagte im Spielkleid der Bayern zurück zu kehren. Und die Stuttgarter Anhänger bestraften Mario Gomez in der alten Heimat mit noch lauterem Liebesentzug. Wen interessiert in dem Moment, dass die Bayern für Jansen zwölf, für Gomez gar 35 Millionen Euro Ablöse überwiesen hatten? Der in Lüdenscheid aufgewachsene Nuri Sahin oder die Altintop-Zwillinge aus Gelsenkirchen haben sich doch auch entschieden, für die Türkei zu spielen, Das erwarteten die pfeifenden Fans auch von Özil.

Die Sache Özil wurde anschließend auf höchster Ebene verhandelt. „Das hätten sie nicht tun sollen“, rügte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül die Anhänger wegen ihres schlechten Benehmens im Berliner Olympiastadion. „Es ist gut“, so Gül weiter, „dass Özil für Deutschland spielt.“ Der Fußballer sei ein sehr gelungenes Beispiel für Integration, sagte er im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Angela Merkel ergriff schon einige Minuten nach dem Länderspiel die Initiative. Nachdem sie neben Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, er trug einen türkisch-deutschen Freundschaftsschal, das 2:0 auf der Ehrentribüne verfolgt hatte, kam sie zu einem ihrer seltenen Besuche in die deutsche Kabine. Das Foto, das sie nach dem Türkei-Länderspiel neben einem lächelnden Özil mit freiem Oberkörper zeigte, wurde eines der meistveröffentlichten Bilder des Jahres 2010. Und den erstmals vergebenen „Integrationsbambi“ bekam Mesut Özil auch noch.

Es wurde also alles sehr hoch gehängt, was da bei der WM 2010 mit der deutschen Nationalelf einfach so passiert ist, ohne dass es von jemandem bewusst geplant worden wäre. Von den 23 Spielern, die Joachim Löw für seinen WM-Kader nominierte, hätten elf zu einem früheren Zeitpunkt für ein weiteres Land spielen können: Sami Khedira, Dennis Aogo und Jérôme Boateng stammen aus Ehen eines deutschen mit einem ausländischen Elternteil, Lukas Podolski, Miroslav Klose und Piotr Trochwski aus Aussiedlerfamilien, Marko Marin ist Bürgerkriegsflüchtling, Mesut Özil und Serdar Tasci sind Kinder von Einwanderern und Cacau, den sie „Helmut“ nennen, ein eingebürgerter Brasilianer – mit dieser Vielfalt konnte kein anderes Team in Südafrika mithalten.

Für die Spieler der Generation Özil ist es normal, dass beim DFB Spieler mit unterschiedlichen Wurzeln zusammenspielen. Sie kennen es nicht anders. Bei der U21-Europameisterschaft 2009 holten sie den Titel, nun sind sie von Bundestrainer Joachim Löw in die A-Nationalelf geholt worden. Weil es für sie zum Alltag, zur gesellschaftlichen Normalität gehört, fehlt dem Miteinander der Spieler alles Aufgesetzte. Die Popularität der Nationalelf und die Identifikationsmöglichkeit mit den Nationalspielern hat sich durch die neue Zusammensetzung der Mannschaft noch einmal erhöht. In den Vierteln mit hohem Migrantenanteil wurde das Team während der WM 2010  genauso unterstützt wie überall im Land, manchmal gingen die Gefühle mit den Anhängern durch: Die haushohe schwarz-rot-goldenen Fahne, die Deutsch-Libanesen in Berlin-Neukölln in diesem heißen Sommer aufgehängt haben, zeigt, wie stark die Zuneigung gewachsen ist.

In Deutschland war es ein weiter Weg, bis es die vielen Talente mit ausländischen Wurzeln in die Nationalelf geschafft haben. Wie durch einen verstopften Flaschenhals kam lange nichts durch. „Ich hätte diese Entwicklung eigentlich schon viel früher erwartet. Es war lange Zeit die Frage, warum es so lange gedauert hat“, sagt Frank Kalter. Der Migrationsforscher an der Universität Mannheim hat vor einigen Jahren in einer Studie nachgewiesen, dass jahrelang vergleichsweise wenigen Kindern von Einwanderern der Sprung in den Profifußball gelungen ist. In den unteren Ligen der Erwachsenen und in den Jugendmannschaften sei die Zusammensetzung schon seit längerem ähnlich wie jetzt im Nationalteam. Im Leistungsbereich aber wurde früh selektiert: Man war schnell draußen aus dem System, wenn man Startnachteile wie Sprachprobleme oder geringere Bildung der Eltern mitbrachte. „Mit Tasci und Özil haben es jetzt die Kinder der dritten Generation geschafft, deren Eltern gut in Deutschland integriert sind“, so Kalter.

Viele müssen in der Nachwuchsausbildung sehr viel richtig gemacht haben, damit sich ein Talent wie Özil entwickeln konnte. Der Junge aus Gelsenkirchen-Bulmke hatte als Jugendlicher bereits in verschiedenen Verbandsauswahlen Nordrhein-Westfalens gespielt, sein Vater Mustafa erinnert sich im Interview mit „Rund“ aber auch an Widerstände, die er und sein Sohn in der Jugend überwinden mussten: „Mesut hat immer auf hohem Niveau gespielt, er wurde immer in den nächst höheren Jahrgang vorgezogen – wegen seiner Leistung. Und trotzdem hatte er es schwerer. Das gilt für alle Spieler mit ausländischen Wurzeln: Sie müssen sich doppelt so sehr anstrengen, um berücksichtigt zu werden; sie müssen viel mehr tun, um die Chance zu erhalten, sich weiterzuentwickeln. Das sage ich nicht aus dem Bauch heraus. Das ist eine Tatsache, die ich jahrelang beobachten musste.“

 

Mesut Özil in der deutschen NationalelfMit dem WM-Pokal: Mesut Özil im Kreis seiner Mannschaftskollegen. Foto: Pixathlon


Im Spitzenfußball angekommen, nehmen die Diskriminierungen deutlich ab. Migrationsforscher Kalter: „Wenn ich das Spiel gewinnen will, ist es egal, wer das Tor schießt.“  Der Spitzensport ist ein Leistungssystem par excellence. Die Herkunft, gute Beziehungen oder Sprachkenntnisse sind weniger wichtig für die Karriere. „Der Arbeitsmarkt und das Bildungssystem in Deutschland funktionieren da immer noch anders“, so Kalter.

Wer das Spiel der deutschen Mannschaft ansieht, reibt sich die Augen: Der Spaß mit dem Spielgerät dominiert, dieser Fußball lebt von einer zuvor nicht gekannten Leichtigkeit. „Alle wollen kicken wie früher auf dem Bolzplatz“, beschreibt es Sami Khedira im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“. Die Überbetonung der Physis, das Grätschen, der Ergebnisfußball haben im Ausland verrührt mit Weltkriegserinnerungen das Klischee von den „deutschen Panzern“ entstehen lassen. Insbesondere in England. Nach der Niederlage bei der WM gegen dieses leichtfüßige Team vom Kontinent war allerdings selbst der sonst nicht zimperlichen englischen Boulevardpresse der Panzervergleich zu abgestanden. Und nach einigen Pints im Pub hat so mancher auf der Insel zugeben müssen, diese junge aufregende Mannschaft sympathisch zu finden.

Aber die Nationalspieler können nicht nur im Bolzplatz-Modus spielen: In den Nachwuchszentren, wo sie ausgebildet wurden, haben sie das disziplinierte Arbeiten in der Raumdeckung gegen den Ball und die Suche nach der effektivsten und gradlinigsten Lösung verinnerlicht. „Unsere jungen Spieler spielen sehr deutsch“, hat Bastian Schweinsteiger das genannt. Nur vor den Länderspielen, wenn das „Deutschlandlied“ gesungen wird, singen einige der Jungen nicht mit. Einige beten stattdessen. In einigen Medien wird das immer mal wieder kritisiert, wenn sonst nichts zu kritisieren ist, und eine reichlich muffige Debatte angezettelt. Die Mannschaft hat darüber auch schon manchmal geredet. Aber ein großes Thema ist das nicht für sie.

 

 Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg.

 „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" von Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5



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