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TRAINERDISKUSSION
FC Bayern: Kovac vor dem Abflug?
Conte, Mou oder doch wieder Pep? Wer zieht sich die Bayernlederhose wieder an? Von Giovanni Deriu

 Antonio ConteBehielt auch im Regen von England meist den Überblick: Antonio Conte, der mit Chelsea Meister wurde.
Foto Pixathlon

 

Sieht so etwa der Respekt vor dem amtierenden Bayern-Trainer Niko Kovac aus, der immerhin mit dem FC Bayern noch das Double holen kann? Und das, in seiner ersten Saison an der Säbener Straße? Wie hieß es doch zu Beginn, Kovac habe sich nicht nur mit der hervorragenden Vorsaison bei der Frankfurter Eintracht und dem DFB-Pokal-Sieg (über die Bayern) empfohlen, sondern auch deshalb, weil der kroatische Trainer und ehemalige Nationalspieler auch das „Bayern-Gen“, die Münchener DNA, in sich trage – dieses, „Mir san mir“. 

Aber, das Double reicht den Bayern auf Dauer eben nicht. Es muss schon die Champions-League sein, zumindest aber das Erreichen des Finales. Daran scheiterte Pep Guardiola, als „Messias“ des modernen Fußballs einst geholt, aber auch Pep scheiterte an dieser Aufgabe in München. Dreimal deutscher Meister in Folge, zwei Mal Pokalsieger, zu wenig – für ihn selbst. Jetzt versucht sich das katalanische Idol in England, bei Manchester City, und ist noch im Rennen. Carlo Ancelotti, der Grandsignore des europäischen Fußballs, gewann die Champions-League als Spieler und Trainer mehrmals. Nach einer deutschen Meisterschaft und einer deftigen 0:3-Niederlage in Paris während der Gruppenphase (ein Weiterkommen war nicht in Gefahr), unter ominösen Umständen, musste „Carlone“ seine Koffer packen. Davor waren aber die „Rumors“ schon groß genug, zu lasch das Training, zu viel Italienisch in seinem Trainerteam, zudem ein Konditionstrainer und Freund Ancelottis, der im Kabinentrakt rauchte.

Hoeneß, Rummenigge und Co. wollten vielmehr, dass die Socken qualmen. Und, Ancelotti wollte wie einst bei Real in Madrid, die Bayern mit einem gepflegten Taktikfußball und Gelassenheit zum Champions-League-Titel führen, aber bitte, wer sagte schon, so schnell? (Noch heute schwärmen Weltstars wie Ronaldo, Marcelo, Didier Drogba oder Lampard von Mister Ancelotti).

In Bayern ticken die Uhren eben anders. Man will global dabei sein, aber irgendwie handeln die Akteure oft im Regionalmodus. Jeder gibt seinen Senf dazu, die Expertendichte im Bayern-Board, ist eben hoch. Pep Guardiola konnte damit umgehen, auch ein Louis van Gaal, Heynckes sowieso, und sie lieferten auch. Bei Jupp Heynckes und dem legendären Triple-Gewinn, passte einfach alles. Die Spieler auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Das zu toppen ist schwer.

Niko Kovacs Zeit, egal, wie erfolgreich er die Saison noch beenden wird, scheint abgelaufen zu sein – angezählt ist der Coach allemal, und würde somit mit einer schweren Hypothek in die neue Saison gehen. Die Vorwürfe sind ähnlich wie bei Carlo Ancelotti, ein enger Kreis um den Trainer, lasse wenig Einblicke, und es werde in diesem Zirkel, mit Assistenten und Funktionären (einer ist sein Bruder Robert, Torwarttrainer Toni Tapalovic, sowie Sportdirektor „Brazzo“ Salihamidzic), oft auf Kroatisch parliert. Obwohl Niko Kovac sehr gut Deutsch spricht, es wirke dann, als sollen andere nicht zuhören – was natürlich ein rein emotionales Argument ist. Aber, alles vorgeschobene Gründe, die Spielweise ist es wohl, die in München ständig der Kritik ausgesetzt ist – auch ein Kantersieg wie zuletzt gegen die Borussia aus Dortmund, beruhigt die Gemüter nur kurz. In der Spur sind die Bayern wieder, aber Kovac wirkte oft gestresst, sich immer und immer wieder rechtfertigen zu müssen. Gibt dieser Kader überhaupt so viel her? Musste eben nicht deshalb auch Guardiola kleinere Brötchen backen?

Egal, wer der Nachfolger von Niko Kovac wird, er muss sich schnell in München und in diesem schwierigen Umfeld zwischen Tradition und Moderne einfinden. Carlo Ancelotti sprach sehr wenig Deutsch, und wollte es auf seine alten Tage auch nicht mehr lernen. Englisch war die Amtssprache, oder Sohnemann und Co-Trainer Davide, erläuterte die Übungen. Giovanni Trapattoni, scheiterte in seiner ersten Saison, holte später aber seine Titel nach bei den Bayern. Eine Meisterschaft und einen Pokal. Pep Guardiola, nach seinem „Sabbatical“ in New York, überraschte alle bei seiner ersten Pressekonferenz mit hervorragenden deutschen Sprachkenntnissen. Ein Detail-Freak war Pep in jeder Lebenslage. Louis van Gaal, der, und das gibt auch „Erzfeind und Freund“ Uli Hoeneß heute gern zu, den neuen modernen Bayern-Fußballstil implementierte, war der deutschen Sprache natürlich auch mächtig. Louis van Gaal, von dem Pep Guardiola und auch Jose Mourinho viel lernten, wurde nach einem schwierigen Anfang noch Meister, und Pokalsieger. Und, der Holländer erreichte das Champions-League-Finale gegen Mourinhos Inter Mailand (0:2). Jupp Heynckes wiederum, baute auf diese Arbeit auf.

Nun also Antonio Conte? Ausgerechnet dieser Antonio Conte? Deutsch wird er sicher nicht so schnell lernen, wozu auch? Englisch sei die Fußball-Business-Sprache. Der Vertrag soll bereits aufgesetzt worden sein, verlauten einige Medien. Antonio Conte, kein einfacher Mann und Trainer, Experten meinen gar, ein ganz „schwieriger Typ“, dem die Spieler aber aus der Hand „fressen“, weil sie sehen, dass seine Trainingsarbeit und seine Prognosen Früchte (des Erfolgs) tragen.

Man kann einige zu Contes Biografie auch auf dem Blog checkfussballberater.de lesen, von dessen Anfängen als Trainer, und über seine recht erfolgreiche Zeit als Spieler bei Juventus.

Antonio Conte, also – der über die Squadra Azzurra zum FC Chelsea wechselte. Davor drei Mal in Folge Meister mit Juventus Turin, Conte läutete die neue Ära ein (die bis heute andauert, auch unter Allegri), mit der italienischen Nationalmannschaft scheiterte er bekanntlich gegen Deutschland erst im Viertelfinale nach Elfmeterschießen bei der Fußball-EM 2016. Ein eher durchschnittliches italienisches Team hatte Conte übernommen, und formte es binnen kürzester Zeit zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die an sich glaubte, dem Land seinen Stolz zurück gab, und für den Trainer auch die letzten Metern noch rannten.

Bei Chelsea fordert er gleich die geeigneten Spieler. Und zwar nach dieser Formel: „Wichtig sind Spieler, die mitziehen, wenn der Trainer etwas von ihnen verlangt…“ Und Antonio Conte, selbst nicht mit viel Talent als Spieler, dafür aber mit einem unbändigen Willen ausgestattet, kann von Spielern sehr viel verlangen. Angst vor Stars? Hatte Conte noch nie.

Bei Chelsea angekommen, verbiss sich der Süditaliener wahrlich in Taktikdetails, und ließ die Spieler stundenlang (auch trocken ohne Ball) Positionen üben, Schrittrhythmus und Abfolge. Jeder Spieler weiß bei Conte, was er auf dem Feld zu tun habe.

Kein Wunder, beim FC Chelsea wurde Conte auch auf Anhieb Meister, und eine Saison später Pokalsieger. Mit seiner emotionalen Art riss er die Fans mit. 


Antonio Conte sammelte und verinnerlichte im Laufe seiner Karriere viele Einflüsse, und ging dabei aber stringent seinen eigenen Weg als Trainer – geschuldet der sich verändernden Zeit – „nichts bleibt stehen, alles entwickelt sich“, nur die Regeln im Team würden für alle gleich sein und gelten, auch Conte ist ein Verfechter von Disziplin im Kader – bei allen Freiheiten.

Bis heute spricht man bei Juventus darüber, wie Antonio Conte am ersten Arbeitstag in Turin als neuer Trainer zum Team sprach. Jahre ohne Titel knabberten am Stolz des Rekordmeisters, aber Antonio Conte erkannte seine Chance, er hatte die „Juve-DNA“ in sich, gewann mit dem Club den Henkelpott (damals gegen Ajax Amsterdam, nach Elfmeterschießen).

Und, als der Sender Sky-Sport während der ersten Saison von Conte einmal ganz nah am Trainingsgeschehen war, die Bilder live in die Wohnzimmer sendete, bekamen nicht wenige Zuschauer und Juve-Tifosi Gänsehaut, denn zu vernehmen waren Bruchstücke seiner Ansprache an die Spieler, acht Spieltage vor Saisonende, und Juventus war immerhin ungeschlagen, hier ein Auszug:

„Lasst uns nach vorne schauen, wer vor uns steht… wir sind so weit gekommen. Wir haben eine Reife erlangt, so dass wir nun auch endlich alles geben können bis zum Ende. Wie ich bereits gesagt habe, die anderen müssen unbedingt den Titel gewinnen, wir wollen ihn aber. Wir dagegen lassen nicht nach, bis zum Ende müssen wir noch einige Male Blut spucken, und außerdem möchte ich bis zum Saisonende keinen oberflächlichen Einsatz sehen, weder im Training noch im Spiel. Denkt an das Juve-Stadium, an die Fans, welchen Aufwand sie aufbringen, um uns zu sehen…“

Der Reporter sprach später von Contes „Geist und Spirit“, der alle elektrisiert habe. Schließlich sei es auch keine normale Ansprache gewesen, sondern eher eine, wie man sie nach einer Niederlage erwartet hätte. Juve blieb ungeschlagen. So eine Trainerbeschreibung würde auch zu den Bayern passen. Frei wäre er. Doch auch er hat seinen Preis, die AS Roma und Inter Mailand haben wohl vorerst Abstand genommen. Die Mailänder müssten den jetzigen Trainer Spalletti gehörig abfinden, und obendrein Conte bezahlen – ein Sportmagazin machte die Gesamtrechnung von über 60 Millionen Euro auf.



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