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INTERVIEW
Raum, Zeit, Gegnerdruck
DFB-Analyst Christofer Clemens über den Fußball von morgen. Erster Teil des Interviews von Ralf Lorenzen und Jörg Marwedel aus dem Buch „Die Zukunft des Fußballs“.

 

Christofer Clemens„Wir sprechen von Raum, Zeit und Gegnerdruck“: DFB-Analyst Christofer Clemens
Foto: KJM Buchverlag Andreas Fromm

 

Er gehört zu den Menschen im Fußball, die man selten sieht, die aber einen großen Einfluss auf das Spiel haben. Christofer Clemens ist Teil des dreiköpfigen Scouting-Teams von Bundestrainer Joachim Löw. Er ist ständig in den Arenen der ganzen Welt unterwegs, um die neuesten Trends aufzuspüren. Dabei besucht er nicht nur Spitzenklubs und Jugendcamps, sondern guckt sich auch in anderen Sportarten um oder fragt Gemüsehändler nach ihrer Meinung. Teams brauchen solche Querdenker, wenn sie nicht stagnieren sollen. Die das System auch mal infrage stellen. Die nicht nur bis zum nächsten Spiel gucken. Einmal im Monat, verrät er uns, sitzen die Scouts der Nationalmannschaft einfach zusam-men, trinken Kaffee und reden über die letzten Spiele. »Diese Erkenntnisse sind häufig die wichtigsten Momente in Bezug auf unsere Fortschritte«, sagt er. Als wir ihn treffen, schwärmt er noch immer von der Copa America 2015, die er vor Ort beobachtet hat, besonders vom chilenischen Fußball mit seiner »unglaublichen Zielstrebigkeit und Dynamik«. Christofer Clemens prophezeit dem Fußball eine noch stärkere Individualisierung der Ausbildung mit noch größeren Spezialistenteams.

Herr Clemens, Worauf achten Sie hauptsächlich, wenn Sie einen jungen Spieler beobachten?
Christofer Clemens: Der heutige Entscheidungsrahmen im Fußball ist sehr gering: Der Entscheidungsmoment ist von drei Sekunden auf eine Sekunde gefallen, der Platz schrumpft quasi von 50 mal 35 Meter wie vor zehn Jahren auf heute 35 mal 25 Meter. Früher ist Franz Beckenbauer sinnbildlich mit dem Mercedes durchs Spielfeld gefahren, jetzt brauchen wir eher einen Smart. Wir sprechen von Raum, Zeit und Gegnerdruck. Jemand, der diese Drucksituationen richtig und kognitiv schnell löst, der ist ein Talent. Alle anderen Inhalte wie Taktik, Schnelligkeit, Technik können unsere Trainer dem Spieler beibringen. Es wird zu viel nach dem Ist-Zustand gesichtet und nicht nach dem Potenzial.

Wenn Sie an der Spitze des Sichtungssystems diese Einsicht haben, wieso ist das bei den anderen Trainern noch nicht angekommen?
Christofer Clemens: DFB-Sportdirektor Hansi Flick hat ein paar neue Leitlinien aufgestellt, wie wir das Spiel verstehen wollen – daraus leitet sich auch eine klare Ausbildungs- und Trainingsvision ab. Wir haben etwa 40 externe Sichter plus unsere Trainer im DFB, die für uns Spiele beobachten. Gerade die externen Sichter sind früher leider nie geschult worden. Der Trainer weiß, ich suche noch einen Linksfuß, weil wir da ein Problem haben. Eigentlich müsste man aber vor allem Spieler suchen, die kognitiv diese Anforderungen auch unter Raum, Zeit und Gegnerdruck lösen können. Wenn man so sichtet, kann man auch sagen, den trainieren wir mal auch auf der Position eines Außenverteidigers.

U16-Nationalspieler Nic Kühn hat beim damaligen U15-Trainer André Schubert plötzlich Außenverteidiger gespielt. Dabei scheint er ein rich tiger Stürmer zu sein.
Christofer Clemens: Ich fand das gut, obwohl ich vom Vater dazu kritische Worte gehört habe. Von Schubert habe ich gehört: »Der kann halt Fußball spielen.« Nic gehöt sicherlich zu denen, die schon fußballerische Qualitäten mitbringen. Und es ist spannend zu sehen, ob jemand mit so hohen fußballerischen Qualitäen auch auf einer anderen Position klarkommt. Ein Au- ßenverteidiger muss eigentlich permanent im Spiel sein. Das ist mittlerweile eine der anspruchsvollsten Positionen, die auch spieltaktisch in der Offensive nicht zu unterscheiden ist von einer Nummer 10.

Können Sie ein Beispiel für diesen Wandel nennen?
Christofer Clemens: Ich nehme mal Jonas Hector vom 1. FC Köln. Der wurde in der Jugend als Zehner ausgebildet, hat den kompletten Weg als offensiver Mittelfeld- spieler gemacht und ist danach als Sechser zurückgezogen worden. Jetzt ist er Linksverteidiger. Man braucht eine extrem hohe kognitive Fertigkeit, das Spiel zu verstehen, Räume zu begreifen.

Es gibt aber Leute, die haben so ein Torjäger-Gen. Was sollen die hinten?
Christofer Clemens: Klar kann Nic Kühn, wenn er als Neuner ausgebildet wird, mit fünfundzwanzig vielleicht eine Rolle wie Mesut Özil einnehmen. Aber es ist auch wichtig, dass er lernt, unter den schwierigsten defensiven Bedingungen Fußball zu spielen. Er kann das sicherlich lösen, weil er das kognitiv kann.

Ist das eine Frage der Prioritätensetzung?
Christofer Clemens: Wenn alle Nachwuchsleistungschefs und Sportdirektoren sagen würden, bis zur Jugend-Bundesliga – also bis U17, U18 oder U19 – sprechen wir zuvorderst nur über die Ausbildung, bei der das Resultat wichtig, aber nicht das Wichtigste ist, sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Beim FC Valencia gilt bis zur U17 der Leitsatz »Train to compete«, also trainieren, um das Wettkampfgefühl kennenzulernen.

Und später?
Christofer Clemens: Erst ab der U19 gilt der Leitsatz »We train to win«. Also wir trainieren, um zu siegen. Im jüngsten Bereich bis zu den U15 gelten Leitsätze wie »We train to understand the game«, »We train to have fun«. Es steht dort also ganz klar die Ausbildung im Vordergrund und nicht das Siegen. Auch in der Schweiz gibt es inzwischen solche Ansätze. Und beim DFB können wir auch einen anderen Weg aufzeigen. Natürlich soll eine U17 und U19 bei einer EM oder WM den maximalen Erfolg anstreben und auch Titel gewinnen. Aber wenn am Ende drei Spieler den Schritt in die A-Mannschaft machen, ist das Ausbildungsziel auch erreicht.

Was spricht gegen diesen Ausbildungsweg?
Christofer Clemens: Die Gretchenfrage heißt: Bilden wir jetzt in erster Linie für den Seniorenbereich aus, oder wollen wir sofort sportlichen Erfolg? Das eine schließt das andere ja nicht aus. Ich mache keinem Trainer einen Vorwurf, wenn er resultatorientiert agiert. Viele Jugendtrainer haben nur Ein-Jahres-Verträge und stehen schon im Juniorennfußball unter extre- mem Erfolgsdruck. Das ist die Crux.

Wann ist klar, wo ein Spieler als Profi eingesetzt wird?
Christofer Clemens: Man muss genau schauen, wo ein Spieler die größte Wirksamkeit für eine Mannschaft haben kann. Felix Passlack von Borussia Dortmund war bei der U17 einer der besten Spieler. Er prägte als offensiver Flügelspieler das Spiel und ist zudem Kapitän des Teams. Er hat aber auch schon im zentralen Mittelfeld gespielt oder im rechten Mittelfeld. Seine Position in der Zukunft könnte aber auch der Außenverteidigerposten sein. Hier ist sicher auch der Dialog zwischen Verein und Verband wichtig, um ein Talent weitestmöglich zu fördern.

Der DFB hat mit Thomas Tuchel gesprochen?
Christofer Clemens: Nein. Natürlich gibt es eine Grenze zwischen Verein und Verband. Aber wir teilen unsere Sichtweise schon mit und sehen unsere Rolle auch darin, zuzuhören, wie die Bedürfnisse der Vereine sind. Thomas Tuchel und Jogi Löw haben eine hohe Wertschättzung füreinander, genauso wie Guardiola und Löw. Davon profitiert auch die Nationalmannschaft.

Buch: "Die Zukunft des Fußballs" Ralf Lorenzen und Jörg Marwedel: Die Zukunft des Fußballs. Woher die nächsten Weltmeister kommen – Recherchen im System Jugendfußball“,  KJM Buchverlag, ISBN 978-3-945465-16-5, 144 Seiten, 15 Euro


Klicken Sie hier, um Teil zwei des Interviews mit Christofer Clemens zu lesen: Ballbesitz oder Chaosfußball.



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