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INTERVIEW
„Ancelotti ist ein stolzer Mann mit feiner Ironie“
Massimo Morales, 52, Trainer und Diplomkaufmann, wohnt in München, fühlt sich aber überall zuhause, und ist kein Unbekannter. Als Assistent und Übersetzer von Giovanni Trapattoni saß er bei Bayern München auf der Bank, und nahm dem Maestro Trapattoni einiges ab. Fortuna Düsseldorf ebnete Morales den Weg nach oben, und auch in Tschechien feierte der Italiener den Aufstieg. Die Stuttgarter Kickers rettete Morales, wurde danach aber dennoch entlassen. Im Interview spricht Morales offen über Trends, Intrigen und Carlo Ancelotti. Interview Giovanni Deriu.

 

Massimo MoralesAutogrammkarte: Massimo Morales im Jahre 2004 als Trainer bei Fortuna Düsseldorf.

 

Herr Morales, wo erreichen wir Sie gerade?
Massimo Morales (MM): Ich bin gerade aus England wieder zurück, wo ich viele Spiele in der Premiere League bis hinunter zur League 2, der vierten Liga, angeschaut habe. Hin und wieder waren auch ein paar U21-Juniorenspiele darunter.

Erst retteten Sie 2013 die Stuttgarter Kickers aus fast aussichtsloser Lage, danach mussten sie gehen. Haben Sie nach der „Schnitzelaffäre“ bei den Stuttgarter Kickers keine Lust mehr auf deutschen Fußball?
MM: (lacht herzlich auf)... aber natürlich. Deutschland bleibt immer interessant, und außerdem muss ein junger Profi wissen, wie er sich vorbereitet, und wie er sich zwei Stunden vor dem Training ernährt. Wo die Kickers jetzt stehen, sieht man ja. Die Sache ist aber längst gegessen...

Sondieren Sie gerade Anfragen, und woher kommen diese?
MM: Ja, Angebote liegen vor, auch aus Südamerika und Asien. Ein kolumbianischer Topclub wollte mich auch. Aber momentan ist meine Intention ganz klar, weiterhin in Europa zu arbeiten.

Könnten Sie sich auch damit anfreunden, "nur" als Scout und Fußballexperte,wie im italienischen Fernsehen, tätig zu sein, oder juckt es Sie, selbst aktiv auf dem
Platz zu stehen?
MM: Ich möchte auf jeden Fall wieder auf dem Platz stehen, und ein ambitioniertes Team trainieren. Das Scouting und die Arbeit beim Fernsehen sind eine wunderbare Möglichkeit, im Fußballbusiness mittendrin zu sein. Mit einer Sieg-Unentschieden-Quote von 70-Prozent, sehe ich keinen Grund als Trainer aufzuhören.

Momentan geht der Trend aber auch wieder weg von den ganz jungen (Konzept-) Trainern wie Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel oder Thomas Schneider, und dafür hin zu den älteren erfahreneren Trainern. Wie sehen Sie das?
MM: Trends im Fußball sind nur für die, die keine klaren Vorstellungen oder
Ideen haben. Man sollte immer nach anderen Kriterien unterscheiden, wie qualifiziert ist der Trainer, passt er zum Club und Umfeld? Aber wichtig ist das Alter nicht nur im Trainerberuf, sondern allgemein. Ältere Trainer mit Erfahrung bleiben in schwierigen Situationen ruhiger.
 Die erfolgreichen Trainer waren und sind letztendlich meistens reife Männer. Und Konzepte haben sie auch, glauben Sie mir. Es ist komisch, dass in Deutschland ältere Trainer immer mit altmodischen Trainingsmethoden verbunden werden. In Italien und England oder Spanien gibt es solche Diskussionen gar nicht. Junge Trainer lernten immer von Trainern wie Trapattoni, Arrigo Sacchi, Fabio Capello oder Ancelotti. Da ist immer Respekt da.

Ganz konkret?
MM: Tuchel hat schon viel bewiesen. Dem jungen Nagelsmann ist die
erste Vorstellung gelungen, und er ist sicherlich talentiert. Zu Thomas Schneider kann ich nicht so viel sagen, der VfB Stuttgart hatte wenig Geduld mit ihm. Jetzt kann er beim Bundestrainer dazu lernen. Weinziel zähle ich aber sicherlich unter den Besten seiner Generation. Und Ralf Rangnick ist eine Klasse für sich ...

Schildern Sie doch bitte kurz, wie man Ihre Fußball- und Spielphilosophie beschreiben könnte, wie sehen Sie diese selbst? Muss die Null stehen, oder finden viele Tore besser? Lieber ein 4:3 als 1:0? Immerhin waren Sie Trapattonis Assistent …
MM: Ich komme klar aus der italienischen Fußballschule, in der taktische Flexibilität immer weit oben stand. Taktisch sehr versiert. Doch die wenigsten wissen, dass ich Ende der 80er, Anfang der 90er-Jahre in der Ajax-Schule die ersten Schritte als Trainer machte. Ich konnte Johann Cruijffs Werk täglich beobachten. Also, ich lege viel Wert auf individuelle Technik und eine schnelle Offensive. Dann kommt der deutsche Einfluss mit Kampfgeist und Teamgeist, der extrem wichtig ist, um zu gewinnen. Außerdem, neben Trapattoni, von dem ich absolut viel mitgenommen habe, arbeitete ich beim AC Mailand als Scout zwei Jahre ganz eng mit Arrigo Sacchi und Fabio Capello zusammen. Diese Zeit war sehr interessant und lehrreich.
Im Fußball zählt am Ende das Resultat, ob mit vielen oder wenigen Toren. Meine Spielphilosophie hängt vom Spielerkader ab. Aber das 4-3-3 ist schon mein System.

Immer mehr italienische Trainer setzen ihre Stempel und Handschrift im Ausland auf. Claudio Ranieri schaffte das Wunder von Leicester, aber auch Luciano Spalletti , Gianni De Biasi (Albaniens Nationaltrainer), Ancelotti oder früher Trapattoni hatten große Erfolge. Sie haben auch Erfolge gefeiert, ob in Afrika mit Ghana, oder in Tschechien. Wie lautet Ihre Erklärung dafür?
MM: Klar, die Resultate sprechen in all den Jahren für die italienischen Trainer. Ranieri, immerhin 64 Jahre alt, ist das letzte große Beispiel mit dem Wunder von Leicester, das eigentlich kein Wunder ist, sondern das Ergebnis guter solider Trainerarbeit.
Die „NBA“ des Fussballs, ist derzeit die Premiere League in England, und die holt sich viele Italiener, das muss was bedeuten. Viele sind im auch im Hintergrund in den Juniorenabteilungen. Ich denke, dass die italienischen Trainer immer offen und flexibel geblieben sind, auch im Austausch mit anderen Nationen. Wir lernen, taktisch flexibel zu sein. Wir legen Wert auf Details. Wir schonen der Spieler körperlich, legen aber viel Wert auf regeneratives Training. In Italien nehmen die Trainer Rücksicht, mit einem Brasilianer hat man einen anderen Umgang im Training als mit einem Holländer beispielsweise. Egal ob der fremde Spieler unsere Sprache spricht. In Deutschland heißt es immer, Du musst Deutsch lernen, sonst bleibst Du Außenseiter. Das musste auch ich oft erleben. Dabei spreche ich sechs Sprachen, und konnte relativ früh auch gut Deutsch sprechen. Dennoch wurden mir Chancen verwehrt. Das schmerzte früher ein bisschen. Ein so genannter Kollege hat mich einmal in einem Verein richtig schlecht geredet, und am Ende bekam ich den Job in der Nachwuchsabteilung auch nicht. Undenkbar wäre so etwas in Italien, wo der Respekt untereinander schon größer ist. Wir Italiener respektieren fremde Kulturen, so stellt sich der Erfolg ein. Und wer wie ich in Afrika trainiert hat, zu Zeiten, als es noch keine ausgefeilten Medien wie WhatsApp und andere Dinge gab, den schockt nichts mehr …

Fühlen Sie sich mehr als Deutscher, Italiener oder europäischer Italiener? Was macht sich in Ihrer Spielweise bemerkbar?
MM: Also ich sehe mich sicher als Italiener, der ein starkes Gefühl für Europa hat, ich spreche sechs Sprachen und lebe von der Kommunikation. Ich schätze Deutschland sehr, fühle mich hier auch wohl, und meine ersten Trainerscheine machte ich auch in Deutschland. Es war aber nicht immer einfach. Im Spiel meiner Teams, waren immer viele Elemente vorhanden.

Was geben Sie anderen (Junioren-)Trainern mit auf den Weg, die nicht diebesten Talente um sich haben, aber oft schon in untersten Ligen am Erfolg gemessen werden?
MM: Trainer zu sein ist sehr schwierig. Je weiter oben Du trainierst, braucht jeder Coach eine Lobby. Charakterstärke ist wichtig, und seinem Weg treu bleiben, aber immer offen sein für Korrekturen.

Was ist notwendig, um mit seinem Talent ggf. wirklich Profi werden zu können, wann zeichnet sich der Weg im Juniorenbereich wirklich ab?
MM:  Talent muss man haben, dann ist es egal, ob Du physisch sehr stark oder weniger stark bist. Die Basics am Ball muss der Spieler beherrschen, Technik ist sehr wichtig. Glück gehört auch dazu, den richtigen Club und Trainer zu finden. Und natürlich die Bereitschaft und den Willen, alles zu geben, und auch auf vieles zu verzichten. Im Alter von sechzehn und siebzehn kann man zumindest ahnen, ob der Weg in Richtung Profi zeigen könnte.

Herr Morales, Sie sind zudem als Scout bekannt und anerkannt in der Branche, Carlo Ancelotti ist auch kein Fremder für Sie, was meinen Sie, wie wird er nach der Ära Pep Guardiolas bei den Bayern, den Verein für sich gewinnen, und, wird Ancelotti das Ärzteteam auch so stressen?
MM: Carlo Ancelotti ist ein sehr erfahrener Mann, der bei vielen großen Clubs sehr erfolgreich gearbeitet hat. Manchmal scheint er ein wenig phlegmatisch zu sein, ist es aber gar nicht. Er beobachtet viel und bekommt alles mit. Außerdem hat er einen Sinn für feine Ironie, und auf Fremde wirkt er manchmal sarkastisch. Jedenfalls findet er mit den Bayern einen super organisierten Verein vor, mit einem starken Kader. Da sollte nichts schief gehen, und Probleme mit der medizinischen Abteilung gab's schon zu Trapattonis Zeiten. Also nichts Außergewöhnliches. Ich glaube aber, dass Carlo ein bisschen schlauer als Guardiola mit dieser Thematik umgehen wird.

Zuletzt Herr Morales, Sie wird man also nicht an der Säbener Straße neben Carlo Ancelotti auf dem Trainingsplatz, oder dahinter im Trainerstab allgemein wieder sehen?
MM:  Nein, das Thema stand nie wirklich zur Debatte, Ancelottis Berater meinte, die Bayern wollten bewusst keinen deutschsprechenden italienischen Assistenten. Ich glaube aber auch, dass das Trainerteam bestens aufgestellt ist. Aber sollte eine Anfrage kommen, würde ich sie mir natürlich anhören. Bayern bleibt immer Bayern. Ich kenne die DNA  des Clubs.


Das Interview führte Giovanni Deriu, 44, Sozialpädagoge und Journalist.
Deriu analysiert und beobachtet Trainerbiografien.

 

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