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PORTRÄT
Das Narbengesicht
Franck Ribéry ist der Star beim FC Bayern. Schon mehrfach lief in der Karriere des französischen Nationalspielers alles schief, doch der Mann mit der Narbe biss sich immer wieder durch. Von Marc Beaugé

 


Eine unglaubliche Karriere: Franck Ribéry wird zu den Bayern wechseln Illustration Katharina Gschwendtner


Ein Dribbling, kurz, flink, linker Fuß, dann rechter Fuß, und die Abwehr ist verloren. Ein Tor gegen Spanien, das alles verändert und die französische Mannschaft auf den Königsweg schickt. Er spielt eine WM auf hohem Niveau und bekommt eine Reihe prestigeträchtiger Anfragen von Klubs wie Olympique Lyon, FC Arsenal, Bayern München. Doch noch wichtiger: Er beweist Haltung und einen unaufhörlichen Enthusiasmus. Er spielt frischen und erfrischenden Fußball. Doch Franck Ribéry ist vor allem die Geschichte einer Narbe.

15 Zentimeter auf der rechten Gesichtshälfte. Zehn Zentimeter auf der Stirn. Seine Feinde nennen ihn „Frankenstein“; seine Fans gaben ihm in Anspielung auf den Mafiaboss Al Capone den Namen „Scarface“. Er selbst erzählt ohne falsche Scham: „Das war ein Autounfall in meiner Kindheit. Ich bin durch die Windschutzscheibe geflogen und hatte großes Glück, dass es nicht aus war mit mir. Auf gewisse Weise hat mir dieser Unfall geholfen, als Kind hat er mich motiviert.“

Boulogne-sur-Mer, Nordfrankreich. Familie Ribéry lebt in einer Siedlung mit 12.000 Einwohnern, die Arbeitslosenquote reicht an die 60 Prozent. „Ich war ein Kämpfer“, erinnert sich Franck. „Bei allen Spielen, selbst wenn es um nichts ging, mochte ich nicht verlieren.“ Mit zehn Jahren kann der Junge 400-mal den Ball hochhalten, mit 13 führt ihn sein Talent ins Ausbildungszentrum von Lille. Doch die Sache geht schief: Franck Ribéry fliegt wegen Schulproblemen aus dem Internat und kehrt zu seinen Eltern zurück. Es sieht so aus, als würde aus ihm ein typischer Loser. Bei Boulogne-sur-Mer, dem Verein seiner Kindheit, glaubt niemand so recht an ihn. Sein Gehalt beträgt 150 Euro im Monat.

Richtung Alás, Südfrankreich. Ein Hoffnungsschimmer. Doch dem Drittligaklub geht es nicht gut, er kann seine Angestellten nicht bezahlen. Franck Ribéry hat Mühe, die Miete für seine Unterkunft aufzubringen und findet auf dem Rasen seinen Platz nicht. Erneute Rückkehr nach Boulogne-sur-Mer, die Laufbahn als Loser zeichnet sich immer deutlicher ab. Während seiner Arbeitslosigkeit zieht er die Aufmerksamkeit eines Kameruner Agenten, John Bico, auf sich. „Zu der Zeit traten sich die Vereine nicht gerade auf die Füße“, erinnert sich Bico. „Franck hatte einen schlechten Ruf. Er war der Prototyp des Kerls, der nichts weiter tut, als in den Straßen von Boulogne rumzuhängen, unfähig, auch nur ein Formular für die Sozialversicherung auszufüllen oder sonst irgendetwas zu tun.“ Um ihm zu helfen, lässt ihn sein Vater zwei Monate lang auf öffentlichen Baustellen arbeiten, „sämtliche Erdarbeiten, Leitungen legen, Löcher machen und schließen, all das“, sagt Ribéry. „An der Seite meines Papas zu arbeiten war eine Lehre für mich. Als mir Brest einige Monate später einen Vertrag anbot, habe ich angefangen, ernsthaft zu schuften.“

In der Bretagne, in der dritten Liga, wächst Ribéry schließlich. Er verdient 2500 Euro monatlich und schafft es zum ersten Mal, sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken. „Zu dem Zeitpunkt habe ich über meine Frau Wahiba den Islam entdeckt. Sie war es, die mich eingeführt und geleitet hat. Für mich ist der Glaubenswechsel unausweichlich geworden. Der Islam hat mir geholfen, in bestimmten schwierigen Momenten innere Ruhe zu finden. Vor jedem Spiel bete ich“, erklärte er der Zeitschrift „L’Equipe“.

2004 wechselt Ribéry zum FC Metz. Im August wird der Außenstürmer zum Spieler des Monats der Ligue 1 gewählt. Doch Ribéry wird in eine Schlägerei in einem Nachtclub verwickelt. Sein Präsident beschließt, ihm die versprochene Gehaltserhöhung zu verweigern. Es kracht, und es folgt die unvermeidbare Trennung. Nach schwierigen Verhandlungen macht Galatasaray das Rennen und lernt sein Talent schnell kennen: Beim Finalsieg um den türkischen Pokal gegen Fenerbaháe schießt Ribéry ein Tor und bereitet zwei für seine Mannschaftskollegen vor. Im Stadion Ali Sami Yen improvisieren die Galatasaray-Fans an jenem Tag ein Lied zu Ehren des Franzosen: „I love you, Ribéry, Ribéry, Ribéry!“

Doch das Schicksal wiederholt sich. Wie einige Jahre zuvor Alás kann Galatasaray das Gehalt seines Spielers nicht mehr zahlen, es folgt ein weiterer Wechsel, dieses Mal nach Marseille. In einem begeisterten Stade Vélodrome und unter dem Kommando von Jean Fernandez, seinem ehemaligen Trainer aus Metz, ist Scarface sensationell. Tore, Pässe, Dribblings, er ist Spielmacher und Animateur. Der Rest ist Legende. Nach langem Zögern beschließt Nationalcoach Raymond Domenech schließlich, den Jungen mit zur Weltmeisterschaft zu nehmen und wird belohnt.

Daraufhin wollen große Vereine Ribéry verpflichten, der Angreifer ist wechselwillig, doch er muss in Marseille bleiben. „Um keinen Preis“ werde man ihn verkaufen, sagte Marseilles Sportdirektor José Anigo, dessen Ruf in Frankreich kaum schlechter sein könnte. Anigo ist mit einem Mitglied der lokalen Mafia befreundet und hat Olympique-Finanzdirektor Thierry de la Brosse in der vergangenen Saison öffentlich mit dem Tod bedroht. Seitdem wird gerätselt: Ist es reiner Zufall, dass Ribéry in seinem Haus von unbekannten Männern bedroht wurde? Zumindest wurden seine Abwanderungsgelüste gedämpft. Doch Ribéry wird nicht ewig in Marseille bleiben: „Noch vor wenigen Monaten war ich nichts. Ich habe in den Straßen von Boulogne herumgelungert. Nun habe ich ein Weltmeisterschaftsfinale bestritten, und so muss ich weitermachen. Ich habe mich zu sehr abgerackert, um jetzt Halt zu machen. Sie werden schon sehen.“

Der Text ist in der Oktober-Ausgabe von RUND erschienen.


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