Zurück  |  

INTERVIEW
„Befreien von dem, was einen nach unten zieht“
Einst stieg Martin Andermatt sensationell mit dem SSV Ulm in die Bundesliga auf, anschließend trainierte er Eintracht Frankfurt. Inzwischen sitzt der 54-Jährige Schweizer im Aufsichtsrat bei Hannover 96. Interview Giovanni Deriu

 

Martin AndermattErfolgreicher Trainer, jetzt im Aufsichtsrat von Hannover 96: Martin Andermatt. Foto Pixathlon

 

RUND: Herr Andermatt, wo erreichen wir Sie gerade?
Martin Andermatt: Sie erreichen mich zu Hause in der Schweiz.

RUND: Haben Sie eigentlich von der Bundesliga die Nase voll, weil man sie bei keinem Team mehr gesehen hat. An Anfragen mangelte es sicher nicht, oder?
Martin Andermatt: Ich bin nun eben in einem anderen Bereich tätig, und zwar im Aufsichtsrat von Hannover 96, im Bereich Sport und Entwicklung. Eine etwas andere Aufgabe, aber nicht weniger verantwortungsvoll, der Erfolg ist immer das Ziel, aber wir setzen auf Tiefe und Nachhaltigkeit.

RUND: Wie kam es dazu, möchte Präsident Kind neue Wege gehen?
Martin Andermatt: Das fragen Sie am besten den Präsidenten, aber der Kontakt besteht schon seit Jahren, und dann kam die Anfrage, Ich freue mich auf diese interessante Aufgabe.

RUND: Erzählen Sie bitte einmal rückblickend, worauf der schnelle Erfolg beim SSV Ulm, der im Bundesliga-Aufstieg mündete, aufbaute … der Aufstieg glich einem Wunder.
Martin Andermatt: Die ganze Vorbereitung hatte gepasst, auch durch die strategische Arbeit von Ralf Rangnick. Wir hatten eine intakte Mannschaft. Alle Charaktere haben zusammen gepasst. Auch das Timing, das Richtige im richtigen Moment zu tun, hat gestimmt. Im Hintergrund der Mannschaft wurde sagenhaft voller Enthusiasmus gearbeitet.

RUND: Wie nahmen Sie das Geschehen und die Euphorie in der Universitäts- und Studentenstadt Ulm damals wahr?
Martin Andermatt: Also gerade für das „Schwabenländle“ war die ganze Situation sehr euphorisch, und als der Aufstieg dann bewerkstelligt wurde, hieß das Motto, „Ein Jahr lang feiern“. Vielleicht hätten wir ausgeben sollen, „ewig feiern“, (lacht Andermatt). Nein, im Ernst, nach einer Saison ging es leider wieder runter … Aber die Erlebnisse in Ulm waren schon einmalig. Fans die am Abend vor der Vergabe der Saisonkarten vor dem Kassenhäuschen übernachtet haben. Die kleine Stadt atmete gemeinsam Bundesliga-Luft. Diese Zeit habe ich extrem positiv erlebt. Auch wie man sich gemeinsam gegen Niederlagen aufbäumte und anschließend wieder aufgebaut hat untereinander. Das kleine Ulm quasi gegen den Rest der Bundesliga. Die ganz Großen wollten den SSV nicht unbedingt oben haben – sie sahen keinen großen wirtschaftlichen Nutzen …

RUND: Weshalb ging es dann aber nach einer Saison wieder bergab in die 2. Bundesliga? Aus dem langen Abstand gesehen, wo lagen die Gründe?
Martin Andermatt: Vielleicht lag es auch an den wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten, die eben eine Nummer kleiner waren als anderswo. Im Winter konnten wir nicht nachlegen mit Spielerverpflichtungen. Vielleicht hätte die Punkteausbeute heute gereicht. Am Schluss fehlte uns das nötige Glück gegenüber dem Kontrahenten Hansa Rostock. Außerdem stemmte der kleine Verein SSV dann auch noch ein Basketball- und ein Volleyball-Team. Das bündelte Kräfte und Geld. Im Nachhinein tat es schon ein bisschen weh, zu sehen, wie die SSV Ulm 1846 sportlich und wirtschaftlich auseinanderfiel.

RUND: Sehen Sie heute noch Mannschaften, die nach Ihrem damaligen Ulmer-System spielen, oder diesem nahe kommen?
Martin Andermatt: Also, was die konzeptionelle Arbeit betrifft, waren wir damals sicherlich schon sehr weit. Ob anhand des 4-4-2-Systems, mit der Raute, oder aufgerückter Abwehrkette und raumorientiert. Auch haben wir im Team und Trainerstab alle gezielt Spiele vor- und nachbereitet. wir haben uns in Ulm nach unseren Möglichkeiten mit dem Umfeld und dem Fußball sehr gut identifiziert.

RUND: Von Ulm gingen Sie nach Frankfurt, und man weiß, die Eintracht hatte nie ein leichtes Umfeld, was bewirkten Sie letztendlich in Frankfurt? Wie bewerten Sie diese Zeit, als Erfolg, Misserfolg oder weder noch?
Martin Andermatt: Ich musste schnell handeln in der 2. Bundesliga, die Eintracht war gerade abgestiegen. Erst einmal ging es um Analyse und Konsolidierung. Den sofortigen Aufstieg anzupeilen, dabei aber auch das spezielle Umfeld zu strukturieren, war eine große Herausforderung. Erst dann konnte ich die nötigen Veränderungen angehen, um das Team zu festigen. Ich bin überzeugt, dass dies ein wichtiger Baustein war, Strukturen und Konzepte in die Wege zu leiten, welche der Eintracht dazu verholfen hat, im nächsten Jahr aufzusteigen.

RUND: Sie sind immer noch ein gefragter Mann und Experte, nehmen auch bei den internationalen Trainertagungen als Gesprächspartner teil. Was vermitteln Sie heute? Eine bestimmte Fußballphilosophie, ein bestimmtes System, oder vielleicht die Art und Weise, wie Trainer agieren sollen?
Martin Andermatt: Ich bin zwar noch ein Stück weit Nostalgiker, und halte soziale und menschliche Werte sehr hoch, aber „blauäugig“ bin ich nicht! Ich weiß, dass es im Profifußball immer um Erfolg und Wirtschaftlichkeit geht. Die Frage ist immer, wie sieht meine/unsere Vision aus. Und welche Massnahmen können wir einsetzen, um diese kurz oder mittelfristig zu erreichen.
Es sollte vermehrt an den Inhalten der tollen Konzepte gearbeitet werden, die immer wieder neu überarbeitet werden, sei es zur Übermittlung der Philosophie und derer Spielidee. Die große Kunst besteht darin, an der richtige Stelle die richtigen Personen mit den dazugehörigen Fähigkeiten einzusetzen,. Hinzu kommt dass positive Emotionen vorhanden sind, denn diese gehören dazu. Einem Kader, einem Team, den Spielern vermitteln zu können, dass sie ein Bespiel für Jugendliche sein können. Vorzuleben, dass Passion dazu gehört, mutig zu sein, ohne Vorbehalte, mit der richtigen Einstellung, mit Fleiß voran zu gehen. Um sich Wünsche erfüllen zu können. „Wenn man fliegen will, muss man sich von dem befreien, was einem nach unten zieht.“


RUND: Sie haben viele Erfahrungen mit den so genannten „Underdogs“, reizt es Sie, auch kleine Teams zu pushen, groß heraus zu bringen? Auch als Nationalcoach Liechtensteins feierten Sie Achtungserfolge, etwa das 2:2 gegen Portugal.
Martin Andermatt: Bei Mannschaften mit weniger Mitteln muss man noch gezielter arbeiten und auf die Details achten. Auch die wirtschaftliche Entwicklung muss aber immer mit berücksichtigt werden. Spieler sind oft das Kapital eines Vereins. Und ganz bescheiden sage ich auch, gute Spieler machen auch einen guten Trainer, und oft werden die gute Spieler  trotz Trainer gut. Bin ich ein guter Trainer, entwickle ich einen Spieler 20 bis 30 Prozent weiter, ich steigere sein Potenzial. Mache ich einen schlechten Job stagniert die Entwicklung der einzelnen Spieler und ich schwäche ihn bis zu 50 Prozent. Als Trainer oder Staff muss man die Gabe haben, die Spieler von der Nummer eins bis zur 30 leistungswillig zu behalten. (Mit ehrlichen Gesprächen oder gezielten Vorgaben). Bei den kleineren Teams also,  den sogenannten „Underdogs“ wie sie sagten, kommt es darauf an, dass man das Machbare glaubt. Von zehn Mal kann man neun Mal verlieren, aber das eine Mal, wo ich etwas gewinnen kann, sollte ich so vermitteln, dass es jedesmal möglich ist. Als Trainerausbildner, der Begriff gefällt mir, bildet man Spieler und auch sein Umfeld weiter. In einem funktionierenden Team muss man auch kontroverse Meinungen offen diskutieren können. Als Trainer/Ausbilder seine Spieler deren Stärken kennen und wo man die Spieler verbessern kann  und /oder sie zu begleiten, dies ist doch eine tolle Herausforderung.
Bei der Analyse frage ich mich immer, a) was war gut?  b) was können wir wie verbessern? Und c) … bis wann?

RUND: Liest man in Büchern über Jogi Löw, stößt man auch auf Ihren Namen, und sie heben Löws Assistenten und Chefanalyst Urs Siegenthaler hervor, durch dessen Schule auch Sie selbst gegangen sind? Was zeichnet Urs Siegenthaler speziell aus, und was die Schweizer Trainerausbildung im Allgemeinen, schließlich machte auch Jogi Löw als Spieler wie auch als Trainer seine ersten Trainer-Scheine und Erfahrungen in der Schweiz …
Martin Andermatt: Also, zunächst einmal zeichnen sich die Nähe und die kurzen Wege in die Schweiz aus. Außerdem konnte sich da wohl über zehn Jahre eine Spiel-Ausbildungs- und Lern-Philosophie mitentwickeln.
Löw und Siegenthaler verfolgen ihre eigenen Ideen. Jeder für sich zunächst. Siegenthaler war schon immer als „Querdenker“ bekannt, aber stets verfolgte er mit den Mitarbeitern um sich die gleichen Ziele, nämlich, Erfolg zu haben. Urs Siegenthaler zeichnet aus, auch andere Gedanken zu zu lassen. Dass Löw Weltmeister wurde hängt auch damit zusammen, dass er sich stets verbessern wollte, sowie die Spielweise des Nationalteams. Siegenthaler hat viel analysiert, viel Wissen bereit gestellt, und Jogi Löw wiederum wusste es, Siegenthalers Know-how situativ richtig zu nutzen. Und das eben recht erfolgreich. Das Timing stimmte.

RUND: Herr Andermatt, wir bedanken uns für das Gespräch.
Martin Andermatt: Sehr gerne.




Zurück  |