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INTERVIEW
„Für Vuvuzelas fehlt das Geld“
Teil 2 des Interviews mit Tim Jost, 23, der den tansanischen Erstligisten Toto Africans trainiert. Interview Matthias Greulich

Tor für die Toto AfricansLeere Ränge im Kirumba-Stadion: Die Toto Africans bejubeln ihre Treffer meist vor einigen Hundert Fans

 
 
RUND: Herr Jost, wie viele Fans sehen Toto im Stadion?
Tim Jost: Das Kirumba-Stadion ist klasse, wenn es mal ausverkauft ist. Es passen 35.000 Zuschauer rein. Zu den normalen Spielen sind nur bis zu 1.000 Zuschauer da. Gegen Simba und Yanga kommen schon so 8.000, was relativ cool ist. Jeder in Tansania, der ein bisschen fußballverrückt ist, ist entweder Fan von Simba oder Yanga. Wenn Simba in Mwanza spielt, sind mehr Simba- als Toto-Fans im Stadion. Es gibt hier mehr Fans von Simba als von uns. Das Gute für uns ist, dass die Fans von Younga auch ins Stadion kommen. Nicht weil sie uns gut finden, aber weil sie Simba nicht mögen.
 
RUND:  Ist es laut?
Tim Jost: Ja, es ist wirklich laut und es wird sehe sehr viel getanzt. 90 Minuten ohne Pause. Einige haben ihre Trommeln dabei und machen die ganze Zeit Stimmung. Das ist cool. Aber ausgeprägte Fangesänge gibt es jetzt nicht. Vuvuzuelas sind selten, weil sich das kaum jemand leisten kann.
 
RUND: Können Sie mit Videoanalysen arbeiten, wie Sie es an der Sporthochschule gelernt haben?
Tim Jost: Am Anfang wollte ich versuchen, mir von jedem Team Videos für die Analyse zu holen. Die Platzgegebenheiten sind aber so katastrophal, dass man auf den Videos kaum etwas erkennen kann. Weil die Spielanlage der Mannschaft so abhängig vom Geläuf ist. Bei schlechten Plätzen geht einfach nur der lange Ball. Bei Passfolgen wäre die Fehlerquote viel zu hoch.
 
RUND: Hat Ihr Team ein Niveau, das der Regionalliga in Deutschland entspricht?
Tim Jost: Das ist super schwierig zu sagen. Die guten Mannschaften in der tansanischen Liga könnten mindestens Dritte Liga spielen. Es sind fast nur Nationalspieler. Simba, Young Africans und Azam haben auch internationale Spieler. Sie holen sich Spieler aus dem Großraum Ostafrika. Tansania verliert in der WM-Qualifikation gegen Nigeria nur 1:0. Das ist dann schon verwunderlich gut. Die schlechteren Mannschaften haben Regionalliganiveau.
 
RUND: Für Sie als sehr junger Trainer ist es dennoch ungewöhnlich auf diesem Level zu arbeiten.
Tim Jost: Es ist sehr anspruchsvoll und lehrreich für mich. Die Spieler akzeptieren mich. Es hätte ja sein können, dass sie mir nicht zuhören, weil ich jünger als sie bin. Unser Kotrainer hat sich schon beschwert, dass die Spieler nicht auf ihn, sondern auf den Mzungu, so werden die Weißen hier genannt, hören. Die Rückmeldung der Spieler ist klasse. Das Training vieler tansanischer Trainer kommt eher aus der alten Schule: Kondition bolzen, rennen bis zum Umfallen.
 
RUND: Welche internationalen Ligen schauen sich die Fans in Tansania an?
Tim Jost: Sie wissen alles über die englische Premier League. Hier kann man sich jedes Ligaspiel aus England oder Spanien live angucken. Die Premier League steht aber im Vordergrund. Die Fans wissen mehr über den englischen Fußball als in Deutschland.
 
RUND: Auf der Straße sieht man viele Kinder barfuß kicken.
Tim Jost: Es ist unglaublich. Die Kinder spielen alle fast barfuß. Oder es teilen sich zwei Leute ein Paar Schuhe. Damit jeder schießen kann, weil es sonst zu sehr schmerzt. Selbst bei uns, in der ersten Liga, haben einige am Anfang der Saison keine richtigen Schuhe gehabt. Am Anfang der Saison findet ein Probetraining statt, wenn der Kader noch nicht feststeht. Spieler haben die Möglichkeit, sich zu bewerben. Es ist wie ein Casting. Wir als Trainer haben eine Woche drüber geschaut, um einzelnen Spielern die Chance zu geben. Ich kam in Fußballschuhen und habe mir die Sache in Stutzen angeschaut, weil ich meine Schuhe verliehen habe. Auf den Märkten sieht man Fußballschuhe, die komplett aus Plastik sind. Das ist fast so als hätte man einen Gummischlauch als Schuh. Die sind am günstigsten. Viele Spieler können sich normale Fußballschuhe nicht leisten.
 
 
Klicken Sie hier, um Teil eins des Interviews zu lesen
„Unser Zauberer wurde abgesetzt“
Verglichen mit ihm sind Julian Nagelsmann und Hannes Wolf alte Säcke: Tim Jost, 23, ist Trainer der Toto Africans. Sein Team kämpft in der Premier League in Tansania gegen den Abstieg.

 Toto Africans Kinder mit VereinsfahneEhrenrunde in Mwanza: Kinder mit der Vereinsfahne der Toto Africans



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