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BUCH
Der Rücktritt
Die Pressekonferenz im April gehörte zu den bemerkenswertesten des Fußballjahres: Jürgen Klopps starker Abgang bei Borussia Dortmund – ein Auszug aus der Neuauflage der Klopp-Biographie von Elmar Neveling.

 

Jürgen KloppNoch einmal mit der BVB-Kappe: Jürgen Klopp im Polalfinale gegen Wolfsburg Ende Mai in Berlin.
Foto Pixathlon

 

Am 15. April, einem Mittwoch, gab Borussia Dortmund überraschend bekannt, dass eine kurzfristig angekündigte Pressekonferenz stattfinden würde. Ein bleicher Hans-Joachim Watzke setzte sich links neben Jürgen Klopp und Michael Zorc auf das Podium. Er begann sein Statement mit der Einleitung, »dass wir in den letzten Tagen auf Initiative von Jürgen einige Gespräche geführt und dann gemeinsam die Entscheidung getroffen haben, dass der Weg, den wir sieben Jahre lang mit unglaublichem Erfolg gegangen sind, jetzt am Ende der Saison zu Ende ist.«

Watzke schaute betrübt zu Boden. Dann machte der Klubboss deutlich, wie sehr im Jürgen Klopp nicht nur als Trainer, sondern vor allem als Mensch ans Herz gewachsen ist: »Das hat uns drei, Jürgen, Michael und mich, sehr angefasst. Da können Sie mal sicher sein. Es waren Gespräche, wo man wieder feststellen konnte, dass wir einerseits das große Ganze beim BVB im Blick haben. Denn dieser Klub ist sicherlich etwas ganz Besonderes. Dass es für uns aber auch deshalb sehr schwierig war, weil wir auch da wieder festgestellt haben, dass wir eine ganz besondere Beziehung zueinander haben, die von extremen Vertrauen und Freundschaft geprägt ist. Und insofern war das für uns insgesamt sehr schwer.«

Watzke musste schlucken, zwischendurch wurde seine Stimme brüchig. »Jürgen, du kannst sicher sein, dass dir nach diesen fantastischen Erfolgen, die wir zusammen erzielt haben und dieser unfassbar guten Zusammenarbeit, der ewige Dank aller Borussen zuteil wird. Das einzige, was mich in diesem Moment ein Stück weit tröstet, ist, dass unsere Freundschaft mit Sicherheit bestehen bleibt.« Watzke griff Klopp an die Schulter. Beide standen auf und umarmten sich. Auch Michael Zorc brachte seine große Dankbarkeit zum Ausdruck: „Wir haben in den letzten sieben Jahren ein modernes Fußballmärchen geschrieben, mit Jürgen Klopp als Hauptakteur. Sportlich waren wir 2008 (Anmerkung: zum Amtsantritt von Klopp) nicht in der besten Verfassung, aber du hast diesem Verein sehr viel Optimismus mitgegeben.“

Jürgen Klopp atmete vor seiner Erklärung tief durch. »Die Entscheidung fühlt sich absolut richtig an«, sagte er mit fester Stimme. Es gebe keinen anderen Verein, er sei auch nicht müde, »auch wenn ich manchmal so aussehe.« Vielmehr benötige der Verein einen frischen Wind: »Ich glaube, dass der BVB eine Veränderung braucht. Es werden andere Einflüsse auf die Mannschaft zukommen, das wird ihr gut tun. «

Ohne sich in Details zu verlieren oder Gründe für den unglücklichen Saisonverlauf zu nennen, begründete er seinen Schritt professionell. Er sei »nicht mehr der perfekte Trainer für diesen außergewöhnlichen Verein, der es verdient hat, vom hundertprozentig richtigen Trainer trainiert zu werden«. Der Verein könne künftig das vorhandene großartige Potenzial nutzen, ohne von der ständigen Erinnerung an die Erfolge blockiert zu werden. »Dafür musste ein großer Kopf weg. Und das ist in diesem Fall meiner.« Nicht einmal den Hinweis auf die nächste turnusmäßig stattfindende Journalisten-Runde vor dem Heimspiel gegen Paderborn vergaß Jürgen Klopp zum Abschluss dieser denkwürdigen Pressekonferenz, auf der er seine Gefühle zum Rücktritt weitestgehend für sich behalten hatte.

Klopps Analyse, den Dortmunder-Profis nicht mehr hundertprozentig weiterhelfen zu können, ergab sich aus den sportlich schwierigen Monaten zuvor. Die Mannschaft taktisch weiterzuentwickeln schien ihm und seinem Trainerteam zunehmend schwerer zu fallen. »Beim BVB hatte es schon länger Differenzen mit Klopp gegeben«, schrieb Dortmund-Kenner Freddie Röckenhaus in der Süddeutschen Zeitung. Röckenhaus weiter: »Modernisierungs-Versuche wurden meist nach zaghaften Versuchen abgeblasen. Klopps Credo blieb bis zuletzt: ,Der beste Spielmacher heißt Gegenpressing.’« Die Zusammenarbeit mit seinen Profis sei dabei nicht mehr so reibungslos wie zuvor verlaufen: »Die Ermüdungserscheinungen mit Klopp waren offenbar viel erheblicher, als es öffentlich bisher angedeutet wurde.«

Noch einmal mit dem Lastwagen um den Borsigplatz

Zorc und Watzke hatten offenbar seit November 2014 ernsthaft befürchten müssen, dass der »als emotional bekannte Klopp Knall auf Fall zurücktreten würde«. Daher begannen sie notgedrungen, sich mit Alternativen zu beschäftigen. Eine davon war Thomas Tuchel, der ein Sabbatjahr nach fünf Spielzeiten in Mainz eingelegt hatte. Tuchel wurde dann tatsächlich als Klopps Nachfolger präsentiert.

Einen besonderen Wunsch hatte Jürgen Klopp zum Abschied geäußert: »Noch einmal mit dem Lastwagen um den Borsigplatz zu fahren“, sagte er auf der Pressekonferenz anlässlich seines Rücktritts, »das wäre ziemlich lässig.« So wie es schon nach der Meisterschaft 2011 und dem Double 2012, als fast die ganze Stadt auf den Beinen gewesen war und ihre Helden gefeiert hatte, geschehen war.

Am 30. Mai 2015 konnte durch einen Sieg im Pokalfinale in Berlin gegen den VfL Wolfsburg die Voraussetzung für eine weitere Jubelfeier geschaffen werden. Der BVB startete sehr gut in Klopps letztes Spiel als Dortmunder Trainer: In der fünften Minute hatte Pierre-Emerick Aubameyang das 1:0 erzielt, anschließend scheiterte Marco Reus bei seiner Großchance zum 2:0. Stattdessen fing sich der BVB bis zur Halbzeit drei Wolfsburger Gegentreffer durch Luiz Gustavo (22.), Kevin de Bruyne (33.) und Bas Dost (38.) ein, die teilweise vermeidbar gewesen waren. Das Spiel hätte nach Wiederanpfiff durchaus noch kippen können, aber trotz passabler Gelegenheiten wollte der Anschlusstreffer nicht mehr fallen.

 

 

Elmar Neveling: Jürgen Klopp

 

 Elmar Neveling: Jürgen Klopp. 264 Seiten, vierte erweiterte Neuauflage, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7679-1196-3

 

 



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